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Ausgabe: 04/2011 Ein Meer von Buchstaben
Vor 72 Jahre wurde die Mainzer Hauptsynagoge durch die Nazis zerstört. Jetzt hat die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt eine neue Synagoge erhalten – genau an jenem Standort in der Mainzer Neustadt, an dem die alte Hauptsynagoge stand. Die Neue Züricher Zeitung hatte bereits im Vorfeld des Baubeginns vom „vielleicht weltweit interessantesten Synagogenprojekt“ gesprochen, eine Schlagzeile, die auch von anderen Blättern aufgegriffen wurde. Denn die Architektur des neuen – futuristisch anmutenden – Gemeindezentrums sorgt international für Aufsehen. Entworfen hat den Bau der Architekt Manuel Herz. 2010 wurde die neue Synagoge in Anwesenheit des Bundespräsidenten eingeweiht.
Einzigartig und charaktervoll
Dem Baseler Architekten Manuel Herz, der auch Stadtplanung an der ETH Zürich lehrt, ist mit einem Etat von sechs Millionen Euro ein besonderer Bau gelungen – eigenartig, charaktervoll und, was für viele Architekten das Schwerste ist: maßstabsgerecht. Seine stilistische Selbstsicherheit beeindruckt ebenso wie die Materialwahl, die Bildhaftigkeit, die Integration in den Stadtkörper. Unter den hohen Platanen der Hindenburgstraße ragt das Zackengebirge der Synagogendächer zwischen den siebenstöckigen, großbürgerlichen Mietshäusern nicht auftrumpfend, sondern verbindend auf – der Vorgängerbau mit seiner überkuppelten Rotunde wirkte dagegen fast wie ein monumentales Festspielhaus. Die neue Synagoge erhebt sich in der Mainzer Neustadt zwischen Wohnhäusern und der von hohen Bäumen gesäumten Hindenburgstraße. Je nach Blickwinkel und Lichteinfall ergibt sich für den Betrachter eine neue Perspektive auf das Gebäude. Keine Wand steht im rechten Winkel zu einer anderen. Die Fassade besteht aus tausenden blaugrünen Keramik-Elementen, die wie ein asymmetrisches Stäbchenparkett wirken, das in konzentrischen Mustern um die unterschiedlich großen Fenstern angeordnet ist und so eine Vielzahl von Perspektiven erzeugt.
Die Gebäudeteile in der Form von hebräischen Buchstaben
Der Anblick der Synagoge ist gewöhnungsbedürftig, doch das sei ein durchaus gewollter Effekt, erklärt ihr Architekt Manuel Herz. Sie solle sich dem Betrachter nicht auf den ersten Blick erschließen, sagt er: „Es soll ein Gebäude sein welches dem Betrachter immer wieder neue und überraschende Aspekte zeigt.“ Denn banal dürfe eine Synagoge nicht sein. Die Silhouette des beeindruckenden Bauwerks steckt voller Symbolik. Die Gebäudeteile sind abstrahiert hebräischen Buchstaben nachempfunden. Zusammen ergeben sie das Wort „Keduschah“, was so viel bedeutet wie Segensspruch oder Erhöhung. Der Bauteil der die Synagoge beinhaltet wird durch ein sehr hohes, hornförmiges Dach dominiert, welches das ‚Shofar’ andeutet, das Widderhorn das an die verhinderte Opferung von Isaac ...
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