Mineralische Pigmente

Von Ocker und Gips

Der Süden Frankreichs erstrahlt in warmen Ockertönen, während Pariser Fassaden steinig-neutral sind. Trotz dieser Unterschiede gibt es Gemeinsamkeiten: Die mineralischen Pigmente.

Armin Scharf

Frankreich ist allein aufgrund seiner Ausdehnung, den klimatischen und geologischen Unterschieden ein Land der vielen Gesichter, Mentalitäten und Farbspektren. So lässt sich der Süden kaum mit dem Norden vergleichen, der Westen nicht mit dem Osten. Besonders augenscheinlich wird dies beim Vergleich des Luberons mit der Metropolregion Paris. Hier lassen sich Verschiedenheiten geradezu mit Händen greifen – auch wenn die beiden Gebiete etwas vereint: Der Hang zur Tradition, der sich auch in der Farbigkeit der Fassaden widerspiegelt.
Ocker im Luberon
Die wohl hochwertigsten und vielfältigsten Ockersorten kommen unbestritten aus Südfrankreich und dem Gebiet der Loire. Gelbe und rote Ockersorten finden sich im Luberon – dem nördlichen Teil der Provence – in großer Zahl, oftmals bereits direkt an der Oberfläche der Böden. Die Ockerbrüche dort gehören heute zu den touristischen Highlights, sind aber eigentlich die traditionellen Quellen der dortigen Baufarbigkeit. Wie bedeutend diese Mineralien für die Region waren und sind, zeigt das Ockermuseum „Ôkhra“, wo Abbau und Anwendung der Pigmente dokumentiert sind.
Exkurs Pigmente
Mineralische Pigmente bestehen chemisch aus Verbindungen von Metallen mit Sauerstoff und anderen Nichtmetallen. Es handelt sich also um Metalloxide, die ausgesprochen stabil gegenüber äußeren Einflüssen sind – am verbreitetsten dürften Eisenoxide sein. Die auch Erdfarben genannten Pigmente gewinnt man durch Schlämmen, Trocknen, Mahlen und Sieben. Da die exakte Zusammensetzung der Oxide je nach Fundort stark variiert, finden sich Unmengen an Nuancen in der Natur – oft in unmittelbarer Nachbarschaft. Die Vielfalt lässt sich durch das sogenannte Brennen sogar noch steigern. Ocker beispielsweise basiert auf wasserhaltigen Eisenoxiden, deren Tönung von lichtem Ocker über Goldocker bis zu dunkelroten Nuancen reicht. Im Brennvorgang entstehen vor allem rote Ockertöne, etwa die bekannte Terra di Siena.
Allen mineralischen Pigmenten, zu denen beispielsweise auch Umbra, Grüne Erde oder Champagnerkreide zählen, ist die ausgesprochen hohe Lichtechtheit gemein – ideal also für die Verwendung in Außenfarben. Weil man früher das verwendete, was vor der Tür verfügbar war, konnten sich durch die verschiedenen Pigmentvorkommen regional geprägte Farbigkeiten ausprägen. Diesen Umstand berücksichtigt der neue Histolith-Fächer. Er umfasst neben den Klassikern wie Französischer Ocker, Terra di Siena oder Goldocker auch für deutsche Regionen typische Pigmentierungen, beispielsweise Odenwälder Ocker oder das Amberger Gelb. Neben historischen Pigmentfarben sind außerdem regionaltypische Farben von Natursteinen und Erden integriert. Der Fächer ist also einerseits regionaltypisch, aber auch europäisch angelegt – und ist so ein praktisches Werkzeug für die Gestaltung von Altbauten oder Denkmalen.
Die Liebe zum Ocker
Natürliche Ockerpigmente sind an vielen Orten auffindbar, daher zählt diese Pigmentfamilie zu den verbreitetsten überhaupt – zudem wirkt Ocker sehr harmonisch und freundlich.
So dominiert vor allem in den zwischen dem 12. und 16. Jahrhundert entstandenen Dörfern des Luberons der Ockerton. Die kleinteiligen Ortschaften und Bauten bestehen aus Kalk-Sedimentgesteinen, die in nahen Steinbrüchen gewonnen wurden. Landschaft und Gebäude verschmelzen so zu einem harmonischen Ganzen. Der Farbklang setzt sich aus dem hell-gelblichen Kalkstein, bunt gebrannten Dachziegeln sowie Akzenten auf Türen und Fensterläden zusammen. Die Palette reicht hier von deckenden oder lasierten Lavendelfarben über Pastellblau, bis zu hellen Grüntönen oder dunkel lasierten Brauntönen. Sogar kräftige, klassische Rottöne sind anzutreffen. Ähnliche Farbklänge finden sich auch in anderen Regionen Südfrankreichs – und sogar im alten Viertel von Lyon, dem „Vieux Lyon“.
Zurückhaltendes Paris
Ganz anders als der leuchtende Süden präsentiert sich die Hauptstadt: Pariser Fassaden werden von hellen Steintönen dominiert, die auf die Zeit der Hausmannschen Stadtplanung des 19. Jahrhunderts zurückgehen. Bis heute ist dieser zurückhaltende, ja fast unfarbige Stil im Stadtkern vorgeschrieben. Ebenso wichtig ist der Gipsputz, „Plâtre de Paris“ genannt. Seit Louis XIII wird er genutzt, um den Fassaden ein erhabenes, an Stein erinnerndes Aussehen zu geben und Schmuckelemente wie Profile oder Gesimse zu realisieren. Die Farbigkeit dieser Putze orientiert sich an hellen Natursteinen oder Kalkfarben. Farbakzente setzen beispielsweise hölzerne Ladenfronten, die „Devantures“ und Türen in Bordeauxrot oder Dunkelblau- beziehungsweise Grüntönen.

praxisplus
Vor rund drei Jahren startete das Caparol FarbDesignStudios dieses Projekt zur Erkundung typischer Farbkulturen in europäischen Ländern. Dieses Mal waren die Farbexperten mit ihren französischen Kollegen unterwegs. Mit dem Blick auf Frankreich endet vorerst die Reihe im Malerblatt.
Mehr Beispiele, weitere Aspekte im Kontext mit Farbe und Materialien zeigt übrigens auch die Website: