Interview mit Ralf Pasker und Bettina Hahn

Fokus Dämmung

Der Fachverband WDVS setzt sich für die energetische Sanierung mit Wärmedämmverbundsystemen und seit einiger Zeit auch für Innendämmung ein. Im Interview mit dem Malerblatt stellen Geschäftsführer Ralf Pasker und die technische Referentin Bettina Hahn den Status aktueller Projekte vor.

Malerblatt: Der Fachverband WDVS hat sich zur Aufgabe gemacht, einheitliche Richtlinien für das Bauen mit Wärmedämmsystemen aufzustellen, immer unter besonderer Beachtung des Systemgedankens. Folgen die neuen Umweltproduktdeklarationen (EPDs) auch diesem Grundsatz? Bettina Hahn: Umweltproduktdeklarationen (Environmental Product Declaration = EPDs) beschreiben die Ökobilanz von Produkten im gesamten Lebenszyklus, von der Herstellung bis zu der Entsorgung oder Rückführung in den Recycling-Kreislauf. Die neuen EPDs, die entsprechend der aktuellen europäischen Norm erstellt wurden, liegen für folgende WDVS vor:

  • WDVS mit EPS-Dämmplatten geklebt
  • WDVS mit EPS-Dämmplatten geklebt und gedübelt
  • WDVS mit Mineralwolle-Lamellen geklebt
  • WDVS mit Mineralwolle-Dämmplatten geklebt und gedübelt
  • WDVS mit Schienenbefestigung
Die fünf EPDs beziehen sich auf das jeweilige Gesamtsystem und sind nicht auf einzelne Bestandteile wie Kleber, Spachtelmasse usw. ausgelegt. Von daher ist die Antwort ja. Was übrigens nicht bilanziert wird, ist die energetische Verwertung am Ende des Lebenszyklus, also die „Energiegutschrift“, die bei der Verbrennung, entsteht.
Wo kommt der Maler als Verarbeiter ins Spiel? Bettina Hahn: Der Nachhaltigkeitsaspekt wird beim Bauen immer wichtiger. Messbar wird die Nachhaltigkeit über die Zertifizierung von Gebäuden. Zum Beispiel über ein Zertifikat der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (DGNB). Das ist ein Zertifizierungssystem für nachhaltige Bauten. Es vergibt Gütesiegel in den Qualitätsstufen Gold, Silber und Bronze. Die EPDs dienen hier als Berechnungsbasis. Der Maler ist maßgeblich für die Qualität der Ausführung und damit auch für die Nachhaltigkeit verantwortlich.
Beim Thema Entsorgung herrscht immer noch Verunsicherung. Kürzlich wurde die AG EHDA ins Leben gerufen. Wofür steht diese Abkürzung? Ralf Pasker: Die AG EHDA ist eine verbändeübergreifende Aktionsgemeinschaft für die sichere Entsorgung von HBCD-haltigen Dämmstoffabfällen. Auf Initiative des Industrieverbands Hartschaum e.V (IVH) haben sich Verbände aus Handwerk, Fachhandel, Bau-, Dämmstoff-, Entsorgungs-, und Kunststoffbranche zusammengefunden. (Anm. der Red.: Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie auf Seite 6). Bis Endes dieses Jahres dürfen HBCD-haltige Dämmstoffmaterialien entsorgt werden wie bisher, ohne Anwendung des neuen Abfallschlüssels. Wir müssen diese Zeit nutzen, um Lösungen aufzuzeigen, mit denen wir sicherstellen, dass diese HBCD-haltigen Dämmstoffe sicher aus dem Kreislauf herausgenommen und verwertet werden. Anschließend müssen alle Branchen, die an dieser Prozesskette beteiligt sind, möglichst früh informiert werden, damit sie entsprechend handeln können. Damit diese Verunsicherung, die es letztes Jahr gegeben hat, nicht nochmal passiert.
Zu dieser Thematik haben Sie im vergangenen Jahr das Projekt Polysterene Loop vorgestellt. Können sie das Projekt kurz umreißen? Bettina Hahn: Der Polysterene Loop ist ein Pilotprojekt. Im August nächsten Jahres soll die erste Anlage in Terneutzen/Niederlande in Betrieb gehen, die Polystyrol mit altem wie auch neuem Flammschutzmittel nach dem „CreaSol“-Verfahren im industriellen Maßstab in den Wertstoffkreislauf zurückbringt. Mit dem Verfahren kann man das in den Platten enthaltene Brom zurückgewinnen. Das ist interessant, besonders für die Hersteller von Flammschutzmitteln. Die Anlage soll eine Jahreskapazität von ca. 3.000 Tonnen haben. Der Fachverband WDVS ist hierbei einer der Projektpartner. Fördergelder aus dem EU-Programm LIFE 2020 sowie Kreditlinien sind zugesagt. Aktuell wird der Herstelleranteil an der Finanzierung aufgebracht.
Was ist das langfristige Ziel des Polysterene Loop? Ralf Pasker: Wenn sich das System bewährt, hoffen wir, dass der Polysterene Loop an die bestehende Recycling-Kette angegliedert wird. Weitere Prozessbeteiligte haben wir bereits eingebunden. Das eröffnet die zukünftige Möglichkeit, dass die zurückgewonnenen Stoffe wieder in den Rohstoffkreislauf einfließen können. Damit erfüllen wir die künftigen Anforderungen der Europäischen Union hinsichtlich hoher Recyclingquoten bei Bauprodukten.
Zum Thema Rückbau von WDVS-Fassaden: Wie werden sich die anfallenden Mengen in Zukunft entwickeln? Ralf Pasker: Im Regelfall werden WDVS-Fassaden aus den 80er-Jahren nicht zurückgebaut, sondern bei der Sanierung aufgedoppelt. Dadurch verlängert sich deren Lebensdauer. Ich bin davon überzeugt, dass der Hauptgrund für den Rückbau und Recycling zukünftig der sein wird, dass man das Gebäude selbst abbricht. Das wird vermutlich in den nächsten Jahren deutlich zunehmen.
Mitte 2016 haben Sie eine Richtlinie für Innendämmung vorgestellt. Was sind die nächsten Schritte? Ralf Pasker: Wir planen, auf der Grundlage der neuen Technischen Richtlinie Innendämmsysteme eine Schulungspräsentation zu erarbeiten. Die Schulungen möchten wir einsetzen, um den aktuellen Wissensstand zu vermitteln, z. B. in Rahmen von Veranstaltungen bei Innungen. Wir stellen immer noch fest, dass es Maler gibt, die total verunsichert sind, weil man ihnen gesagt hat, dass Innendämmung nicht funktioniert. Mit der Schulung können wir diese Vorbehalte entkräften.
Wann werden die Präsentationen durchgeführt? Bettina Hahn: Die ersten Schulungspräsentationen sind geplant für den Herbst dieses Jahres.
Warum befasst sich der Fachverband WDVS mit dem Thema Innendämmung? Ralf Pasker: Ich erlebe in Gesprächen mit WDVS-Kritikern sehr oft, dass gesagt wird „Ihr packt die Fassaden von außen ein“ – denkmalgeschützte Fassaden verschwinden hinter einer Dämmstoffschicht. Natürlich gibt es Fassaden, die nicht geeignet sind für eine Dämmung von außen. Wenn man diese Gebäude energetisch ertüchtigen möchte, greift man zur Innendämmung. Dieser Markt wird zukünftig weiter wachsen.
Sehen Sie hier auch für den Maler Potenzial? Bettina Hahn: Ich sehe in diesem Bereich in jedem Fall Chancen für den Maler. Wir möchten hier das Bewusstsein schärfen. Wenn ein Maler z. B. zu einem Projekt gerufen wird und Schimmel in Innenräumen vorfindet, sollte er den Bauherren gut beraten können. Wenn sich bei der Analyse herausstellt, dass eine Innendämmung die Schimmelproblematik durch Entschärfung von Wärmebrücken und eine Anhebung der Oberflächentemperatur nachhaltig lösen kann, profitiert er von einem höheren Auftragsvolumen und kann sich als kompetenter Ansprechpartner darstellen.
Das Interview führten Carola Neydenbock und Martin Mansel

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