Werner Schledt,
Werner Schledt, Unverdünnt aufgetragen Mattes und Glänzendes aus dem Malerhandwerk

Fataler Trend

Ob er der Künstler sei, wollte ich von dem sympathischen jungen Mann, der in einer Ausstellung zeitgenössischer Malerei untätig rumstand, wissen. „Nein, nur die Aufsicht“, war die Antwort. Wir kamen ins Gespräch und er erzählte mir von sich: Nach Abitur, Studium der Kunstgeschichte und Promotion hoffe er, dass eine seiner vielen Bewerbungen für einen adäquaten Job endlich Erfolg habe. Viel mehr als im Supermarkt als Aushilfe werde er dabei freilich auch nicht verdienen, schränkte er ein. „Studentenfutter“ halt. Deshalb werde er wahrscheinlich eher als angestellter Taxifahrer enden. „Uber“-Fahrer statt Überflieger – eine der zahllosen Akademiker-Karrieren, besonders bei den Geisteswissenschaften, vor denen Eltern und Lehrer ihre Kinder und Schüler warnen sollten.

„Uber“-Fahrer statt Überflieger
„Gestern wusste ich noch nicht mal wie man Ingenieur schreibt – und heute bin ich selber einen“, hat man bisweilen über das Ingenieurstudium spöttisch parliert. Inzwischen ist das Studium zum Diplom-Ingenieur so exotisch aufgesplittet, dass mancher Absolvent nicht mal mehr weiß, dass er Ingenieur ist. Derzeit halten Experten schon jeden fünften dieser Studiengänge für überflüssig. Schlimm ist auch, dass es die jungen Akademiker nicht mehr in die Wirtschaft drängt: Jeder dritte Student will in den Staatsdienst und noch mal fast genauso viele in Kultureinrichtungen.
Als ob es dort so viele Jobs gäbe. Allenfalls jeder Zehnte wird da unterkommen. In dieser Situation müssen Handel und Handwerk ohne Unterlass und auch durch ungewöhnliche Maßnahmen darüber informieren, welchen Chancen gerade der Mittelstand bietet. Damit sich der fatale Trend zu Studium und Staatsdienst umkehrt. Gelingt dies nicht, wird der Fachkräftemangel noch dramatischer und immer mehr Studierte sitzen am Steuer – von Taxis.
Mal ein Farbenmahl
Farbe essen – was sagt man dazu? Vielleicht „Ma(h)lzeit!“ Denn einfarbige Menüs, wie sie nicht nur als „Farbe essen“ aktuell gleich in mehreren Büchern und Artikeln vorgestellt werden, schmecken nicht nur lecker und intensiver, sondern wirken auch beruhigend und harmonisch. Monochrome Menüs und das Kochen nach Farben sind allerdings nichts Neues: Schon Fürst Pückler hat seine Eiscreme in unseren damaligen Nationalfarben kreiert und einfarbige Mahlzeiten gab’s bereits im Mittelalter. Warum wärme ich das auf? Weil man als Maler was draus machen kann. Anstelle des traditionellen Gänse-Essens zu St. Martin z. B. mal „Gans anders“, vielleicht ein „Mahl in Rouge“ für gute Kunden oder die Mitarbeiter. Rot natürlich nur, wenn das auch Ihre Firmenfarbe ist. Von den sechs Grundfarben ist auch Gelb gut geeignet: „Es schmeckt und stimmt fröhlich“, sagen die Farbschmecker. Nur auf Blau, die Lieblingsfarbe der Deutschen, hat niemand Appetit. Sie taugt, trotz Blaukraut, Blaubeeren, Pflaumen und blauen Trauben, die ausnahmslos eher violett sind, als einzige nicht für ein Farben-Mahl. Also: Laden Sie als originelles Maler-Event mal zu einer Farbtafel – oder legen Sie Ihren Kunden wenigstens eines der Bücher „Kochen nach Farben“ auf den Gabentisch. Dies als Maler-Marketing-Rezept. Und eines für ein Menü in Ihrer Firmenfarbe können Sie auch anfordern.
Download zum Start-up
Betriebe, die auf Restaurierung und Denkmalpflege spezialisiert sind, bieten sich in England gute Marktchancen, weil dort großer Sanierungsbedarf besteht, aber qualifizierte Handwerker fehlen. Allein in London stehen fast 20. 000 Gebäude unter Denkmalschutz. Freilich geht ein Einstieg in diesen Langzeit-großmarkt nicht von heute auf morgen, und bei den Briten dauert er wohl so lange wie deren Brexit. Informieren und vorbereiten können Sie sich mit der ZDH-Broschüre „Chancen für Handwerker: Gebäudesanierung und Denkmalschutz im Vereinigten Königreich“, die können Sie zum Start-up auch downloaden.
Bürokramentlastungsgesetz
Richtig heißt das neue Gesetz, das jetzt endlich kommen soll, Bürokratieentlassungsgesetz. Und dieses Kürzel ist schon ein Stückchen Bürokratieabbau, denn die korrekte Bezeichnung lautet noch ganz bürokratisch „Zweites Gesetz zur Entlastung der mittelständischen Wirtschaft von Bürokratie“. Damit sollen vor allem auch kleinere Handwerksbetriebe z. B. dadurch entlastet werden, dass nicht mehr geschätzte Sozialversicherungsbeiträge vorfällig werden, die anschließend wieder korrigiert werden müssen. Das verursacht allein im Malerhandwerk pro Monat rund eine Million Vorfinanzierungskosten und darüber hinaus im gleichen Zeitraum auch zusätzlichen Verwaltungsaufwand von 200. 000 Euro. Das hat unser Institut für Unternehmensführung berechnet. Jetzt rechnen Bundesverband und der ZDH damit, dass der Gesetzgeber ab 1.1.2017 auf die Bürokratiebremse tritt und unsinnige Belastungen zum Stehen bringt.
Blaues Wunder
Blau gemacht, aber ungewollt ein völlig neues Blau, haben Forscher einer amerikanischen Universität. Eigentlich wollten sie ein Material für Elektrogeräte entwickeln, als zufällig der sprichwörtliche Funke übersprang und sie ein blaues Wunder entdeckten: „XlmMu-Blau“, eine einzigartige Farbe, extrem beständig und absolut ungiftig. Das neue Blau wird nicht nur als kühle Farbe empfunden, es kühlt tatsächlich und kann deshalb auch bei der energetischen Modernisierung zum Kühlen eingesetzt werden. Kein Wunder, dass die Hersteller schon ganz heiß drauf sind.
Hundertprozentig
Freischaffende schaffen bisweilen für uns – und wir für deren Rente. Wieso eigentlich? Entwirft z. B. ein selbstständiger Grafiker eine Anzeige oder einen Prospekt, müssen wir für ihn an die Künstlersozialversicherung zahlen. Als ob Künstler und Publizisten schutzbedürftiger seien als andere Selbstständige. Sie könnten uns doch die Vorsorgekosten berechnen und die Beiträge selbst abführen. Auch die Prüfung der Versicherungspflicht liegt beim Betrieb, und der Verwaltungsaufwand für das Verfahren und die Betriebsprüfungen ist enorm: Für jeden Euro in die Künstlerkassen ein weiterer für den Aufwand. Also hundert Prozent. Deshalb fordern Unternehmerverbände jetzt die Abschaffung dieser Regelung. Sie haben recht. Hundertprozentig.

praxisplus
Relevantes für die Branche entdecken, Anstöße geben, manche Dinge auf die Schippe nehmen – genau das macht Werner Schledt in seiner Kolumne „Unverdünnt aufgetragen“. Der Autor war jahrzehntelang Betriebsberater und Verbandsgeschäftsführer im hessischen Maler- und Lackiererhandwerk.
Werner Schledt
Gangstraße 35 c
60388 Frankfurt /Main
Tel.: (06109) 34208