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Alles digital

Nachdem Büro und auch Farbgestaltung weit gehend durchdigitalisiert sind, beginnen die Bits und Bytes nun auch in die konkrete Arbeit vor Ort umzukrempeln. Ein Durch- und Ausblick mit Tipps für die Zukunft.

Armin Scharf

In den neunziger Jahren widmeten sich gleich mehrere Forschungsprojekte dem potenziellen Einsatz von Robotern auf der Baustelle. Damals versuchte man vor allem, den handwerklich geprägten Rohbaubereich durch die Automatisierung zu rationalisieren. Doch die meisten dieser Projekte ließen sich nicht marktfähig umsetzen. Hohe Kosten und eine nur teuer zu erkaufende Flexibilität beließen die Roboter in den Industriehallen, wo sie unter exakt definierten Bedingungen und standardisierten Abläufen bestens funktionieren. „Am Ende stünde man mit einer Maschine da, die vier Millionen Euro kostet und nochmals Software für vier Millionen bräuchte“, erläutert Professor Fabio Gramazio von der ETH Zürich im Magazin Technology Review. „Und das im Vergleich zu den Kosten für einen ukrainischen Maurer.“
Der Malerroboter lässt warten
Im Malerbereich stellt sich die Situation ähnlich dar: Ende 1997 berichteten wir über ein Projekt des Stuttgarter Fraunhofer-Institutes IPA. Dort dachte man über einen baustellengängigen Roboter für großflächige Wandbeschichtungen nach. Allerdings wurde es schnell wieder still um das Konzept. „Es gab damals keine echte Resonanz auf unsere Entwicklung, weder von Seiten der Farbenhersteller noch von Spritzgerätefirmen“, resümiert heute Lackierexperte Ulrich Hoffmann vom IPA. Und weil das IPA wie alle Fraunhofer-Institute nur Projekte mit Erfolgschancen und Industriepartnern weiterverfolgt, landete der Malerroboter im Archiv. Daran hat sich offenbar bis heute nichts geändert: „Es gibt keine aktuellen Projekte im Malerbereich.“ Eher schon komme der Roboter für die Reparaturlackierung von Fahrzeugen zum Zug. Dann nämlich, wenn Lackierzentren mit Fließfertigung aufgebaut werden. Fließfertigung meint in diesem Zusammenhang eine räumlich getrennte Abfolge von Vorbereitung, Beschichtung und Trocknen.
Hilfe vom Roboter
Wo also bleibt die Digitalisierung? Antwort: Bei der Gestaltung. Damit sind jetzt nicht die unterschiedlichen Software-Pakete für die Anfertigung von Farbentwürfen gemeint. Es geht vielmehr um Produktionsverfahren, mit denen Oberflächen eine neue Gestaltung erfahren können. Professor Gramazio, den wir bereits zitierten, gab seinen Studenten einen Industrieroboter an die Hand, entsprechende Software und jede Menge Ziegel. „Die programmierte Wand“, so der Titel des Diplomwahlfaches, erbrachte Mauerwerksentwürfe, die den traditionellen Steineverband auflösten. So entwarfen die Studenten ein drei auf zwei Meter großes Wandsegment zunächst am Rechner – mit dreidimensionalen Auswölbungen, verdrehten Steinen, Durchsichten oder Durchbrüchen. Der Roboter schließlich setzte die ungewöhnlichen Mauerformen exakt um – exakter und schneller als der „ukrainische Maurer“. Praktisch könnte dies neue Wandformen ermöglichen, die allerdings vorproduziert und als Modulelement vor Ort montiert werden.
Fotos an Wand und Decke
Betrachten wir daher einen anderen Bereich: Den Digitaldruck. Wandbeläge, nach individuellen Entwürfen in kleinster Auflage gefertigt, haben sich eine Nische erschlossen – auch darüber haben wir bereits berichtet. Nun aber nimmt sich der Digitaldruck auch anderen Trägermaterialien an.
So offeriert beispielsweise Caparol, die neuen Capacoustic-Melapor-Akustikplatten per Inkjet-Verfahren mit unterschiedlichsten Motiven zu veredeln. Und das photorealistisch, großformatig und in maximaler Farbtonvielfalt. Neben grafischen, typografischen Vorlagen, am heimischen Rechner erstellt, lassen sich auch digitale Fotos umsetzen – das erschließt der akustischen und optischen Raumgestaltung ganz neue Möglichkeiten der individuellen Gestaltung.
Von der Küche zum Gebäude
Während das Caparol-Verfahren nur im Innenbereich einsetzbar ist, geht die Pfullendorfer Alpicto GmbH bereits in den Außenbereich.
Die Alpicto-Print-Veredelung basiert ebenfalls auf dem Inkjet-Verfahren, nutzt aktuell sechs Farben und ein abgestimmtes System aus Primer, Tinte und Decklack. Alpicto ist ein Tochterunternehmen des Küchenherstellers Alno, der heute rund ein Fünftel seiner Fronten im Druckverfahren dekorieren lässt. Und zwar auch Holztexturen. Das geht im Prinzip so: Man nehme ein Standard-Furnier, appliziere es auf einen hölzernen Träger und bedrucke es dann mit einem beliebigen Furnierbild. Das lässt sich jederzeit farbgenau reproduzieren, formatgerecht anpassen und digital modifizieren. Statt Echtfurniere in großen Mengen im Lager zu halten, genügt der Griff zur Rechnerdatei. Per Inkjet-Drucker wird dann das Motiv auf das vorgeprimerte Substrat übertragen und abschließend mit einem Klarlack kratzfest versiegelt. Auf diese Weise können auch Edel- und Tropenholzoptiken realisiert werden, auf einfachen Furnieren mit Maserungen, die exakt auf die Formate und Kombinationen der Küchenfront abgestimmt sind. Weil reproduzierbar, lassen sich Ersatzfronten auch Jahre nach dem Kücheneinbau passgenau herstellen.
Doch nicht nur Holzwerkstoffe, auch Metalle, Glas und Kunststoffe können als Substrat dienen – vorausgesetzt, es steht ein passender Primer für die Grundierung zur Verfügung und es handelt sich um plane Werkstücke. Zeigen die maximal 65 Millimeter starken Werkstücke Höhendifferenzen von mehr als zehn Millimeter, kommt das Verfahren an seine Grenzen, weil der Druck vernebelt. Damit auch Kantenumläufe einbezogen werden können, arbeitet man bei Alpicto an einer entsprechenden Anlage. Gedruckt wird mit vier bis sechs Farben bei Breiten bis 240 Zentimeter und 360 dpi Auflösung.
Die digitale Farbrolle
Eventuell aber wird die Inkjet-Technik in Kürze auch direkt auf der Baustelle verfügbar sein. In London hat das Designer-Kollektiv Random International ein Applikationsgerät entwickelt, das nicht nur wie eine Rolle aussieht, sondern auch genau so über die Wand bewegt wird. Allerdings handelt es sich dabei um eine Kombination aus Tintenstrahl-Druckkopf und Stempelrollen, die ein digitales Motiv aus dem Rechner in einer Art umgekehrtes Scannen auf die Wand übertragen. Setzt man die „Walze“ auf der Wand an, beginnt der Scan-Prozess in der Mitte des Motivs – mit der manuellen Bewegung des Gerätes wird es dann sukzessive übertragen, das Gesamtbild entsteht. Die Applikation der Farbe übernehmen die Stempelrollen, die kontinuierlich von den Farbdüsen versorgt werden. Soll keine Farbe appliziert werden, fahren die Stempelrollen automatisch ein, der Untergrund bleibt unangetastet.
Der Prototyp setzt zwar nur grobpixelige, einfarbige Motive um, doch bereits das ist für die Entwickler ein großer Erfolg – und erlaubt durchaus reizvolle Ergebnisse. Derzeit arbeiten die drei Designer an der Verbesserung der Auflösung durch mehr Farbdüsen, an der Verkleinerung der Einheit und am kabellosen Betrieb. Nach eigenem Bekunden ist man bereits mit Interessenten aus der Industrie im Gespräch.
Bleiben Sie dran!
Die Chancen digitaler Techniken werden weniger in der Rationalisierung von Standard-Arbeiten liegen, sondern in der Umsetzung besonderer gestalterischer Ideen.
Differenzierung, exklusiv-kreative Positionierung lauten die Schlagworte, die sich aus den digitalen Technologien ergeben werden. Und es wird dem Malerhandwerk einen neuen Kompetenzschub verleihen – wenn, ja wenn man sich den Möglichkeiten öffnet. Doch das sollte für Unternehmer ja selbstverständlich sein – oder?

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