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Die Wirkung von Farbwechseln an den Ecken

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Farbe und Architektur

Die Wirkung von Farbwechseln an den Ecken
Foto/Skizzen: Prof. Klaus Friesch

Teil 4: Die Wirkung von Farbwechseln an den Ecken.

Autor | Fotos/Skizzen: Prof. Klaus Friesch

Ein Wesensmerkmal von Architektur ist die Dreidimensionalität. Es gibt zwei Möglichkeiten der Konstruktion. Einerseits kann ein Objekt durch Wegnahme von Material entstehen, die subtraktive Methode der klassischen Bildhauerei. Der Regelfall ist die additive Fügung. Konstruktionen aus eher flächenförmigen Elementen wie Boden, Wände und Decken bilden Innenräume und wirken von außen betrachtet als zusammengesetzte Körper. Es stellt sich die Frage, in welcher Beziehung Form und Farbe zueinander stehen. Farbe benötigt einen Farbträger, daher steht die Form traditionell im Vordergrund und die Farbe hat eine dienende und interpretierende Funktion. So geht es zuerst um Grundfragen der Formwahrnehmung und dann um die Frage der Wirkung von Farbigkeit auf diese.

Formwahrnehmung

Die visuelle Wahrnehmung von Räumlichkeit erfolgt im Wesentlichen über die Lichtverhältnisse. Die Position einer Lichtquelle und die unterschiedliche Lage von Flächen im Raum bewirken Helligkeitsunterschiede. Durch die Schattierungen wird Plastizität erlebbar. Primär sind also Helligkeitsunterschiede für die räumliche Wahrnehmung entscheidend. In der zweidimensionalen Zeichnung entsteht so die Vortäuschung von Räumlichkeit und die traditionelle Graumalerei schöpft hieraus mit einfachen Mitteln ihre Illusionskraft.

Objekte in verschiedenen Farben mit Farbwechsel an Außenkanten betonen hingegen die Flächenhaftigkeit. Eine Wahrnehmung, die der Körperhaftigkeit von Bauwerken entgegensteht. Sehr dunkle Farben oder auch willkürliche Farbwechsel in der Fläche können sogar die Wahrnehmung der Form beinträchtigen – bis hin zur bewussten Tarnung.

Farbwirkung auf die Form

Die traditionelle Farbgebung ist eine unifarbene Gestaltung großer zusammenhängender Flächen und damit die grundsätzliche Führung der Farbe um die Außenecke. Wechsel finden an Formübergängen oder bei Materialänderungen statt. Daraus folgt auch ein Wechsel an Innenecken. Dies gilt für alle Dimensionen, vom Gesamtbauwerk bis zum Detail:

Baukörper: An Innenecken farbig voneinander abgesetzte Bauvolumen stützen die Formensprache der Architektur.

Bauteile: Sie bewirken eine Fassadengliederung mit Form- und Materialwechseln auf mehreren, voneinander abgesetzten Ebenen. In ihrer Tiefe bilden sie Innenecken mit der dahinterliegenden Ebene.

Details: Öffnungen in einer Fassade vermitteln einen Eindruck der Wandstärke, wenn die Farbigkeit um die Außenecke herum in die Laibung hinein bis zum Fenster geführt wird. Faschen und Gewände ergeben durch den Form-/Materialwechsel geringe Dimensionsunterschiede zur Wandfläche und bilden damit immer Innenecken.

Die Wirkung von Farbwechseln an den Ecken

Betrachtet man die Baugeschichte typologisch, so ergeben sich einige Grundprinzipien in der Gestaltung von Ecksituationen.

Einfarbiges Volumen: Die bereits beschriebene klassische unifarbene Fassadengestaltung lässt das Gebäude in seiner Körperhaftigkeit durch Licht- und Schatteneinfluss voll zur Geltung kommen.

Betonung der Ecke: Hervorhebung der Ecksituation durch zusätzliche Bauformen (Eckrisalit), Bauteile (Eckpilaster), Materialien (Eckquader) oder farbige Nachahmung (Quadrierung).

Um die Ecke führen: Form- und materialreiche Fassadengestaltung ist aus ökonomischen Gründen häufig auf die Sichtseiten zu den Straßen hin begrenzt. Dennoch wird die Farbe bzw. das Material im Regelfall um die Außenecke geführt, um wenigstens durch das Zeigen von Materialstärken Körperhaftigkeit anzudeuten.

Wandscheiben: Durch hervorstehende Querwände, häufig in Verbindung mit Materialwechseln, kann die scheibenhafte Dimension von Wandflächen betont werden, eine andere Interpretation von Gebäudeecken. Die Scheiben haben jedoch immer eine Tiefe von zumindest der Materialstärke und bilden mit den Längswänden wiederum Innenecksituationen für den Farb- und Materialwechsel.

Einschnitte: Der bewusste Farbwechsel an der Außenkante kann den Eindruck des Einschneidens erhöhen.

Farbwechsel an Außenkanten: Die konsequente Antithese entmaterialisiert große Bauvolumen und betont die Flächenhaftigkeit.

Bedeutung für die Farbgestaltung

Der Umgang mit Farbwechseln sollte immer auf einer Analyse der architektonischen Rahmenbedingungen beruhen. Traditionell wechseln Farben und Materialien grundsätzlich nie an einer Außenkante. Moderne Architekturformen ermöglichen unter Umständen andere Lösungsansätze. Die vorhandenen Formen und der Baustil weisen den Weg für die Farbplanung. Ansonsten wirken Farbkonzepte bemüht und Farbe wird ohne Bezug zur Form und dem Material zum beliebigen Dekorationselement.

Die weiteren Teile der Serie finden Sie hier:

Teil 3  Die Gestaltung der Sockelzone und das Prinzip der Farbstatik

Teil 2 Grundgedanken zur Architekturfarbigkeit

Teil 1 Farbigkeit von Bauwerken

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