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Meister in Form und Farbe 2011

Aus- & Weiterbildung
Meister in Form und Farbe 2011

Man kann Ausstellungen nur zum Zeitvertreib besuchen. Oder man nutzt sie als Impulsgeber, etwa für die kreative Raumgestaltung. Die Ausstellung „Meister in Form und Farbe“, bei der die besten Meisterprüfungsarbeiten aus Baden-Württemberg zu sehen sind, konnte auch in diesem Jahr viele Anregungen für mehr Kreativität im Umgang mit Farbe, Putz und Co. geben.

Susanne Sachsenmaier-Wahl

Dass die Stuttgarter Schule für Gestaltung eine wahre Kreativitätsschmiede ist, das wagte angesichts der diesjährigen Ausstellung wohl niemand zu bezweifeln. Von insgesamt sechs verliehenen Auszeichnungen gingen fünf an Absolventen der Stuttgarter Schule. Was nicht heißen soll, dass die anderen Schulen nichts zu bieten hatten. Handwerklich ist das Niveau in den fünf anderen baden-württembergischen Meisterschulen Karlsruhe, Lahr, Mosbach, Reutlingen und Ulm, die ebenfalls am Wettbewerb teilnehmen, gleichermaßen hoch. Doch in der Landeshauptstadt hat man ein Faible fürs Experimentieren – und das schien (auch) der Jury zu gefallen. Natürlich kann man sich fragen, ob diese teilweise äußerst experimentellen Wandgestaltungen jemals umgesetzt werden, ob eingefärbte Teebeutel tatsächlich an die Wand gehängt und Vliesstreifen durch Stahlseile gewebt werden. Doch darauf kommt es auch gar nicht an. Wichtig ist, zu erkennen, was mithilfe von Farben, Putzen und anderen (Maler-)Materialien gestalterisch alles machbar ist. Nur so können neue Techniken entstehen. Und wer will schon immer nur das Althergebrachte?
Teebeutel, Papier und Stoff
Ganz neu ist die Idee mit den Teebeuteln zwar nicht mehr, aber immer wieder ist es faszinierend, wie aus einem unscheinbaren Produkt eine beeindruckende Wandgestaltung entstehen kann. Allemal sehr passend war die Technik, bei der benützte (und damit gefärbte) und unbenützte Teebeutel dicht aneinander gereiht wurden, für die Aufgabenstellung von Melanie Ruhsam-Heinkelein (Stuttgarter Schule), nämlich die Gestaltung eines Teekontors. Dass sich auch die Jury an der Technik noch nicht satt gesehen hat, zeigt die Auszeichnung, die sie für diese Arbeit vergeben hat. Neben besagter Technik setzte die frisch gebackene Meisterin auch die „Beigaben“ zum Tee, etwa Milch und Zucker, gestalterisch um. So ist in einer cremefarbenen Feinputzfläche ein Streifen aus Zuckerwürfelimitaten zu finden. Durch die unterschiedlichen Höhen der kleinen Würfel entwickelt die Bordüre ein sehr lebendiges Licht- und Schattenspiel.
Romano Hörner (Stuttgart) nahm sich in seiner Meisterprüfung eines brandaktuellen Themas an: Stuttgart 21. Wie könnte ein Informationsbereich für diesen umstrittenen Bahnhof aussehen? Romano Hörner rückte die technischen Daten in den Vordergrund und so entstand eine technische Zeichnung eines Räderwerkes im Wandformat. Interessant wirkt die Zeichnung dadurch, dass sie mit Vlies überspannt wurde, einzelne Zeichenlinien aber ausgespart sind. Auch wenn das Thema Stuttgart 21 derzeit in aller Munde ist, so war dies sicherlich nicht ausschlaggebend für die Vergabe einer Auszeichnung. Vielmehr wurde die Idee und deren exakte Umsetzung von der Jury honoriert.
Keine Auszeichnung erhielt Patric Ehmann für die Gestaltung einer einstigen Textildruckfirma, die heute Kulturdenkmal ist und von diversen Institutionen genutzt wird, dafür aber jede Menge Aufmerksamkeit von den Ausstellungsbesuchern. Das Thema Stoff wurde vielfältig umgesetzt. Neben einer edlen Wandbespannung, die in einem verrostet wirkenden Rahmen präsentiert wird, ziehen insbesondere Stoffstücke, die über Rundschnüre gespannt wurden, die Blicke auf sich. Übereinander gereiht und durch vergoldete Stäbe unterbrochen, ergibt sich eine faszinierende bunte Wandgestaltung.
Pinselschrift und Öko-Material
Der Gestaltungsentwurf für die Ausstellung eines Orchideen-Zentrums des Stuttgarter Absolventen Christian Bothe wurde von der Jury ebenfalls mit einer Auszeichnung belohnt. Auf einer Stoffbespannung kombinierte er Pinselschrift und -malerei. Einzelne Buchstaben betonte er durch einen metallischen Glanz. Auf einer weiteren Platte präsentierte Christian Bothe einen geglätteten Putz mit einer Orchideenblüte als Intarsienarbeit. Die Vertiefungen wiesen partiell ebenfalls einen metallischen Glanz auf.
Äußerst gelungen war auch die Meisterprüfungsarbeit von Kevin Wäß (Stuttgart). Er widmete sich der Gestaltung des Eingangsbereichs der WWF-Zentrale Deutschland. In Anlehnung an das Leitbild des WWF für einen fairen Umgang mit der Natur wählte er für die Umsetzung Materialien auf ökologischer Basis. Ausschnitte aus dem WWF-Logo wurden mal mit grobem Strukturputz in erdigem Braun und aufgebrachten Steinchen als Wandtechnik umgesetzt, mal wurden dafür Putze mit Naturfasereinstreuung in verschiedenen Farben gewählt. Eine Spachteltechnik erhielt einen fellartigen Charakter durch das Ineinanderziehen von schwarzem und weißem Spachtelmaterial.
Messestände im Fokus
Gleich zwei Auszeichnungen gingen an die Gestaltung eines Messestandes, der die Stuttgarter Schule auf der „Farbe 2010“ in München repräsentierte. Johanna Meyer setzte sich mit Materialgegensätzen in Verbindung mit der Trendfarbe Weiß auseinander. Als Materialien wählte sie Papier und Metall. Was auf den ersten Blick wie Papier aussah, war Spachtelmasse, die durch zerknülltes Papier strukturiert worden war. Horizontale Linien, die silbern glänzen, gliedern die bewegte Fläche. Wie bei einem Webrahmen führte Johanna Meyer in einem anderen Gestaltungsvorschlag Vliesstreifen über und unter horizontal gespannten Stahlseilen hindurch, so dass der Eindruck eines Karomusters entstand. Sehr subtil dagegen war die Wirkung einer Fläche, auf die frei gerissene Papierstreifen aufgeklebt worden waren. Ein Überzug aus Kreidegrund, der der Oberfläche partiell einen dezenten Glanz verlieh, machte diese Technik salonfähig.
Statt mit Weiß befasste sich Susanne Rietzler in ihrem Teil des „Farbe“-Messestandes mit Grau und Silber. Eine fein strukturierte Oberfläche, die zunächst schwarz beschichtet worden war, erhielt auf den erhabenen Stellen einen Silberüberzug. Abschließend wurde auf die an Metallspäne erinnernde Gestaltung Buchstaben aufschabloniert. Geriffelte Holzdielen, die durch die farbige Behandlung wie gekalkt wirkten, wechselten sich auf einer anderen Fläche mit horizontalen Blattmetall-Streifen ab. Die horizontale Ausrichtung wurde in einer weiteren Technik wieder aufgenommen: hier trug die junge Meisterin zunächst weiße und grau eingefärbte Spachtelmasse streifenförmig auf und schliff die Oberfläche nach der Trocknung plan.
Einem Messestand für einen Malerbetrieb zum Thema Linie widmete sich die Meisterprüfungsarbeit von Daniel Schell (Stuttgart). Er experimentierte mit metallischen Untergründen wie Blattmetallen und Aluplatten, die er durch Oxidieren und Bemalen linienförmig gestaltete.
Gelungene Verkaufsräume
Marc Hurler, Absolvent der Meisterschule Ulm, erhielt für seinen Gestaltungsvorschlag für eine Modeagentur eine weitere Auszeichnung. Knitterartig strukturierte Spachtelmasse, in Brauntönen beschichtet, erinnerte an Leder. Die vorgesetzte Glasplatte, die vergoldete Schriftzüge bekannter Modemarken trug, unterstrich die Exklusivität dieser Technik.
Ebenfalls einen Verkaufsraum, nämlich für ein Schmuckgeschäft, gestaltete Stefan Vogel (Stuttgart). Besonders passend für diese Aufgabenstellung war eine Wandgestaltung, bei der der junge Malermeister Quadrate auf eine Aluminiumfläche aufstempelte. Mal verwendete er dafür Farbe, dann wieder stempelte er Kleber auf, in den er Blattgold bzw. -silber einlegte.
Ein nicht ganz alltägliches Bekleidungsgeschäft, nämlich eine Boutique, die Kleider, Schuhe und Accessoires für die „Schwarze Szene“ anbietet, diente als Prüfungsobjekt für Jasmin Hermann. Schwarz taucht daher in sämtlichen Techniken der Stuttgarter Absolventin auf. Mal sind es schwarze Textilstreifen, die sich auf einer schwarz lackierten Fläche mit Silberstreifen abwechseln, dann wieder schwarze Streifen, in die per Schnurschlag violettes Pigment eingebracht wurde.
Noch mehr Ideen
Auch in den anderen Ausstellungs- stücken waren immer wieder interessante Ideen für den Umgang mit meist ganz alltäglichen Malermaterialien zu finden. So hatte sich Lisa Greis (Lahr) beispielsweise mit der Gestaltung eines Astronomie-Zentrums befasst. Zerknüllte Alufolie wanderte dabei in weiße Spachtelmasse und erschien beim anschließenden oberflächlichen Schleifen wieder in feinen silbernen Linien. Wenn auch nicht unbedingt alltagstauglich, dafür aber absolut „spacig“ war eine Technik, bei der sie herkömmliche Polystyrolplatten mit Wärme behandelte. Die durch das Schmelzen entstandenen Löcher ließen die Polystyrolplatten nach dem Besprühen mit anthrazitfarbenem Lack zu einer Kraterlandschaft werden.
Bei der Lahrer Absolventin Anica Güthlin schweben weiße Federn über eine schwarze Oberfläche. Was zum Greifen echt erscheint, ist lediglich das Negativbild echter Federn, die auf dem weißen Untergrund verteilt und vorsichtig mit schwarzem Lack übersprüht wurden.
Doch auch wer es nicht ganz so experimentell mag, kam im Regierungspräsidium am Rondellplatz in Karlsruhe auf seine Kosten. Techniken, die jederzeit genau so umsetzbar sind, gab es auch reichlich zu sehen. Katharina Wischenbarth (Ulm) etwa trug eine Lasur streifig horizontal und vertikal auf. Die so entstandene „Rupfenstruktur“ peppte sie zusätzlich mit aufschablonierten Schriftzügen rund um den Kaffee auf, wodurch die fertige Fläche den Charakter eines Kaffeebohnensacks erhielt.
Christoph Nießlein (Ulm) hatte sich die Gestaltung der Empfangshalle der Winzergenossenschaft Baden-Württemberg zur Aufgabe gemacht. Und da zu einem edlen Tropfen auch eine edle Wandgestaltung gehört, entschied er sich für eine Spachteltechnik mit metallischem Glanz, die durch einen vergoldeten Schriftzug zusätzlich aufgewertet wird.
Dass der mediterrane Landhausstil immer noch die Blicke auf sich zieht, bewies die Meisterprüfungsarbeit von Philipp Götz (Mosbach). Er gestaltete ein Badezimmer mit südländischem Flair, das insbesondere durch einen grob aufgespachtelten und anschließend lasierten Putz sein antikes Aussehen erhielt. Eine aufschablonierte Olivenranke vervollständigte das mediterrane Ambiente.

kompakt
Meister in Form und Farbe ist ein Gestaltungswettbewerb mit Ausstellung, der gemeinsam von den Meisterschulen Karlsruhe, Lahr, Mosbach, Reutlingen, Ulm, den drei Meisterschulen in Stuttgart, dem Landesinnungsverband Baden-Württemberg und dem Regierungspräsidium Karlsruhe veranstaltet wird.
Der Gestaltungswettbewerb ist zweistufig und richtet sich an die Absolventinnen und Absolventen der Meisterprüfungen des vorangegangenen Jahres. In der ersten Stufe wählen die Meisterschulen die Arbeiten für die Ausstellung aus. Eine landesweit zusammengesetzte Jury vergibt in einem weiteren Schritt die Auszeichnungen.
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