Grundlagen Malerblatt Wissen

Was ist Handwerk 4.0

Durch die digitale Transformation lassen sich Prozesse im Handwerk optimieren. Wir zeigen Beispiele.

Kein Zweifel, die Handwerksbranche ist ein bedeutsamer Bereich in Deutschland. Damit dieser weiterhin bedeutend bleibt, setzt sich auf modernen Baustellen und in Betrieben allmählich die Digitalisierung durch. Aber die meisten – besonders kleine – Unternehmen hinken hinterher. Laut einer Studie der IG Metall besteht bei deutschen Handwerksbetrieben große Skepsis bei diesem Thema. Noch wissen viele Unternehmen nur wenig über die wirtschaftlichen Chancen. Wer von Digitalisierung spricht, meint eigentlich oft Industrie 4.0. Der Blick auf die Handwerksbetriebe fehlt noch – in der Wirtschaft, in den Medien und in der breiten Öffentlichkeit.

„Nur eine Minderheit ist vorneweg.“ Das Thema ist auch beim Zentralverband des Deutschen Handwerks angekommen. ZDH-Geschäftsführer Karl-Sebastian Schulte schätzt, dass etwa 20 Prozent der Handwerker „sehr nah an den aktuellen Entwicklungen dran sind“ – sozusagen als digitale Vorreiter. Klar ist: Keiner kann sich der Digitalisierung in der Arbeitswelt entziehen.

Ralf Kutzner, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall findet: „Wer weiter bestehen will, wird sich bewegen müssen. Die Digitalisierung verändert ja nicht nur Produkte. Das Handwerk kümmert sich deshalb auch um andere Vertriebswege: Online-Plattformen können auch Handwerker betreiben. Das Internet gibt Auskunft über die Art der Leistungen und Preise.“

Und Peter Stamm, Senior Economist im Bereich Begleitforschung Mittelstand-Digital erklärt hierzu, dass die Weiterentwicklung zu 4.0 mehr Transparenz in die Produktion bringt. Man kann zu jeder Zeit sagen, welcher Auftrag sich in welchem Bearbeitungsschritt gerade befindet. Auch die Zusammenarbeit über Unternehmensgrenzen in Wertschöpfungsnetzwerken wird einfacher, beziehungsweise erst in größerem Ausmaß ermöglicht.

Das Kompetenzzentrum Digitales Handwerk und das Mittelstand 4.0 Kompetenzzentrum Stuttgart unterstützen dabei Handwerksbetriebe beim Einsatz digitaler Technologien.


Praxisbeispiele

Datenbrille

Die Angestellten des Unternehmens Schulz Systemtechnik sind Entwickler von Automatisierungslösungen für unterschiedliche Branchen. Ihr Aufgabenfeld ist die Automatisierungstechnik – Mechanik, Elektrotechnik und Informatik. Neuerdings setzt die Firma Datenbrillen ein, um die Effizienz bei der Wartung sowie der Instandhaltung zu steigern. Informationen über Maschinenkomponenten waren bis dahin nur in ausgedruckter Form, oder auf dem PC, verfügbar. Informationen werden nun mittels Datenbrille abgerufen; hierauf wird angezeigt, wo welche Arbeit erledigt werden muss.

Arbeitsprozesse werden dank der Brille als Schritt-für Schritt-Anleitung angezeigt. Sie eignet sich besonders für den Baustellenbereich, weil die Arbeiter dadurch bei Montagevorgängen ihre Hände frei haben. Bilder und Zeichnungen können abgebildet und mit einer Kamera aufgenommen werden. So kann die Brille Störungen für den Maschinenbediener beheben, zeigt Prozesswerte an, sowie Wartungen und Reparaturen. Ebenso gibt sie Arbeitsanweisungen, um die Fehlerrate zu reduzieren.

Virtual-Reality

Das Unternehmen DieMeisterTischler: Ihr Aufgabenbereich ist die digitale Planungs- und Entwurfsphase sowie auch die Produktion und der Einbau. Von der Planung bis zur Ausführung ist ihr Unternehmen nun digitalisiert. Meistens wünscht sich ihre Kundschaft eine Gestaltung und Visualisierung in 3D lange im Voraus. Das Unternehmen nutzt die Werkzeuge der Digitalisierung zur Visualisierung von Ideen in 3D, zur Präzision der Kommunikation mit ihren Mitarbeitern und Kunden, sowie zur Prozesskoordination. Die Visualisierung dient daneben auch der Absicherung, der Planung und der Umsetzung. Nun sollen die digitalen Lösungen im gesamten Prozess optimiert und die Methode des sogenannten Building Information Modelling erprobt werden.

Building Information Modeling (kurz BIM)

BIM bedeutet, dass alle Daten, die zu einem bestimmten Bauvorhaben gehören, integriert und vernetzt sind. So soll ebenso eine Verbindung im gesamten Bauabschnitt entstehen. Das bezeichnet man als sogenannter „Digitaler Zwilling“. Die Bereiche des BIM sind: Entwicklung, Planung, Realisierung, der Betrieb und Abbruch. Das Unternehmen, das dieses Vorhaben nutzt, erstellt auf der Grundlage von Entwürfen ein virtuelles Gebäude, wodurch Arbeitsabläufe koordiniert werden können. Das Material wird virtuell entwickelt und die Mitarbeiter erarbeiten hierfür Angebote. Durch das 3D Modelling können Kunden vor Baubeginn das Gebäude virtuell begehen und ihre Wünsche daraufhin anpassen.

Online-Farbberatung


Auch bei den Malerbetrieben setzt die Digitalisierung ein. Ein Beispiel hierfür ist das Unternehmen „Kolorat“. Der Onlinefachhändler und Farbkonfigurator erleichtert Kunden online die Farbauswahl. Zunächst findet der Nutzer verschiedene Farbkategorien und kann aus diesen auswählen. Zudem bietet der Fachhändler Zubehör wie Klebebänder oder Malerplanen an. Ebenso können Anwender ihre Muster einsenden und einen individuellen Farbton anfordern.  Bei der Farbberatung wird ein Online-Fragebogen ausgefüllt, woraufhin Kolorat drei persönliche Farbkonzepte erstellt. Die favorisierte Farbe kann dann umgehend bestellt und nach Hause geliefert werden. In der Rubrik „Tipps und Tricks“ stellen die Online-Fachhändler zudem verschiedene Themen vor: Sei es, Türen selbst zu lackieren oder eine Weinkiste zu streichen und gestalten.

Malerauftrag online vergeben

Auf der Internetseite Streichenlassen können Interessierte ein Angebot für Malerarbeiten einholen. Hierzu müssen sie nur einige Daten eingeben, beispielsweise die Größe der zu streichenden Fläche, den Wunschtermin sowie den gewünschten Farbton. Wer seine Farbe am Computer mischen möchte, kann dies mithilfe einer Online-Anwendung ebenfalls auf der Webseite erledigen. Man kann auch Bilder des Raumes hochladen, der gestrichen werden soll. Wenn alle Daten erfasst sind bekommt der Kunde auf Knopfdruck einen Preis genannt. Jetzt kann das Streichen beginnen. Hinter der Plattform steht die Unternehmensgruppe Heinrich Schmid, die – eine Besonderheit bei solchen Online-Portalen – die Arbeiten mit eigenen qualifizieten Fachkräften ausführt.

Weitere Praxisbeispiele finden Sie unter: https://handwerkdigital.de/erfolgsgeschichten/praxisbeispiele/.


Interview mit Nina Steinhäuser

Nina Steinhäuser, Projektleiterin Mittelstand 4.0 Kompetenzzentrum Stuttgart BWHM GmbH, erklärt den Begriff Handwerk 4.0.

Worin liegen die Unterschiede zwischen Industrie oder Mittelstand 2.0, Mittelstand 3.0 und letzten Endes 4.0 – und welche Weiterentwicklungen gibt es jeweils?

Zunächst eine Abgrenzung der Begrifflichkeiten: Der heute, auch in der Politik, am häufigsten verwendete Begriff ist Wirtschaft 4.0. Dieser umfasst, im Gegensatz zu Industrie 4.0, auch weitere Wirtschaftszweige wie eben auch das Handwerk. Mit dem politisch geprägten Begriff Industrie 4.0 wird das Ziel der 4. Industriellen Revolution angestrebt. Begonnen hat das mit der Erfindung der Dampfmaschine sowie der Mechanisierung, danach kam als zweiter Punkt die Einführung der Elektrizität, Fließband-/ Akkordarbeit, im Anschluss die dritte Revolution: die Einführung der Mikroelektronik, der IT und der Automatisierung der Produktion.

Diese Bereiche bedeuten rückblickend jeweils bahnbrechende Änderungen für Wirtschaft und Gesellschaft. Die Wirtschaft 4.0 ist hingegen geprägt von einer Vernetzung von Maschinen, Menschen und Sensoren („Internet der Dinge“) und der Verfügbarkeit von Informationen in Echtzeit. Zentrale Technologie ist das Internet und nicht mehr nur der Computer. Kennzeichnend für die Wirtschaft 4.0 ist auch die immer höhere Bedeutung von Daten. Mittelstand 4.0. bedeutet, dass auch in Handwerk und dem Mittelstand digitale Produktions- und Arbeitsprozesse einziehen.

Können Sie konkrete Beispiele für den Mittelstand 4.0 (spezielle Maschinen oder Prozessabläufe) nennen?

Allgemein werden in immer mehr kleinen und mittleren Unternehmen die Prozesse vollständig oder teilweise entlang der Wertschöpfungskette digitalisiert. Unterstützung dabei leisten sogenannte ERP- (Enterprise Ressource Planning-) Systeme, welche mindestens die Kernprozesse, idealerweise alle Geschäftsprozesse eines Unternehmens digital abbilden. Schnittstellen zu Kunden und Lieferanden leisten einen wichtigen Beitrag zur Prozessoptimierung. Immer wieder auftauchende Schlüsseltechnologien und -anwendungen in Handwerk und Mittelstand sind 3D-Visualisierungen, 3D-Druck, Einsatz von Robotern, Online-Konfiguratoren, digitale Zeiterfassung und digitale Maschinen, wie beispielsweise CNC-Maschinen oder Drohnen (im Aufgabenfeld eines Dachdeckers).

Welche Abläufe im Arbeitsalltag werden durch 4.0 optimiert?

Die technischen Möglichkeiten, die mit Wirtschaft 4.0 verbunden sind, bieten Optimierungspotenziale für nahezu alle Abläufe und Prozesse in Betrieben. Ein erster Schritt für viele Betriebe ist jedoch die Prozessmodellierung, da die Prozesse oftmals gar nicht transparent oder überhaupt niedergeschrieben sind. Erst dann können eine Optimierung und die Auswahl einer passenden Software-Architektur, sowie die Abschaffung von Insellösungen erfolgen.

Auf das Handwerk bezogen, können sowohl Abläufe im Büro, als auch in der Werkstatt und im Lager optimiert werden. Ein Beispiel aus dem Büro: Die Handwerker im Außendienst füllen den Rapportzettel nicht mehr händisch auf Papier aus, sondern haben eine Vorlage auf dem Tablet. Direkt nach Beendigung des Kundenbesuchs wird dieser digital an das Büro übermittelt. Damit ist eine zeitnahe Abwicklung und Rechnungsstellung möglich. Auch umgeht man damit das in vielen Betrieben vorherrschende Problem der verlorenen oder unvollständig ausgefüllten Rapportzettel. Ein Beispiel aus dem Lager: Die Lagerbestände werden digital erfasst. Wenn wichtige Materialien ausgehen, bestellt das System automatisch nach, ohne dass es einer aktiven Handlung eines Mitarbeiters bedarf.

Steht der Mensch durch Handwerk 4.0 jetzt im Hintergrund? Oder werden seine Tätigkeiten durch die Weiterentwicklung lediglich einfacher und schneller, beziehungsweise effizienter?

Der Mensch steht immer im Mittelpunkt. Denn Digitalisierung ist kein Selbstzweck, sondern hat das Ziel, Leben und Arbeiten für den Menschen zu vereinfachen. Im betrieblichen Kontext kann Digitalisierung nur gelingen, wenn sie zur Chefsache gemacht wird. Entscheidend für einen effizienten Einsatz der Technologien sind eine adäquate Weiterbildung der Mitarbeiter sowie die Verankerung von Digitalisierungsthemen in der Ausbildung.

Die einzelnen Arbeitsschritte im Wertschöpfungsprozess im Handwerk werden gewerkeabhängig nur teilweise durch Maschinen zu ersetzen sein. Denn es ist nach wie vor – wie die Bezeichnung schon impliziert – „Hand-Werk“ vonnöten –  egal ob, plakativ gesprochen, beim Streichen oder beim Brot backen. Die Digitalisierung kann jedoch unterstützend bei einzelnen Arbeitsschritten wirken, den Trigger für Innovationen und neue Geschäftsfelder darstellen sowie die Vertriebswege und die Kommunikation vereinfachen.

Maren Bertits, redaktion24 GmbH


Info-Video zum Thema Handwerk 4.0

Mehr Informationen auf Mittelstand Digital sowie in der Broschüre der IG Metall.

Fotos:
Pixabay
ZDH und bitkom
SCHULZ Systemtechnik
Kolorat
Streichenlassen
Nina Steinhäuser

Quelle der Praxisbeispiele: Kompetenzzentrum Digitales Handwerk

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