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Fehlfarbenes

Unverdünnt aufgetragen Mattes und Glänzendes aus dem Malerhandwerk
Fehlfarbenes

Werner Schledt

Farbe ist auch im ursprünglichen Sinn des Wortes Geschmacksache: Schon beim Anblick zitronengelber Früchte bildet sich mehr Speichel, läuft einem also wirklich das sprichwörtliche Wasser im Munde zusammen. Farbe „schmecken“, Gerüchen die entsprechende Farbe zuordnen, Geräusche mit der adäquaten Farbe verbinden (Schon Kandinsky ordnete dem hellen Ton der Trompete ein strahlendes Rot zu) und sogar die Farbigkeit vertrauter Produkte im Dunkeln erfühlen, kann man im Brillux Showroom in Münster. Lehrreich, spannend und unterhaltsam.
Reinheit
Bevor man Sakralräumen eine Farbgebung verpasst, die langatmiger Begründung bedarf, sollte man durchaus auch eine Alternative erwägen, die schon Palladio, Star unter den Architekten des 16. Jh., dafür empfohlen hat: „Von allen Farben passt keine so gut wie das Weiß, da die Reinheit dieser Farbe und die Reinheit im menschlichen Leben im höchsten Maß Gott angemessen ist …“ Goethe, nicht zuletzt auch Farblehrer, bezeichnet Palladio als „Polarstern“, der ihm den Weg zu aller Kunst und Leben geöffnet habe.
Befunde
Das historische Rathaus in meiner Nachbarschaft sieht nach der abgeschlossenen Restaurierung so aus, als ob es dringend mal gestrichen werden müsste. Das wird sicher mit dem Zauberwort „Befund“ begründet. Aber statt „Was war ursprünglich?“ sollten die Denkmalpfleger öfter mal der Frage nachgehen „Was war ursprünglich gewollt?“ Im Kasseler Schloss Wilhelmsthal war die erste Farbgebung sehr simpel. Ursprünglich gewollt war anderes. Aber weil dem Landgrafen das Geld ausging, wurden Soldaten zum Weißeln beordert. Das weiß man heute. Wer sich nur daran orientiert, was zuerst war, übersieht und zerstört vielleicht spätere Fassungen, die ursprünglich gewollt waren und oft besser und richtiger sind.
Oberflächliche Befunde können auch hinsichtlich des Erstzustandes in die Irre führen. Der unvergessene Julius Hembus hat mir mal erzählt, dass er den farbigen Befund von Begleitern der Sandsteinpfeiler in einer gotischen Kirche, ein trübes Erbsgrün, als handwerklicher Restaurator partout nicht akzeptieren mochte und deshalb Pigmentproben im Labor untersuchen ließ. Der Befund, dass quecksilberhaltiges Zinnober über die Jahre in das angetroffene Grün umgeschlagen war, bestätigte, was er aus Erfahrung wusste: Die Begleiter waren ursprünglich hochrot – und so wurden sie auch wieder.
Geschertes
Basisdemokratisch entscheiden lassen will der Pfarrer einer großen Kirche in Frankfurt über den Neuanstrich der denkmalgeschützten Fassade. Seine Schäfchen können für eines der aufgebrachten Farbmuster votieren. Das mit den meisten Stimmen gewinnt. Fragt sich nur, ob’s auch ein Gewinn fürs Stadtbild wird.
Mittelmeer
Mittelmaß am Mittelmeer: Das angesagte Urlaubsland bot blauen Himmel und Sonnenstrand, überbordende Buffets und Getränke, vom frühen Aperitif bis zum späten Absacker, wie ausgeschrieben „all inklusive“. Nicht eingeschlossen – und schmerzlich vermisst – dagegen aufmerksame Bedienung und freundlicher Service. Dann doch lieber wieder in ein Land des Lächelns.
Bauernbrot
Beim Besuch des Dorfes, das sich mit wohlproportionierten Häusern aus nahegelegenen Natursteinen in die Landschaft einfügte, fiel mir der alte Vergleich wieder ein: Dörfer sollen so einfach und gut sein wie ein Bauernbrot. Natürlich, kernig, mit Zutaten aus der Region. Städte dagegen können wie eine Torte sein. Die kunstvollste: Venedig.
Bunte Häuser machen das Stadtbild schrill, nicht schön. Eine Ausnahme, wo grelle Farbigkeit fasziniert: Burano, jüngst von Brillux in „Marktimpulse“ wieder dokumentiert. Freilich ein Unikat, der Erzählung nach eine Tradition aus lange zurückliegendem Anlass: Genesene färbten aus Dankbarkeit ihre Häuser so bunt. Farbe ist Leben.
Ideen zum Thema Telefon-Warteschleifen gibt es jetzt immer mehr. Auf der Hotline einer großen Tageszeitung wird angesagt, wie lange die Wartezeit voraussichtlich dauert. Gar nicht schlecht.
Temporäre Farbgebung
Natürlich ist das Trocknen der Badetücher über den Balkongeländern untersagt, aber nicht zu unterbinden. Aber der gleichförmig streng gerasterten Fassade des langen Hotelkastens taten die vielen, von grauen Betonpfeilern gleichmäßig eingebundenen farbigen Akzente, alle im nahezu selben Format, überraschend gut. Täglich wechselnde Varianten, nicht künstlich – und kostenlos. Absichtslose Aufwertung. Ein Name dafür: Temporäre Farbgebung. Hundertwasser wäre vor Neid erblasst.
Pizza-Renovierung
Pizza gibt’s schon lange. Auch Eis- und Schokoladenpizzen kennt inzwischen jeder. Relativ neu ist die „Pizza-Massage“, die in diesem Sommer überall angeboten wurde. Fehlt noch die Pizza-Renovierung: Als „ eine runde Sache für die ganze Familie mit vielen hochwertigen Belägen nach individuellem Geschmack“ – vielleicht in Kooperation mit dem besten Pizza-Bäcker am Ort auf dessen Lieferverpackungen angepriesen und „mit großem Rand aufgeschnitten“ Ihren Kunden offeriert. Bin gespannt, ob’s einer macht.
Besitzmarkierung
Gut proportionierte Häuser können zu unförmigen Ungestümen mutieren, wenn nachträgliche Anbauten, Mauern und Garagen in der Farbe des Hauses gestrichen werden. Sekundärarchitektutr muss farbig zurücktreten. „Besitzmarkierung“ mittels Farbe schadet der Ansicht.
Paintball
Spielen Sie schon Paintball oder golfen Sie noch? Das Spiel, bei dem sich Mannschaften mit farbigen Kugeln aus Lebensmittelfarben bekämpfen und durch Treffer farbig „dekorieren“, findet immer mehr Anklang und wird schon von organisierten Mannschaften drinnen oder draußen in Ligen gespielt. Vielleicht etwas für die Betriebsfeier oder beim farbigen Firmenevent für die Kids der Kunden. Auch als spektakulärer Start für eine Lehrlingswerbeaktion sicher ein Treffer.
Farbe ist auch im ursprünglichen Wortsinn Geschmacksache.
Von allen Farben passt keine so gut wie das Weiß.

PRAXISPLUS

Relevantes für die Branche entdecken, Anstöße geben, manche Dinge auf die Schippe nehmen – genau das macht Werner Schledt in seiner Kolumne „Unverdünnt aufgetragen“. Der Autor war jahrzehntelang Betriebsberater und Verbandsgeschäftsführer im hessischen Maler- und Lackiererhandwerk. Jetzt ist er Geschäftsführer der Schledt & Schledt GmbH.
Werner Schledt
TREIBS Bau GmbH
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