Duales Gymnasium bringt Abitur + Gesellenbrief

Zwei auf einen Streich

Heinrich Schmid ruft – und alle kommen. Beim Bildungssymposium im Stuttgarter „Haus der Wirtschaft“ informierten die Projektpartner über das Modell „Abitur + Gesellenbrief“. Schüler und Lehrer berichteten über ihre Erfahrungen. Gastredner EU-Kommissar Günther Oettinger sprach über Zukunftsfragen des Handwerks.

Autor: Andreas Ehrfeld | Fotos: Josef Schneider

Der Mensch lernt im Zusammenspiel von Kopf, Herz und Hand am besten. Aus diesem Grund haben wir Abitur und Gesellenbrief zusammengeführt“, so der Initiator des Bildungsprojekts, Dr. Carl-Heiner Schmid. Natürlich steckt hinter diesem Modell auch die Absicht, wieder mehr junge Menschen für das Malerhandwerk zu begeistern. Dass die Zahl der Auszubildenden in sämtlichen Handwerksberufen seit Jahren rückläufig ist, sei hinlänglich bekannt. Absichtserklärungen dies zu ändern gibt und gab es viele: Allein geändert hat sich wenig, bedauert Schmid.

Abitur + Gesellenbrief

Dass das in Stuttgart vorgestellte Bildungsmodell „Abitur + Gesellenbrief“ – mitunter auch als Duales Gymnasium bezeichnet – durchaus geeignet sein kann, das Image von Handwerksberufen zu verbessern, darüber waren sich alle Teilnehmer einig. Und so funktioniert es: In der achten beziehungsweise neunten Klasse fällen die Schüler freiwillig, gemeinsam mit ihren Eltern und Lehrern, die Entscheidung für die zusätzliche Berufsausbildung . Danach gehen die Schüler regelmäßig in den Betrieb, teilweise auch in den Ferien.

Art und Inhalt dieser Praktika sind mit der Handwerkskammer abgestimmt. Mit Ende der Schulzeit sind die Abiturienten dann ausgebildete Bauten- und Objektbeschichter. Dieser „kleine Gesellenbrief“ lässt sich durch eine zusätzliche, halbjährige Ausbildung weiter aufwerten. An deren Ende steht dann die Prüfung zum Maler- und Lackierergesellen.

Nicht alle bleiben im Handwerk

Dass nicht alle Absolventen des Dualen Gymnasiums nach dem Abschluss im Malerhandwerk verbleiben, ist Schmid klar. Die Wahrscheinlichkeit jedoch, dass viele der Schülerinnen und Schüler der Branche erhalten bleiben, bestätigen diese im Gespräch. „Ich würde gerne nach der Schule erst einmal reisen und anschließend ein Architekturstudium beginnen“, sagt etwa Yara Hirsch, Absolventin des ersten Jahrgangs des Dualen Gymnasiums. Über ihre Gründe für die Ausbildung sagt sie: „Ich möchte nach der Schule etwas in den Händen halten; und mir klar werden, in welche berufliche Richtung ich gehen will.“ Auch der Abiturient Franz Wildgruber hat nur positives zu berichten: „ Die Herangehensweise an bestimmte Aufgaben und Probleme haben mir auch in der Schule und im Alltag enorm geholfen. Wichtig ist auch, den Arbeitsalltag kennenzulernen, wie es ist, einen Chef und Kollegen zu haben.“

Laut den beiden Schülern war die Doppelbelastung gut machbar. Wichtig seien gute Selbstorganisation und natürlich die Unterstützung von Mitschülern, etwa in Bezug auf Mitschriebe und Lehrern, etwa beim Nachschreiben von Klassenarbeiten. Schließlich gehen die Schüler ganz normal in eine Klasse mit anderen Abiturienten. Während der Arbeitszeiten auf der Baustelle, läuft für die anderen Schüler der Unterricht regulär weiter. Dieser Unterrichtsstoff muss dann in Eigenregie nachgearbeitet werden. Beide Schüler ziehen das gleiche Fazit: „Wir würden es wieder genauso machen“.

Trend zum Studium ungebrochen

Im Rahmen des Bildungssymposiums in Stuttgart hielt der EU-Kommissar für Haushalt und Personal, Günther Oettinger, einen Impulsvortrag zur Zukunft des Handwerks. Er sieht den Trend zum Studium ungebrochen. Problematisch sei, dass viele junge Menschen Fächer studierten, für die der Arbeitsmarkt keine adäquaten Arbeitsplätze anböte. „Bildungsangebote zu machen, die in eine Beschäftigung führen, ist unsere Pflicht.“

Das Bildungsangebot Abitur + Gesellenbrief sieht er als Chance. Wer auf dem Weg zum Abitur nicht mit dem Handwerk in Berührung komme und gleich studiere, der sei in der Regel für das Handwerk verloren, ist sich Oettinger sicher. „Die strikte Trennung von Kopf und Handarbeit sei schlichtweg überholt. Der Versuch von Heinrich Schmid, Handwerk und Abitur zu verbinden, ist eine hervorragende Idee.“ Der EU-Kommissar denkt dabei schon weiter. „Heinrich Schmid hat eine Lehrwerkstatt, was aber ein kleiner Betrieb gar nicht leisten kann“. Deshalb müssten die beruflichen Schulen für diese Idee geöffnet werden.

Weitere Informationen:
https://bit.ly/2IBJ8Ou


PraxisPlus

Hier ist das Abi mit Gesellenbrief möglich:

Friedrich Schiller Gymnasium,

Marbach

Evangelisches Firstwald Gymnasium, Kusterdingen