Anwendungstechnik Malerblatt Wissen

L(i)ebenswertes Fachwerk

Man schaut sie gerne an, fährt vielleicht extra in einen Ort, der noch viele davon hat, und darin leben würden einige auch gerne.

Die Rede ist von Fachwerkhäusern, die noch heute die Herzen höher schlagen lassen. Wer sich erst einmal genauer mit dem Leben in einem Fachwerkhaus oder gar mit dem Kauf einer dieser meist denkmalgeschützten Bauten beschäftigt, der schreckt dann doch vor diesem mutigen Schritt zurück. Denn so ein Baudenkmal braucht nicht nur die Bereitschaft seiner Bewohner, Kompromisse bei Komfort und Alltagstauglichkeit eingehen zu wollen, sondern auch und vor allem die Bereitschaft, ständig in die Pflege und den Erhalt der historischen Bausubstanz zu investieren – ganz zu schweigen von der Herausforderung einer grundlegenden Sanierung solcher Häuser. Trotzdem, oder zum Glück, gibt es aber Liebhaber, die auch den erhöhten Aufwand nicht scheuen und mit ihrem Engagement dazu beitragen, dass die Zeugen einer anderen Zeit erhalten bleiben.


Gesundes Wohnklima

Dabei ist es gerade in Zeiten von EnEV und Passivhaus-Standard wichtig, dass man Lösungen findet, die sowohl ein behagliches und gesundes Wohnklima ermöglichen, einen niedrigen Energieverbrauch fördern und dabei vor allem bei der Fassade nicht den Fehler machen, alles in ein dickes Mäntelchen aus Dämmmaterial zu verpacken. Denn nur so können Menschen dazu gebracht werden, in diese Denkmäler zu investieren und sie mit Leben zu füllen. Um dies zu realisieren, bedarf es Fachleute. Menschen, die sich kreativ mit den Herausforderungen eines Fachwerkbaus beschäftigen und die das Wissen um die alten Techniken und Traditionen mit den Erkenntnissen des modernen Baufachs kombinieren. Neben Architekten und anderen Planern, die sich in diesem Bereich engagieren, sind es vor allem Handwerker. Handwerker, die weder die Anforderungen an ein historisches Gebäude scheuen noch mit der erstbesten Standard-Lösung zufrieden sind. Denn standardisiert kann bei keinem dieser Bauten vorgegangen werden, was die Aufgabe ihrer Sanierung und Renovierung, ihren Erhalt und ihre Pflege ebenso reizvoll wie komplex macht.
Dabei sind Handwerker und Planer nicht alleine mit den Problemen und Fallen, die eine Revitalisierung oder der Erhalt von Fachwerkbauten mit sich bringen. Sehr gute Weiterbildungsmöglichkeiten und Beratungsstellen geben Unterstützung. Von den Ämtern für Denkmalpflege der einzelnen Kommunen und Bundesländer sowie den Architektenkammern über das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung bis hin zu Organisationen wie der Propstei Johannesberg in Fulda, gibt es Kurse, Publikationen und Beratung für Bauherren, Planer und Handwerker. Gerade die Beratungsstelle für Handwerk und Denkmalpflege der Propstei Johannesberg kümmert sich dabei um die Aufgaben des Handwerks und gibt beispielsweise Zimmerleuten oder Malern Tipps zum Umgang mit Reparaturverbindungen beim Fachwerk oder zu klassischen Kalkputzen als Gefachputze.


Erhalt wichtiger Bauten

Doch auch Architekten beschäftigen sich ausgiebig mit diesem Thema wie der Architekt Hermann Kugler aus Stuttgart-Bad Cannstatt. Er hat sich in dem noch von mittelalterlichen Strukturen geprägten Teilort Stuttgarts, der sonst für den Cannstatter Wasen, das Mercedes-Benz-Museum oder die Wilhelma bekannt ist, für den Erhalt wichtiger Bauten eingesetzt. Allen voran ist hier das sogenannte Klösterle zu nennen. Es gilt als das älteste noch erhaltene Wohnhaus Stuttgarts und wurde in früheren Zeiten auch als Sozialstation der Beginen, eines Frauenordens, genutzt, was den sympathischen wie ungewöhnlichen Namen erklärt. Dabei zeichnet sich das große Haus aus dem Jahr 1463 vor allem durch seine integrierte gotische Kapelle und seine heutige Nutzung als Wein- und Speiselokal sowie als Ort für das Architekturbüro von Hermann Kugler aus. Bereits 1983 saniert und 2009 noch einmal renoviert, dient es heute noch als gelungenes Beispiel für den Erhalt und die lebendige Nutzung eines historischen Gebäudes. Ein Prädikat, das auch auf die angrenzende Scheune zutrifft, die heute dem Stadtmuseum Bad Cannstatt als Ausstellungsraum dient. Neben dem Klösterle wurde auch ein anderes Gebäude in Bad Cannstatt nach den Plänen von Hermann Kugler umgebaut. Das historische Stelzenhaus am Felgerhof wird heute noch als Wohnhaus genutzt. Dabei hat sich das dort lebende junge Paar nicht nur in das ungewöhnliche Haus verliebt, sondern auch sehr gut mit all den schrägen Böden, Wänden und Decken arrangiert. Hier wie da war es aber nicht einfach, die teils maroden Bauteile der Häuser auszutauschen und die Gebäude möglichst nahe am Originalzustand orientiert, wieder aufzufrischen. So war es beim Klösterle, das der Besitzer Hermann Kugler auf Bitten der Stadt Stuttgart übernahm, notwendig, dass sich die zuständigen Mitarbeiter des beauftragten Malerbetriebs Maler Kauderer aus Bad Cannstatt offen und lernbereit an das Objekt machten. Schließlich galt es, die Kastenmalereien an den Ausfachungen des im alemannischen Fachwerkstil errichteten Hauses exakt von Hand nachzumalen und sich dabei am Original zu orientieren. Zudem musste darauf geachtet werden, dass sowohl die Farben für die Balken als auch die Farben und Putze der Ausfachungen diffusionsoffen sind, da sonst große Probleme mit dem „lebendigen“ Baustoff Holz in Kombination mit den ausgemauerten und verputzten Flächen entstehen. Vor allem die schwierigen Fugen zwischen Ausfachung und Balken sind dabei immer eine Herausforderung für Maler. Neben den guten kapillaren Eigenschaften von Putzen sollten diese zudem, was auch die Propstei Johannesberg empfiehlt, sehr elastisch sein, um die natürlichen Bewegungen der umgebenden Hölzer mitmachen zu können. Kalkputze und Farben auf mineralischer Basis haben sich hier sehr bewährt. Will man die Farben originalgetreu rekonstruieren, dann sollte beachtet werden, dass gerade bei Bauten im Mittelalter nur drei Grundfarben vorhanden waren. Zum einen Ocker, also ein Gelbton, sowie gebranntes Ocker, das einen roten Anstrich ergibt. Die dritte Farbe basiert auf Ruß und ergibt einen grauen oder schwarzen Ton. Um herauszufinden, welche Farben dabei ursprünglich einmal die Fassade geschmückt haben, bedarf es jedoch einer großen Anstrengung. Die Zusammenarbeit mit einem Restaurator empfiehlt sich in diesem Fall. Oder man hat das Glück und trifft wie zufällig auf eine original Farbschicht, die versteckt hinter einer Verschalung die Jahre überdauert hat. So geschehen beim Klösterle in Bad Cannstatt, bei dem noch heute an einer Wandfläche auf Gefachen und Hölzern die Farben aus dem 15. Jahrhundert bewundert werden können.


Pflegeintensiv

Übrigens: Mutig muss man schon sein, um ein Fachwerkhaus zu übernehmen und vor allem zu renovieren. Denn wie bei kaum einem anderen Gebäudetyp ist das Fachwerkhaus sehr pflegeintensiv. Regelmäßig muss das Holz behandelt und der Putz überprüft werden, was vor allem für die Übergangsfugen zutrifft. Wer sich aber entschließt, ein solches Denkmal als Eigenheim oder für eine andere Nutzung zu übernehmen, der kann immerhin mit einer Förderung rechnen. Auch wenn diese mit vielen Auflagen verbunden ist, gibt es finanzielle Unterstützung etwa von der Denkmalstiftung Baden-Württemberg oder der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Aber auch Kommunen und die Landesdenkmalämter fördern die Revitalisierung und den Erhalt von denkmalgeschützten oder ortsbildprägenden Bauten. Und klappt es mit der Förderung nicht, so ist es zumindest möglich, dass der eigene Fachwerkbau von den Auflagen der EnEV verschont bleibt. Denn das ist auch nötig, will man nicht die teils sehr problematischen Innendämmungen akzeptieren oder gar das schöne Sichtfachwerk hinter einer dicken Dämmschicht verstecken.

Marc Nagel
Quelle: Malerblatt 08/2010


L(i)ebenswertes Fachwerk
Das Klösterle in Stuttgart-Bad Cannstatt. Der Fachwerkbau im alemannischen Stil stammt aus dem Jahr 1463 und wurde 1983 vor dem Abriss bewahrt und saniert.

L(i)ebenswertes Fachwerk
Im Erker befindet sich im oberen Teil eine gotische Kapelle. Unter dem Erker zu erkennen: Bauteile, die noch mit der Originalfarbe aus dem 15. Jahrhundert gestrichen sind.

L(i)ebenswertes Fachwerk
Das Fachwerkhaus am Felgerhof in Bad Cannstatt verfügt über kein Sichtfachwerk. Zudem wurde hier wesentlich mutiger mit modernen Elementen wie dem Treppenaufgang gespielt.

L(i)ebenswertes Fachwerk
Mit solchen Details wird man nur bei der Sanierung oder Renovierung von Fachwerkbauten konfrontiert. Doch gerade das macht den Reiz dieser Gebäude aus.

L(i)ebenswertes Fachwerk
Der Schrägstütze des Hauses am Felgerhof sieht man die Jahre an. Trotzdem trägt sie noch einen Teil der entstehenden Lasten ab.

L(i)ebenswertes Fachwerk
Das Klösterle, ein heute noch erhaltenes Fachwerkhaus, war früher nur eines von mehreren Gebäuden, die zwischen einer Einfriedung und der Stadtmauer von Bad Cannstatt lagen. Genutzt wurde es lange Zeit als Sozialstation eines Frauenordens. Fotos: Marc Nagel

Anzeige

Große Fotoaktion auf der FAF 2019

Anzeige

Aktuelle Ausgabe

Titelbild Malerblatt 9
Ausgabe
9.2019

ABO

Anzeige


Malerblatt Infoservice

Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Malerblatt-Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Medien GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Malerblatt-Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Malerblatt-Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de