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Neumarkt in Dresden

Rund um die Frauenkirche wachsen am Dresdner Neumarkt acht neue Quartiere in die Höhe nach historischem Vorbild.

Dresdner, die älter als 25 Jahre sind, wissen es aus eigener Anschauung; Touristen, die das Elbflorenz das erste Mal in diesen Tagen besuchen, können es kaum glauben: Noch vor 20 Jahren umgab den Torso der in der Bombennacht 1945 ausgebrannten Frauenkirche eine graue Brache, die als Parkplatz genutzt wurde. Weitere Kriegsruinen prägten das Bild des Platzes noch bis ins 21. Jahrhundert, genauso wie postmoderne Plattenbauten, die während DDR-Zeiten errichtet worden waren. Von den heute zu sehenden Bauten und der städtebaulichen Struktur des Stadtzentrums war oberirdisch kaum etwas übrig geblieben. Doch wie in kaum einer anderen deutschen Stadt waren auch vor der Wende die Bestrebungen schon sehr stark, das verlorene, gebaute Kulturgut wiederzugewinnen. Im Dresden der DDR wurden wichtige historische Bauten wie der Zwinger, die Hofkirche und die Semperoper originalgetreu wiederaufgebaut. Auch die Idee, die Frauenkirche zu rekonstruieren und den Neumarkt wieder zu bebauen, entstammt der Zeit vor 1989.


Leitbauten

Ab den 1990er-Jahren nahmen die kontrovers diskutierten Pläne für das zukünftige Erscheinungsbild des Neumarkts Formen an. Ein zentraler Gedanke war bereits in den 1980er-Jahren entwickelt worden und ist auch heute Herzstück der gültigen Gestaltungssatzung: Er besteht in der Wiederherstellung der sogenannten „Leitbauten“. Zwingend vorgeschrieben wird damit ein originalgetreuer Wiederaufbau jener gut dokumentierten Gebäude, die kulturhistorisch und städtebaulich von besonderem Wert sind. Für das Neumarktgebiet sieht die Satzung in den acht Quartieren auf über 100 zu bebauenden Parzellen mehr als 60 Leitbauten vor. Gebäude, die keine Leitbauten sind, sollen sich harmonisch einfügen und mit Putzfassaden zurückhaltend zeitgenössisch gestaltet werden. Weitere bauliche Vorgaben waren z. B. eine weitgehende Wiederaufnahme der historischen Parzellengrößen, der Traufhöhen und der Dachlandschaft. Darüber hinaus forderte die Satzung die Bauherren und Investoren auf, ein entsprechendes Nutzungskonzept vorzulegen. Wichtige Eckpunkte dabei waren und sind, eine gute Branchen- und Nutzungsvielfalt zur wirtschaftlichen Wiederbelebung dieser Zentrumslage zu berücksichtigen – mit kleinteiligen Handelseinrichtungen, Gastronomie, Büros, Hotels und Wohngebäuden sowie Einrichtungen für Kultur und Freizeit, Events und Tourismus.

In den rekonstruierten Gebäuden sind Gastronomie, Hotellerie, Läden und exklusive Wohnungen untergebracht.


Quartier II

Das Quartier II liegt östlich der Frauenkirche, zwischen Salzgasse und Rampische Straße. Es ist dem Neumarkt über drei Gebäude zugeneigt und streckt sich an beiden Gassen ostwärts in die Tiefe. Genau diese drei Gebäude – das „Haus zum Schwan“, An der Frauen-kirche 13, das „Haus zur Glocke“, An der Frauenkirche 14, und der Eckbau An der Frauenkirche 15/Rampische Straße 1 – sind wichtige Leitbauten dieses Quartiers und mitprägend für das Platzbild, das der Neumarkt im 18. Jahrhundert abgab. Diese Fassaden wurden in ihrem ursprünglichen Erscheinungsbild rekonstruiert – genau so, wie sie auf den berühmten Dresdner Stadtansichten des Künstlers Canaletto dokumentiert sind. Drei weitere Leitbauten finden sich in der Rampische Straße 3, 5 und 7, die ebenfalls allesamt wiederhergestellt wurden. Die besonders bewegte Fassade des Wohnhauses Rampische Straße 7, ein Höhepunkt des Dresdner Barock, war ursprünglich von Maurermeister Georg Hase 1715 errichtet worden – mit auffallend reichen Fensterverdachungen über profilierten Sandsteineinfassungen mit betontem Schlussstein. Für den Abschluss des Quartiers zum anderen Straßenzug hin, gestaltete Architekt Dr. Walter Köckeritz in der Salzgasse zwei schlicht modern interpretierte Neubauten. Außen wurden sie in traditioneller Putzfassade, mit Ziegeldach und hochstehenden Fenstern sowie mit vom Putz abgesetzten Gewänden ausgeführt. Die gesamte Bebauung des Quartiers II.1 – historische Leitbauten oder „echte“ Neubauten – wurde in moderner Bauweise erstellt und originale Grundstrukturen im Innenbereich zugunsten zeitgemäßer Anforderungen an Grundrisse verändert. Speziell bei der Fassadengestaltung waren jedoch traditionelle Fertigkeiten und das Wissen um historische Handwerkskunst gefragt.

Das Quartier II schließt östlich an den sakralen Prachtbau der Frauenkirche in Dresden an. Hier ein Blick aus der Rampische Straße heraus.


Aufwendige Farbgestaltung

Genauso viel Sorgfalt wie bei der Wiederherstellung von barocken Stuckelementen, Sandsteinornamenten und vielen weiteren baulichen Details widmete die V.V.K. zu Dresden der abschließenden farbigen Fassadengestaltung – und das aus zwei wichtigen Gründen. Zum Einen ist die farbige Ausgestaltung ein wichtiges Stilmittel, auf das gerade im Barock viel Wert gelegt wurde. Zum Zweiten eignete sich Farbe als Gestaltungsmittel ideal, um die historisch rekonstruierten Bauten mit den Neubauten zu einem stimmigen Gesamtbild zu verbinden. In enger Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege entstand so ein Farbkonzept, bei dem sich Matthias Peikert, verantwortlicher Architekt der V.V.K. zu Dresden, vom Brillux Farbstudio Leipzig unterstützen ließ – mit Farbentwürfen und aufwendiger Bemusterung.
Die drei Gebäude in der Salzgasse – die beiden Neubauten sowie die Nordfassade des historischen Leitbaus „Haus zum Schwan“ – fügen sich durch drei abgestufte Grünvariationen in den drei Fassadenleitfarben zusammen. Gemeinsam haben die drei Fassaden außerdem einen gliedernden, grünbeigen Farbton sowie eine kakaobraune Nuance für die Fenster- und Türenbeschichtungen im Straßengeschoss – eine Wiederholung, die sich im gesamten Gebäudegeviert findet.
Die drei Fassadenfronten zur Frauenkirche hin sind ebenfalls detailreich und nach historischem Vorbild in bis zu fünf Scala-Farbtönen gestaltet worden. Hier grenzen unterschiedliche Farbfamilien – Grün, helles Graubraun und Gelb – die drei reich dekorierten und gegliederten Gebäude gegeneinander ab. Um die Ecke, hinein in die Rampische Straße, erzielt das Farbkonzept an den vier Leitbauten durch die Zuordnung von Gelb-, Oliv-, Terracotta- und Lindgrünnuancen als Fassadenleitfarben eine ebenso spannungsreiche wie harmonische Gesamtwirkung. Die Firma Heinrich Schmid aus Radeberg erhielt den Zuschlag für die Malerarbeiten an der Fassade. Der verwendete nuancengenau abgetönte Silicon-Fassadenanstrich ist technisch für alle Anforderungen des 21. Jahrhunderts gerüstet. Die Beschichtung zeichnet sich unter anderem durch hohe Wetterbeständigkeit, geringe Verschmutzungsneigung und nachhaltigen Schutz gegen Luftschadstoffe aus – gerade in Innenstadtlagen ein wichtiges Kriterium. Auch im Innenbereich des „Hauses zum Schwan“ kamen Brillux-Materialien zum Einsatz. Die Firma Kadur Raumidee aus Dresden verarbeitete Glasgewebe sowie Rapidvlies und gestaltete repräsentative Bereiche mit einer besonders leicht zu verarbeitenden Dekospachtelmasse auf Kalkbasis mit marmorähnlichem Charakter.
Genauso wie die Satzungslinien für die Bebauung berücksichtigte die V.V.K. zu Dresden die Nutzungsvorgaben der Stadtplaner. In die Einzelhäuser des Quartiers II.1 zogen ein Hotel, mehrere Restaurants, Läden und Boutiquen sowie Mieter anspruchsvoll gestalteter Wohnungen ein. Sie genießen zum Teil einen prominenten Blick auf die Frauenkirche und das schon fast komplette, rekonstruierte Neumarkt-Ensemble.

Wie reich die Fassaden baulich und farbig geglieder sind, zeigen die Nahaufnahmen. Die Wiederherstellung erfolgte detailgenau.Fotos: Brillux

Marco Bock, Brillux
Quelle: Malerblatt 04/2010

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