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Lehmausfachungen

Bauphysikalisch sind Fachwerkbauten mit das Anspruchsvollste, was stehende Gebäude zu bieten haben.

Historisch betrachtet war der Fachwerkbau eher profan. Heute wird bei Fachwerkgebäuden aus ästhetischen Gründen oft Gebälk freigelegt, das der zeitgenössische Bauherr gar nicht zeigen wollte. Eine Entwicklung, die erst im 19. Jahrhundert üblich wurde und unsere Vorstellung von schwarzen oder roten Balken und weißem Anstrich der Gefache prägt.

Fachwerk ist das Gegenteil von Normierung und Standardisierung. Man kann es auf den Nenner bringen: Fachwerk lebt. Und ist ein Anschlussproblem schlechthin: Holzbalken und Gefache unterscheiden sich in ihrem Schwind- und Quellverhalten. So entstehen regelmäßig Fugen und Risse.

Fachwerk entstand, weil die eingesetzten Baustoffe lokal verfügbar und die Konstruktion vergleichsweise einfach zu errichten war. In Mitteleuropa entwickelte sich eine Bauweise, bei der Tragwerke aus Holzbalken ausgefachte Felder umgrenzen. Sie zeichnet sich durch eine recht große Toleranz bei den verbauten Materialien aus. Die Balken entsprechen keiner Norm, im Profanbereich wurde genommen, was der Wald hergab.


Die alten Ausfachungsmethoden wirken für heutige Vorstellungen vielleicht nur wenig optimiert, ihre Einfachheit macht sie aber besonders anpassungsfähig. Entgegen gängiger Prinzipskizzen haben viele der alten Hölzer keine scharfkantigen Rechteckquerschnitte und sind auch nicht immer gleich dick. Die Balkenflanken bestehen vielfach aus unterschiedlich fliehenden Waldkanten oder haben tiefe Riefen sowie verschiedenste Vor- und Rücksprünge.

Kurzum: Bei der Auseinandersetzung mit der Sanierung von Fachwerkelementen ist Voraussetzung, so manche Gewohnheit auf den Kopf zu stellen. Gebäudehülle und Wasser, das sind ja die klassischen Antipoden schlechthin. Während wir heute mit erheblichem Aufwand versuchen, jede eindringende Feuchtigkeit am Baukörper zu verhindern, so muss der weitsichtige Fachwerksanierer hier einen gegenteiligen Ansatz akzeptieren und dafür sorgen, dass das unvermeidlich in die scheinbar unendlichen Fugen eintretende Wasser so leicht wie möglich wieder aus dem Baukörper austreten kann, und dass der eindringenden Feuchtigkeit möglichst jeder Hohlraum genommen wird, um sich in der Wand zu halten oder zu sammeln. Da die Holzbalken auch nach Hunderten von Jahren noch „leben“ ist eine entscheidende Vorgabe – neben der Diffusionsoffenheit – die Elastizität der Gesamtkonstruktion, eine Bedingung, die die historischen Ausfachungen mühelos erfüllt haben. Man kann vier Ausfachungstechniken unterscheiden.
Bei zweien bildet ein Putzträger die Grundlage für Strohlehm: Zum einen ein Geflecht aus Weichholzruten und sogenannten Staken, zum anderen ein Spalier aus Staken. Die dritte Technik ist die Ausfachung mit Lehmsteinen ohne konstruktive Holzanteile. Eine vierte Technik ist das Vermauern von Lese- oder Feldsteinen mit Lehm, mit oder ohne Hilfsschalung.


Reparatur von Ausfachungen

Grundsätzlich soll sich das Baumaterial für die Reparatur möglichst genau am vorhandenen Bestand orientieren, eine fundamentale Forderung, begründet auf einer jahrzehntelangen Ausführungserfahrung bei der Sanierung von Fachwerkhäusern von Peter Breidenbach und Ulrich Röhlen. Die für die Reparatur notwendigen Materialien werden von Lehmbaustoffherstellern angeboten. Die Baustoffe sind dann ggf. vor Ort anzupassen. Die Herstellung örtlicher Mischungen aus Grubenlehm und Zuschlägen ist möglich, setzt aber ausreichende Erfahrung voraus. Wird Lehm aus dem Abbruch alter Gefache wieder verwendet, so müssen Verunreinigungen durch Salze, Ruß und Pilze (Hausschwamm) ausgeschlossen sein.

Lehmausfachungen können meist erhalten werden, selbst wenn sie jahrhundertealt sind: Bewegliche Staken lassen sich wieder fixieren, Fraßlöcher können alt und unproblematisch sein, Strohlehm ist zwar weich, aber für diesen Verwendungszweck fest genug. Der Austausch nicht mehr haltbarer Staken oder Ruten ist oft nur unter großem Substanzverlust durchführbar. In solchen Fällen ist eine Verschraubung oder sonstige Unterstützung mit rostfreien Befestigungsmitteln zu bevorzugen. Auch neue Strohlehmaufträge wirken stabilisierend.


Lehmsteinmauerwerk

Die partielle Reparatur von Lehmsteinmauerwerk erfolgt wie bei Mauerwerk aus künstlichen Steinen. Die Wasserlöslichkeit des Lehmmauermörtels vereinfacht die Arbeit. Auch in diesem Fall sollen Steine und Mörtel verwendet werden, die den Materialien des Bestandes möglichst entsprechen.

Da die Stabilität der Ausfachung durch den Austausch einzelner Steine beeinträchtigt oder zerstört werden kann, wird abzuwägen sein, ob die Reparatur vertretbar oder eine Neuausfachung geboten ist. Neuausfachungen oder Ergänzungen in authentischen historischen Konstruktionen wie Geflecht mit Strohlehmbewurf und Stakung mit Strohlehm können in der Baudenkmalpflege gefordert sein. Aus Kostengründen wird jedoch meist Lehmsteinmauerwerk gewählt. Damit werden auch lange Feuchtebeanspruchungen des Fachwerks und Trocknungszeiten vermieden. Sichtfachwerkfassaden haben in Bezug auf die Witterungsbelastung eine nur begrenzte Leistungsfähigkeit. Dies gilt zunächst für den Außenputz. Jedoch sind Putzschäden nicht zwangsläufig Zeichen einer unsachgemäßen Ausführung. Sie können auch ein Indiz für die Überforderung der Fassade sein und diese lediglich frühzeitig anzeigen. Dauerhafte Durchfeuchtung zerstört die Fachwerkbalken.

Zu stark bewitterte Fassaden wurden deshalb in der Vergangenheit durchgängig verputzt oder durch eine Verschalung geschützt. Generell wird eine Belastung der Fassadenfläche von weniger als 140 Liter Schlagregen pro Jahr als nicht problematisch angesehen. Wie beschrieben gilt es, alle Voraussetzungen zu schaffen, um witterungsbedingt eindringende Feuchtigkeit wieder ungehindert aus dem Bauteil austreten zu lassen. Grundsätzlich ist nur einseitiges Sichtfachwerk bautechnisch geboten, meist auf der Außenseite. Sowohl außen als auch innen freiliegendes Fachwerk ist bei beheizten Gebäuden konstruktiv ausgeschlossen, da ausreichende Winddichtigkeit und Wärmedämmung mit bautechnisch und wirtschaftlich vertretbaren Mitteln nicht zu erreichen ist.


Der Außenputz soll möglichst spät aufgebracht werden, da sich durch die Sanierung bedingte Bewegungen im Fachwerkgefüge sowie Quell- und Schwindverformungen der Balken beruhigen. Idealerweise soll die erste Heizperiode abgewartet werden. Die Gefache nicht bewitterter Fachwerkwände können außen mit Lehmmörtel verputzt werden, bei bewitterten Wänden ist der wasserlösliche Lehm nicht geeignet. Gut geeignet sind hier Putze, die historischen Vorbildern entsprechend rein kalkgebunden sind und ein stabiles Korngerüst mit groben Sandanteilen haben. Auch die reichliche Zugabe von Tierhaaren ist zu empfehlen.

Putzflächen und Anstrich

Der Putzgrund ist sorgfältig vorzubereiten. Über die normale Haftungsbeanspruchung zwischen Untergrund und Putz hinaus kommt es bei bewitterten Sichtfachwerkfassaden gegebenenfalls zu einer wesentlich höheren Beanspruchung: Die bei Durchfeuchtung aufquellenden Balken üben einen seitlichen Druck auf die Kalkputzplatte aus, dies kann zum Aufwölben und Ablösen führen. Bei schmalen Gefachen und stark bewitterten Flächen (Ortgangbereich, Giebelspitze) wirkt diese Kraft besonders stark.

Kalkmörtel bedürfen zur Reduzierung der Frostempfindlichkeit eines schützenden Anstriches. Dabei ist auf die Verträglichkeit der Anstrichstoffe und -aufbauten mit dem weichen alkalischen Putzmaterial zu achten. Der Anstrich soll eine gewisse Offenporigkeit aufweisen, dichte Anstriche würden die gesamte Niederschlagsmenge in die unteren gefachbegrenzenden Fugen leiten.

Dr. Michael Willhardt

 

 

 


Fachwerk lebt
Typisches Fachwerk: Kein Balken gleicht dem anderen.|

Fachwerk lebt
Stakung mit Flechtwerk |

Fachwerk lebt
Weitgehend erhalten blieb diese Lehmausfachung. |

Fachwerk lebt
Ausfachungsmauerwerk mit Lehmsteinen. |

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