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Gegen Algen vorbeugen

Über die Ursachen der Algen- und Pilzbildung an Fassaden sind sich alle Farben- und Putzhersteller weitestgehend einig.

Wenn wir für die Algen- und Pilzproblematik an Fassaden nach Lösungen suchen, könnten wir es uns einfach machen und – wie bei Günther Jauch – den Publikumsjoker bemühen. Dann müssten wir in diesem Heft nur einige Seiten weiterblättern und fänden dort das Ergebnis einer Online-Umfrage (siehe „Voting des Monats“, Seite 85). Demnach empfehlen rund ein Drittel der Befragten ihren Kunden „in jedem Fall einen Biozidzusatz“. Das deckt sich mit den Aussagen der von uns befragten Hersteller, wonach deren Handwerkerkunden mehrheitlich biozidhaltige Systeme einsetzen. In diesem Fall wäre dieser Beitrag mit dem Fazit: „Biozide schützen am wirkungsvollsten vor Algen“ an dieser Stelle schon zu Ende. Doch das Thema ist zu vielschichtig, als dass wir es dabei belassen möchten. Denn Biozide sind beileibe nicht die einzige Lösung.


Ursachen für Algen und Pilze

Die wichtigsten Voraussetzungen für das Entstehen von Algen und Pilzen sind Feuchtigkeit, Tageslicht, Kohlendioxid und Nährstoffe. Daher kommen sie vorzugsweise an West- und Nordfassaden sowie im Sockelbereich vor. Pflanzenbewuchs im Umfeld des Gebäudes begünstigt die Algenbildung. „Algen- und Pilzwachstum auf Fassaden stellen aber in erster Linie ein rein ästhetisches Problem dar“, betonen Kirstin Willers und Albert Klein von Brillux. „Direkte Schädigungen des Anstriches oder Putzes durch Algenbewuchs sind uns nicht bekannt.“ Eine Sichtweise, die auch Franz Xaver Neuer, Leiter Technik bei Caparol, teilt. „Solange die Fassadenbeschichtung intakt ist, also keine Putz- und Anstrichschäden aufweist, ist ein Befall mit Pilzen oder Algen nur oberflächig und optisch vorhanden. Die darunter liegende Fassadenbeschichtung wird nicht beschädigt.“

Trotzdem ist und bleibt das Thema vor allem für Bauherren ein großes Ärgernis. Zumal der Algenbewuchs sich scheinbar immer mehr ausbreitet. Für Thomas Koch, Produktmanager von Keimfarben, ist das „ein schöner Indikator, dass unsere Luft wieder sehr viel sauberer ist, als noch vor Jahren.“ Saubere Luft = gutes Pflanzenwachstum. Benedikt Müller-Wortmann sieht, wie viele seiner Fachkollegen, noch eine andere Ursache für die Zunahme der Problematik. „Laut Marktbeobachtung sind 75 Prozent aller gedämmten Gebäude befallen“, so der Leiter Anwendungstechnik bei CD-Color. Die Ursache liegt darin begründet, dass die Nachtluft an der kühleren Fassadenoberfläche gedämmter Häuser leichter kondensiert und dieses Kondensat das Algenwachstum begünstigt.


Wartung bietet Sicherheit

Doch wie kann man nun wirkungsvoll der Algen- und Pilzbildung vorbeugen? Hier herrscht zunächst Einigkeit unter den befragten Experten. „Hundertprozentigen Langzeitschutz gibt es nicht“, lautet das Credo. Der Fachhandwerker sei gut beraten, wenn er dies gegenüber dem Bauherrn unmissverständlich klar macht. „Wer etwas anderes verspricht agiert unseriös“, so ein Experte. Auch bei Herbol sieht man das so: „Wir empfehlen jedem Profi das Thema beim Kunden von Anfang an aktiv anzusprechen und zu dokumentieren. Für eine Einschätzung des Befallsrisikos gibt es aus unserem Hause eine Checkliste.“ Was in unserer Befragung deutlich wurde: Wartungsfreie Fassaden gibt es genauso wenig wie es wartungsfreie Heizungsanlagen oder Autos gibt. Nur: Maler und Stuckateure tun sich ungleich schwerer als die Kollegen aus dem SHK-Betrieb oder der Kfz-Werkstatt, entsprechende Serviceleistungen anzubieten. Warum eigentlich, wo es doch Argumentationshilfe von höchster Stelle gibt? So weist das Umweltbundesamt in seinem Merkblatt zur Verringerung des Biozideinsatzes an Fassaden (siehe Kasten PraxisPlus) darauf hin, dass „eine regelmäßige Inspektion und Instandhaltung von Fassaden zum normalen Gebäudeunterhalt gehören sollte und zur Verringerung von Umweltbelastungen beiträgt.“


Maßnahmen gegen Algen

„Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel.“ – Dieses Zitat des Soziologen Paul Watzlawick fällt einem unweigerlich ein, wenn man sich auf die Suche nach dem wirkungsvollsten Mittel gegen Algenbewuchs begibt. Je nach Hersteller rücken – entsprechend dem Produktsortiment oder der Firmenphilosophie – entweder Silikatfarben, Siliconharzfarben, Acryldispersionen, mineralische oder sonstige Systeme, bei manchen auch eine Kombination aus allem, in den Mittelpunkt. Vorteile werden hervorgehoben, Nachteile scheint es nicht zu geben. Und wenn über Nachteile gesprochen wird, betreffen sie in der Regel die Produkte der Wettbewerber. Das macht es für den Handwerker nicht einfacher – für uns übrigens auch nicht; trotzdem wagen wir einen Überblick.


Konstruktive Details

Wer eine Fassade wirkungsvoll vor Feuchtigkeit schützt, der beugt auch der Algenbildung vor. Das ist Fakt. In der Praxis erreicht man dies durch konstruktive Details in der Architektur, beispielsweise einen ausreichend großen Dachüberstand. Das sollte sinnvollerweise schon bei der Planung eines Gebäudes berücksichtigt werden. Leider schützen solche Maßnahmen nicht ausreichend vor Tauwasserbefall und sind nachträglich nur mit hohem Aufwand realisierbar.


Wärmeregulierende Systeme

Die erhöhte Wärmespeicherfähigkeit bestimmter (Dämm-)Materialien kann eine Fassadenoberfläche vor Tauwasser – und damit vor Algenbewuchs – schützen. Die Oberfläche bleibt bei Abkühlvorgängen länger warm und somit gegenüber anderen Flächen länger trocken. Insbesondere Holzfaserdämmstoffen und der Hanfdämmung wird diese Eigenschaft zugesprochen. Von Sto gibt es übrigens eine Studie, die laut ihren Autoren genau das Gegenteil beweist (siehe Kasten PraxisPlus). Produktbeispiele: Holzfaserdämmungen von Gutex, Inthermo und Pavatherm; Beschichtungssystem Maxit Solar von Franken Maxit.


Kapillarhydrophile Systeme

Die hydrophilen, also wasserfreundlichen Systeme schützen auf Basis physikalischer Wirkprinzipien vor Algenbildung, indem sie die Fassadenoberfläche möglichst trocken halten. Durch die Materialstruktur wird die Oberfläche der Wassertropfen um ein Vielfaches vergrößert. Damit kann die Feuchtigkeit zum einen schneller verdunsten. Gleichzeitig nehmen kleinste Kapillarporen des Oberputzes die Feuchtigkeit vorübergehend auf und geben diese bei sinkender Luftfeuchtigkeit wieder ab. Produktbeispiel: Saint-Gobain Weber Aqua-Balance.


Klassischer Kratzputz

Quasi alle mineralischen und silikatischen Produkte basieren auf diesem hydrophilen Prinzip. Wasser aufnehmen, um die Oberfläche trocken zu halten – das minimiert das Algenrisiko. Beim klassischen Kratzputz kommt noch ein anderer Effekt hinzu. Durch ein ständiges Kreiden der Oberfläche werden auch Algen mit entfernt. Ein Bewuchs tritt daher, wenn überhaupt, verzögert auf. Das Material ist umweltfreundlich und seit Jahrhunderten bewährt. Dagegen sprechen ein erhöhter Aufwand bei der Herstellung, Einschränkungen bei der Farbgebung sowie die Problematik der partiellen Überarbeitung, beispielsweise bei Verunreinigungen durch Graffiti. Produktbeispiele: Baumit KratzPutz KRP Jura; Knauf Kratzputz mak3.


Dickschichtige Putzsysteme

Die Wirkungsweise mineralischer, dickschichtiger Putzsysteme Als Bestandteil von Wärmedämm-Verbundsystemen ist vergleichbar mit der eines Kratzputzes. Feuchtigkeit wird schnell von der Oberfläche in den Untergrund abgeleitet und von dort zeitverzögert wieder als Wasserdampf an die Umgebungsluft abgegeben. Außerdem sorgen die dicken Putzschichten für eine erhöhte Wärmespeicherung, was sich, wie weiter oben beschrieben, ebenfalls vorteilhaft auswirkt. Auch hier ist ein erhöhter Aufwand bei der Herstellung des Systems, bestehend aus Unterputz, Oberputz und gegebenenfalls Anstrich zu berücksichtigen. Produktbeispiel: KEIM Aqua- ROYAL WDV-System.


Silikatfarben

Laut unserer eingangs zitierten Umfrage sind Silikatfarben erste Wahl, wenn es um den Schutz vor Algen und Pilzen geht. Das kommt nicht von ungefähr: Ihr nährstofffreier Anstrichfilm bietet den Algen keine Nahrung. Zusätzlich sorgt die hydrophile Eigenschaft des Anstrichfilms dafür, dass die Fassadenoberfläche schneller abtrocknet. Hinzu kommt die Alkalität der Silikatfarbe. Das schützt zusätzlich vor Organismen wie Algen. Doch auch bei Silikatfarben ist der Schutz zeitlich begrenzt, da der pH-Wert im Laufe der Zeit sinkt. Produktbeispiel: Brillux Silikat-Fassadenfarbe HP 1801.


Kapillarhydrophobe Systeme

Die genau entgegengesetzte Philosophie zu den bisher aufgeführten Produkten vertreten kapillarhydrophobe, also wasserfeindliche Systeme. Sie zeichnen sich dadurch aus, kein oder nur minimal Wasser in den Untergrund abzuleiten. Vielmehr wird es an der Fassadenoberfläche in einen dünnen Feuchtefilm verwandelt. Der soll möglichst schnell verdunsten, ohne tiefer in das Putzsystem einzudringen oder abfließen und organische Partikel mit abwaschen.


Siliconharzfarben

Siliconharzfarben bieten eine sehr hohe Wasserdampfdurchlässigkeit und schützen den Untergrund gleichzeitig vor Wasser von außen. Ein ausreichender Schutz vor Algen und Pilzen ist in vielen Fällen jedoch nur durch den Zusatz von Bioziden gewährleistet, weshalb entsprechende Produkte meist von Haus aus mit einem Filmschutz ausgestattet sind. Produktbeispiele: Caparol Thermosan, Caparol Muresko; FEMA-Clean-Fassadenfarbe; ZERO Fassade 95 Siliconharzfarbe


Hybrid-Beschichtungen mit Nano-Technologie

Immer mehr Hersteller kombinieren Bindemittel, um deren unterschiedliche, positive Eigenschaften in einem Produkt zu vereinen. Mitunter wird zudem die Oberfläche durch Nanotechnologie modifiziert. Das begünstigt den sogenannten Wasserspreiteffekt, der Wassertropfen in einen Feuchtefilm verwandelt und damit homogen verteilt. Schmutzpartikel werden ganzflächig abgewaschen und die Oberfläche trocknet schnell ab. Produktbeispiel: Dinova SI-Fusion (Farbe) und Dinova Hybrid Kratzputz (Putz); Herbol Symbiotec; Sakret N-TEColor N-TEC.


Lotus-Effekt

Eine Reihe von Spezialbeschichtungen nutzt weitere Effekte aus, um der Algenproblematik Herr zu werden. So hat vor Jahren schon die Firma Sto den natürlichen Selbstreinigungseffekt der Lotuspflanze auf moderne Fassadenbeschichtungen übertragen. Das führt dazu, dass Regenwasser an der Oberfläche abperlt und organische Verunreinigungen – auch Algen – damit abgewaschen werden. Produktbeispiel: Sto Lotusan.


Photokatalytische Systeme

Viele Beschichtungen enthalten aktive Pigmente, die organische Stoffe, dazu gehören auch Algen, bei Lichteinwirkung zerstören und abbauen. Diese werden dann durch Wind und Regen von der Fassade abgetragen. Die Wirksamkeit dieses photokatalytischen Effekts ist seit Jahren bekannt. Ob sie zur Vorbeugung gegen Algenbewuchs ausreicht, daran scheiden sich die Geister. Eine Eigenschaft ist jedoch unumstritten: Die katalytischen Substanzen bauen sich nicht ab. Dadurch bleibt die Wirkung langfristig bestehen. Produktbeispiele: Baumit NanoporColor (Anstrich) und NanoporTop (Putz).


Verkapselte Biozide

Wenn auf ein Biozid partout nicht verzichtet werden kann, sollte man ausschließlich auf Farben und Putze zurückgreifen, die verkapselte (manche sprechen von „gekapselte“) Biozide enthalten. Das empfiehlt auch das Umweltbundesamt in dem oben erwähnten Merkblatt. „Verkapselt“ bedeutet, dass der Wirkstoff von einem Polymer umhüllt ist. Die Löslichkeit des Wirkstoffs lässt sich damit einstellen. Zusätzlich wird die Auswaschungsrate verringert. Diese Maßnahme kann die Schutzdauer erhöhen und hilft, die Abgabe von Substanzen in die Umwelt zu reduzieren.


Fachberatung sinnvoll

Auch wenn, neuesten Forschungsergebnissen des Fraunhofer Instituts für Bauphysik zufolge, nur maximal fünf Prozent der verkapselten Biozide im ersten Jahr ausgewaschen werden, so bedeutet ein Verzicht in jedem Fall ein Gewinn für die Umwelt – und damit für uns alle. Daher sollte an erster Stelle immer die Überlegung stehen, entweder durch konstruktive Detaillösungen oder den Einsatz biozidfreier Produkte der Algenproblematik zu begegnen. Das darf jedoch nicht so weit gehen, dass man die Ursachen für Algen- und Pilzbildung außer Acht lässt und diesbezüglich ungünstige Rahmenbedingungen ignoriert. Gut beraten ist, wer im Zweifelsfall über die Fachberater seinen Farben- und Putzhersteller mit ins Boot holt.

Josef Schneider

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