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Meeting of Styles 2014

Kunst oder Vandalismus? Da scheiden sich die Geister… Das Meeting of Styles 2014 fand ganz legal in Wiesbaden statt.

Legal oder Illegal?

Hip-Hop und Breakdance begleiteten die Aktion, die Stimmung war locker aber konzentriert. Das Publikum bunt gemischt, vom Grundschulkind bis zum Rentner. Alle vereinte die Faszination Graffiti entstehen zu sehen und alle fotografierten, ob groß oder klein, ob alt oder jung. Rund hundert Künstler aus China, den USA, Singapur, Brasilien, Venezuela, Israel, Frankreich, Belgien und Deutschland kamen im Juni zum 12. Meeting of Styles nach Wiesbaden. „Cause and effect“ lautete das diesjährige Motto und sollte die Sprayer dazu anregen, sich mit den globalen Missständen kreativ auseinander zu setzen. Die TSF-Crew aus Was hier wie ein ultramoderner Zweig der Jugendkultur wirkt und auch ab und zu mit einem Kopfschütteln von Skeptikern kommentiert wurde, ist eigentlich so alt wie die Menschheit. Von den Felsenmalereien in Lascaux, über Ägypten bis zu den alten Römern hat das Graffiti eine lange Tradition als Medium, über das man sich mitteilen kann. „Gewinn macht Freude“ oder „Celadus, der Thrakier, Schwarm der Mädchen“ fand man beispielsweise eingeritzt in Hauswände bei der Ausgrabung von Pompeji. Daher kommt auch der Name „Graffito“, von sgraffiare, was soviel wie einritzen oder kratzen bedeutet. „Sgraffiare“ als urmenschliches Bedürfnis? Frankreich, KozDos aus Venezuela, Dase & Fert aus Spanien, die End Of The Line aus England, die Disorder Line aus Belgien und aus Deutschland die The Dark Royals arbeiteten gemeinsam an einer Wand, die als mögliche Folge der globalen Erwärmung den Veranstaltungsort als Unterwasserlandschaft darstellt. Mehr Multi-Kulti geht nicht. Und möglich ist das alles, weil die Stadt Wiesbaden und das amerikanische Konsulat, das Graffiti- Event finanziell unterstützen. Städtische Flächen werden freigegeben, dazu kommen Hausbesitzer umliegender Häuser, die sich der Aktion anschließen, indem sie ihre Grenz- oder Garagenwände ebenfalls zum Sprayen freigeben.

 


Häufig widmen sich die Graffiti-Sprayer mit ihren Mitteln der Gesellschaftskritik.

 

Selbstdarstellung

Die Wurzeln der heutigen Graffiti liegen in den Armenvierteln der Großstädte im Amerika der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Rivalisierende Gangs lieferten sich blutige Kämpfe, in denen viele Jugendliche starben. Irgendwann wurden Wege gesucht, die Konflikte gewaltfrei zu lösen. Hip-Hop und Breakdance entwickelten sich, die Battles wurden jetzt getanzt. Der öffentliche Raum war stark vernachlässigt, bot aber unzählige Flächen zur Selbstdarstellung über das Anbringen von Graffiti. Es waren Jugendliche, fast ohne jede Perspektive, die über diese gewaltfreie Aneignung des öffentlichen Raums aus ihrer Anonymität heraustraten und sich über die Waghalsigkeit bei der Anbringung der Graffiti profilieren konnten.

 

Differenzierung

Zuerst kamen die Tags, man schrieb seinen Namen an die Wand, bekanntestes Beispiel aus dieser Zeit: „Mc Killroy was here“. In New York erkannten die Sprayer schnell das ungeheure Potenzial, das in dem riesigen U-Bahn-System steckte. Da sich die U-Bahnen ununterbrochen durch die gesamte Stadt bewegen, konnten die Tags von viel mehr Menschen gesehen werden. Man begann nicht nur über immer waghalsigere Aktionen auf sich aufmerksam zu machen, sondern sich auch über differenziertere Tags voneinander abzusetzen.

 

Weiterentwicklung

Zu dieser Zeit, Anfang der achtziger Jahre, schwappte die Bewegung mit der Hip-Hop-Welle nach Europa. Manuel Gerullis, Erfinder des Meeting of Styles und Organisator des Festivals in Wiesbaden, war von Anfang an dabei. In Wiesbaden hat die Graffiti-Kunst, auch dank Gerullis, eine fast dreißigjährige Tradition. Von Beginn an unterstützt durch das Jugendamt entwickelte sich hier eine Kultur, die anfangs nicht verstanden wurde, dann geduldet war und sich heute zunehmender Akzeptanz erfreut. „Obwohl es zu Beginn noch nicht die Möglichkeiten gab sich auszutauschen wie heute, entwickelte sich hier eine starke Sprayer-Gemeinschaft, nach dem Motto, „each one got to teach one“. Darüber wurden auch Regeln vermittelt und Respekt gegenüber dem anderen gelehrt“, erinnert sich Gerullis. Ein reger Austausch fand statt, indem man sich gegenseitig besuchte. Nicht selten entwickelten sich daraus langjährige und Städte verbindende Freundschaften. Eine Reisekultur, die bis heute gepflegt wird und immer wieder eine Erneuerung und Weiterentwicklung innerhalb der Szene bewirkt.

 


Probleme und falsche Entwicklungen stehen oft im Fokus von Sprayer-Werken.

 

Auseinandersetzung

Entwickelte sich die Graffiti-Kultur stark, erst in Nordamerika und dann in Europa, obwohl oder weil Graffiti von Anfang an nur als Sachbeschädigung gesehen wurden? Das weiß man nicht. Ganz anders in Südamerika – hier gibt es eine lange Tradition Wände zu bemalen. Beispielsweise in Mexico City haben Maler zu Werbezwecken die Bandnamen von Mariachi-Bands auf Brandwänden aufgebracht, immer in den für jede Band charakteristischen Farben und Formen. Auch politische Werbung wurde so über die ganze Stadt verteilt. Graffiti waren hier immer schon Teil der Gestaltung des öffentlichen Raums und in den Zeiten der Unterdrückung waren sie beispielsweise in Portugal oder Argentinien Mittel des Widerstands. Viele dieser ehemaligen Sprayer sitzen heute in verantwortlichen Positionen und unterstützen die zeitgenössische Szene über die Freigabe von städtischen Flächen und sichern damit eine verstärkt künstlerische Auseinandersetzung der Sprayer mit ihrem Stadtraum. Das legale Bemalen von brachliegenden Wänden hat hier mittlerweile einen hohen kulturellen Stellenwert.

 

Überzeugungsarbeit

Auch bei uns gibt es mittlerweile, wie es das Meeting of Styles zeigt, Wege des legalen Sprayens. Ein weiterer Schritt in diese Richtung ist es, Graffiti als Mittel einzusetzen, um mit Jugendlichen zu arbeiten. „Hier sind Disziplin, gegenseitiger Respekt, Durchhaltevermögen und die Auseinandersetzung mit Farbe und Form gefragt“, weiß Gerullis. Bei der Zusammenarbeit lernten die Jugendlichen zusammenzuhalten und sich gegenseitig zu unterstützen. Ihr Selbstbewusstsein werde gestärkt, ihr künstlerisches Potential weiter entwickelt. „Da der Förderung der Kreativität in unserem Bildungssystem kein Raum mehr geboten wird, kompensiert das Graffiti in der Jugendarbeit, ähnlich wie der Sportverein, Defizite in Lehrplan und Entwicklung der Jugendlichen“, so Gerullis. Trotzdem sei auch hier noch Überzeugungsarbeit zu leisten, bei den Bürgern und den Kommunen.

 


Die Graffitikünstler sind in Wiesbaden mit Herzblut bei der Sache gewesen.

Stadtgalerie

Gerullis hat aber noch einen Traum – er träumt von einer Stadtgalerie. Die Stadt als Lebensraum, mit ihren Plätzen und Straßen, bietet auch Raum für Kunst. Der städtische Raum wird kritisch hinterfragt und dadurch wieder sichtbar. Das wiederum bietet Potenzial für Erneuerung und Weiterentwicklung. Graffiti, die sich auch über ihre Qualität und künstlerische Ausarbeitung mit ihrer Umgebung auseinander setzen, stehen jeder Stadt gut, die sich auf dem Weg in die Zukunft befindet. Vielleicht macht
Wiesbaden ja den Anfang und Gerullis Traum wird wahr.

 

Impulsgeber

Genauer betrachtet sind Graffiti schon längst im täglichen Leben angekom- men. Viele, die als Graffiti-Sprayer be- gonnen haben, sind heute Impulsgeber in kreativen Berufen. Graffiti inspiriert die Mode-Designer, so manches Mode- label nutzt Graffiti-Wände als Hinter- grund für Modeaufnahmen, man kann sich Comics oder Tatoos ohne Elemen- te aus der Graffiti-Kunst gar nicht mehr vorstellen. Gut gemachte Stadtkunst kann mittlerweile unzählige Besucher anziehen.  Und allein die Herstellung der Spraydosen, für geschätzte zehn Millionen Sprayer weltweit, sichert Ar- beitsplätze, wie auch die Beseitigung der illegalen Tags. Der Kontinente übergreifende Austausch führt zu di- rekten Vernetzungen zwischen Men- schen aus allen Kulturen, weit ab von politischen Problemen und ökonomi- schen Interessen.
Ob Urban Art oder Schmiererei, ob le- gal oder illegal, – zu einem Stadtraum ge- prägt von riesigen Plakatwänden mit Zi- garettenwerbung, grauen Betonflächen und kahlen Brandwänden gibt es in Wiesbaden bereits eine Alternative – die gesprayten Wände des Meeting of Styles www.meetingofstyles.com in Kastel.

 

Claudia Bau
Fotos: Claudia Bau
Quelle: Malerblatt 09/2014

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