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Internationale Fachtagung für Lehmbau - ein Überblick

Fachtagung
Aktuelles vom Lehmbau

Alle vier Jahre wird die internationale Fachtagung für Lehmbau ausgerichtet. Zwar musste die LEHM 2020 wegen Corona ausfallen, doch die Inhalte aller geplanten Vorträge sind frei zugänglich im Netz einsehbar. Lesen Sie hier eine Zusammenfassung der interessantesten Beiträge für Maler und Stuckateure.

Autor: Achim Pilz

Die achte LEHM – Internationale Fachtagung für Lehmbau wurde wieder vom Dachverband Lehm vorbereitet. Er sammelte und veröffentlichte wieder hochaktuelle und spannende Themen in den Kategorien Moderner Lehmbau, Aktuelle Forschungsergebnisse, Nachhaltigkeit, Bildung, Denkmalpflege sowie innovative Produkte und Techniken als auch Normen und Vorschriften.

Sichtbares Entsalzen

Professor Christof Ziegert und zwei Kolleginnen erklärten den „Einsatz von Lehmputzen zur Salzreduktion historischer Ziegel- und Natursteinwände.“ Ziegert hat damit vor allem bei historischen Ziegelbauten 15 Jahre Erfahrung. Sein Fazit ist, dass Lehmputze sich ohne Weiteres als Salzreduktions- oder Opferputze eignen. Sie seien bautechnisch und preislich eine gute Alternative.

Besonders bei ehemaligen Stallgebäuden mahnt er zur Vorsicht. Durch die Fäkalien der gehaltenen Tiere seien sie meist stark mit Nitraten – historisch auch Salpeter genannt – belastet. Nitratsalze schädigen Gebäude am stärksten, denn sie sind leichter löslich als andere bauschädliche Salze wie etwa Sulfate und Chloride und können deshalb höher in den Wänden aufsteigen.

Nachhaltig sanieren

Eine nachhaltige Sanierung könne nur in Kombination mit einer dauerhaft wirksamen Unterbrechung der kapillaren Verbindung mit dem Erdreich erreicht werden, beispielsweise durch eine Horizontalsperre. Dann seien die geschädigten Bereiche zu diagnostizieren. „Gehalt und Verteilung von bauschädlichen Salzen können mit Erfahrung anhand optischer Merkmale abgeschätzt werden“, weiß der Fachmann. Beim mitunter mehrere Monate dauernden Austrocknen des Wandquerschnittes werde ein Großteil der im Querschnitt vorhandenen Salze an die Bauteiloberfläche transportiert.

Als Opferputz solle brauner Lehmunterputz in 1,5 bis 2,0 cm Dicke aufgetragen werden. Auf seiner dunklen Oberfläche zeichne sich die Salzreduktion besonders gut ab (siehe Kasten „Vorteile von dunklem Lehm als Opferputz“). Je nach Temperatur und Luftfeuchte trocknet der Lehmputz etwa sieben bis vierzehn Tage und reduziert in dieser Zeit die Salzbelastung. An weißen oder zuletzt noch feuchten Stellen sei der Lehmputz erhöht mit Salzen belastet und der Auftrag der Opferputzschicht zu wiederholen.

In gering belasteten Bereichen genügten meist ein bis zwei Entsalzungszyklen. In mittel bis stark belasteten Bereichen seien drei bis vier Zyklen nötig, im Extremfall fünf. Zum Ende eines Zyklus wird der Lehmputz mechanisch vom Untergrund gelöst. Dabei können sich Bestandsoberflächen verfärben. Auf schützenswerten Farbfassungen oder bei sichtbar belassenem Mauerwerk dürfen Lehmputze deshalb nicht eingesetzt werden.

Beispiel historische Ziegelscheune

Eine historische Ziegelscheune aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts östlich von Berlin sollte zum Wohnhaus mit denkmalgeschützter ziegelsichtiger Fassade mit Innendämmung umgebaut werden. Bereichsweise lagen mittlere, hohe bis sehr hohe Feuchte- und Salzgehalte vor. Stellenweise lagen die Nitratwerte bis zu sechsfach über den empfohlenen Höchstwerten nach WTA-Merkblatt 4–5–99/D Mauerwerksdiagnostik. In diesen Bereichen wurden vier Zyklen der Entsalzung benötigt, bis keine Merkmale für eine erhöhte Restsalzbelastung mehr erkennbar waren. Nach dem Ende der Salzreduktion wurde auf eine Lehmausgleichsschicht eine mineralische Innendämmung eingeschwämmt.

Lehm tapezieren – (K)eine gute Idee!?

Auch Lehmuntergründe werden in der Praxis tapeziert. In der Szene kursiert jedoch die Meinung, dass sich das Tapezieren negativ auf das Wasserdampfsorptionsverhalten des durch Tapete und Kleister ‚versiegelten‘ Lehms und damit auf seine raumklimatischen Vorteile auswirke. Christoph Liebrich von der Materialforschungs- und -prüfanstalt (MFPA) in Weimar ging deshalb in seinem Beitrag „Lehmwände tapezieren – (K)eine gute Idee?!“ mit zwei Kollegen der Frage nach, ob Systeme aus textilem Wandbelag und Kleister die gute Sorption von Lehmwänden verschlechtern. Ziel des Forschungsprojektes war es zudem, gezielt textile Tapeten bzw. Vliese zu entwickeln die Risse auf Lehmuntergründen reduzieren und verdecken. Denn im aktuellen Lehmtrockenbau werden Lehmplatten rissfrei in mehreren Schritten verarbeitet: Platten applizieren, Fugen spachteln, Putzgewebe einarbeiten, überputzen und ggf. streichen – Trocknungszeiten inklusive. Damit ist der Lehmtrockenbau kostenintensiver als der konventionelle Trockenbau mit GK- oder GF-Platten.

Tests von Systemen

Getestet wurden Systeme aus einem von vier handelsüblichen Tapetenkleistern sowie den handelsüblichen Wandbelägen Raufaser Mittelkorn, Renoviervlies und Profi Renoviervlies. Zudem entwickelten die Forscher unterschiedliche textile Gewebe mit und ohne rückseitiger Beschichtung und testeten sie. Untergrund für die Tests war ein gängiger Lehmputzmörtel. Zum Egalisieren des Untergrunds wurde mit einem verdünnten Kleister vorgekleistert und dann der eingekleisterte Wandbelag aufgebürstet. Analog zu dem Wasserdampfsorptionsversuch der Lehmputzmörtel-Norm 18947 wurde die relative Luftfeuchte bei gleichbleibender Temperatur von 50 Prozent auf 80 Prozent angehoben und dort für 12 Stunden gehalten.

Die Ergebnisse der Tests zeigten, dass es zu keiner bis geringer Behinderung des Sorptionsvorganges komme, so Liebrich. Die Anforderungen an die Wasserdampfsorptionsklasse WS II werde noch von allen Systemen erfüllt. Er fokussierte die Untersuchungen auf Systeme mit Kunstharzdispersionskleister, der insbesondere von Malerfirmen bevorzugt verwendet wird. Ökologisch unbedenklicher ist Methylzellulosekleister, mit dem sich die gleichen guten Ergebnisse erzielen ließen, antwortet Liebrich auf eine Nachfrage.

Verschiedene Schliffproben zeigen die Ursache für das weiterhin gute Sorptionsverhalten: die Kleisterschicht verbindet Lehmputzmörtel und Gewebe nicht als flächiger und durchgängiger Film. Stattdessen bildet der Kleister bei der Trocknung fein verteilte Mikro-Stegbrücken und beinahe kleisterfreie Bereiche zwischen den beiden Grenzflächen.

Belastbare Befestigungsmittel

In dem Beitrag „Befestigen, Fliesen, maschinelles Verarbeiten – Alltagsrelevante Lösungen für den modernen Lehmbau“ stellte Ulrich Röhlen von Claytec alltägliche Hilfsmittel für den modernen Lehmbau vor. Dabei ging es u. a. um Befestigungen in Lehmsteinen und in Lehmplatten sowie in Holzfaserdämmplatten und Holzfaserausbauplatten, als vergleichsweise weiche Naturbaustoffe, die bei Innendämmungen mit Lehm eingesetzt werden.

Mit der Firma Würth, bekannt für Montage- und Befestigungsmaterial, wählte Röhlen Befestigungsmittel für Naturbaustoffe und Lehm-Trockenbau aus. Befestigungen in Lehmsteinen wurden am Mauerwerk aus Steinen durchgeführt, die nach DIN 19845 für das tragende Bauen zugelassen sind. Die besten Ergebnisse brachten die Kunststoff-Rahmendübel W-UR 8. Sie lagen zwischen 1,80 kN und 4,19 kN (entspricht ca. der Masse von 419 kg). Ausgehend von im Mittel 2,5 kN und einem Sicherheitsfaktor von 5 könnten an einem solchen Tragpunkt ca. 50 kg in einer Lehmsteinwand befestigt werden, rechnet Röhlen vor. Von einer Veröffentlichung der Zahl habe man jedoch abgesehen, weil zum Festigkeitsverhalten der Lehmsteine bei veränderten Luftfeuchten keine Erfahrungen vorlagen.

Auch spezielles, für die Befestigung in Lehmbaustoffen entscheidendes Zubehör wie Bohrer, Staubabsaugglocken und Druckluftspray zur Bohrlochreinigung wurde ausgewählt. Dokumentiert sind die Ergebnisse in der Broschüre „Befestigung im Lehmbau“ (https://
bit.ly/3nDWDOo).

Vorteile von dunklem Lehm als Opferputz:

  • sehr gute Sichtbarkeit durch nicht abtrocknende feuchte Stellen (Grund sind die hygroskopischen Eigenschaften der Salze)
  • weißliche Beläge auf der Oberfläche (Grund sind auskristallisierende Salze)
  • bautechnisch erprobt
  • einfach zu wiederholen

Haltewerte in Lehmbaustoffen

Die Firma Tox ging einen entscheidenden Schritt weiter: Neben genauen Hinweisen zu Anwendung und Montage benannte sie erstmalig definitive Haltewerte in Lehmbaustoffen. Diese reichen im Lehmtrockenbau je nach Platte und Befestigungsmittel von 5 bis 25 kg. Für Holzfaserausbauplatten konnte ein Wert von 3 kg benannt werden, eine eher geringe Kenngröße. Die Ergebnisse sind in der Broschüre „Fester Halt in Lehm“ zusammengefasst. Die dort aufgeführte stabilste Platte „Greentech“ gibt es allerdings nicht mehr auf dem Markt.

Röhlen ergänzte, dass die Firma Collomix im Frühjahr 2020 gute Geräte für den Lehmbau zusammengestellt und mit einem Entwickler und einer Handwerkerin einen sechsteiligen Podcast über Lehmbau erstellt hat.

 


Kostenfreie Veröffentlichung

Sämtliche Beiträge der „LEHM 2020 – internationale Fachtagung für Lehmbau“ sind inzwischen frei zugänglich, ob nun zum modernen Stampflehmbau, dem Stand der Normung und Forschung, zu innovativen Produktentwicklungen oder Themen der Nachhaltigkeit und der Denkmalpflege im Lehmbau. Zu finden sind sie hier: https://www.dachverband-lehm.de/lehm2020/online

Zudem sind alle Beiträge in Deutsch und Englisch auf USB-Stick veröffentlicht. Dort gibt es auch noch einmal sämtliche Beiträge der LEHM-Tagungen von 2016, 2012, 2008 und 2004. Bestelldetails gibt es hier: https://www.dachverband-lehm.de/shop#lehm-2020-tagungsbeitraege-der-8-fachtagung-fuer-lehmbau




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