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Die funktionale Fassade

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Die Referenten des 21. Caparol-Werkstofftags mit Moderator Franz Xaver Neuer (ganz links): Max Gimpel-Henning, Hardy Rüdiger, Dr. Helge Kramberger, Dr. Thomas Loewenstein, Prof. Holger Techen, Robert Schwemmer, Prof. Markus Schlgel, Thomas Schmid (Stuckateurverband) und Stefan Ehle (Malerverband). Foto: Susanne Sachsenmaier-Wahl
Zum 21. Caparol-Werkstofftag unter dem Titel „Funktionalität der Gebäudehülle: Heizung – Akustik – Umwelt – Energie – Design“ kamen Experten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in Ober-Ramstadt zusammen, um sich über Neuentwicklungen für die Fassade auszutauschen.

Text und Foto: Susanne Sachsenmaier-Wahl

Firmenchef Dr. Ralf Murjahn konnte Anfang November über 120 Besucher aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zum 21. Werkstofftag begrüßen. Er konfrontierte diese in seiner Eröffnungsrede gleich mit den bitteren Tatsachen: Der Verbrauch von Fassadenfarben sei in den Jahren 2010 bis 2017 um neun Prozent zurückgegangen. Das Image anderer Fassadensysteme scheine höher zu sein. So treffe man an Fassaden verstärkt Metall, Stein, oder Holz an. Auch ein Trend zum Klinker sei bemerkbar. Der Maler werde hier zunehmend überflüssig. „Wo kann der Maler an der Fassade wieder Geschäfte machen?“, fragte Dr. Murjahn.

Was der Maler dafür tun müsse, um die Flächen an der Fassade für sein Gewerk zu erhalten, formulierte Franz Xaver Neuer, Leiter Technik bei Caparol und Moderator des Werkstofftages, sehr deutlich. „Sie müssen sich weiter qualifizieren. Ihre Mitarbeiter müssen sich weiterentwickeln!“ Auf dem Werkstofftag sollten verschiedene Ansätze vorgestellt und diskutiert werden.

Eine innovative Möglichkeit, der Algen-und Pilzproblematik entgegenzuwirken, zeigte Dr. Helge Kramberger-Kaplan auf. Der Leiter des Robert-Murjahn-Instituts präsentierte Ideen für eine Fassadenheizung, einer Kombination aus Heizfarbe und Niedervolttechnik, mit deren Hilfe die Oberflächentemperatur erhöht und somit die Betauungszeit einer Fassadenfläche reduziert werden könne. „Die Fassadenheizung ist zwar noch Zukunftsmusik, aber eigentlich sind alle notwendigen Komponenten vorhanden,“ so Dr. Kramberger. Die Niedervolttechnik dürfe ohne spezielle Ausbildung verwendet werden und da die Heizfarbe in einer vorgegebenen Schichtstärke aufgebracht werden müsse, bedürfe es eines qualifizierten Fachpersonals – des Malers oder des Stuckateurs. Außerdem würden die Rahmenbedingungen für dieses Fassadenprojekt immer günstiger: Die Luftverschmutzung gehe zurück und begünstige damit das Algenwachstum. Biozide fallen nicht nur nach und nach weg, sondern würden vom Kunden immer weniger akzeptiert. Zu guter Letzt bestünde der Energiebedarf für eine Fassadenheizung vorrangig in Zeiten günstiger Netzauslastung, nämlich in den Nachtstunden. Möglicherweise ergäbe sich ein schöner Nebeneffekt für die Branche durch die Technisierung an der Fassade: Der Beruf könnte für den Nachwuchs attraktiver erscheinen. Vielleicht sprechen wir bald vom „Malertroniker“ meinte Dr. Kramberger mit einem Augenzwinkern.

Smarte, grüne Fassade

Ebenfalls visionär ist das Konzept der „smarten, grünen Fassade“, das Max Gimpel-Henning, Produktmanager bei Green City Solutions, vorstellte. Sein Lösungsansatz zur Reduzierung der Luftverschmutzung: „Moos in der Vertikalen“. Moos ist in der Lage, einen Teil des Feinstaubs abzubauen. Wird die Konzentration allerdings zu hoch, stirbt es ab – es sein denn, man hält die Bedingungen optimal. Und genau das geschehe bei dem gemeinsam mit der DAW-Tochter alsecco entwickelten System „AeroCare“. Das Moos wird mithilfe einer elektronischen Steuerung aktiv belüftet, wodurch der Abbau-Effekt deutlich verstärkt werden könne. Ein Wasseranschluss sorge im Bedarfsfall für die notwendige Bewässerung. Um darüber hinaus zu gewährleisten, dass die „Mooswand“ bei unterschiedlichsten klimatischen Bedingungen „überlebe“, habe man für die Bepflanzung eine Mischung aus sechs bis acht unterschiedlichen Moossorten gewählt, die über unterschiedliche Toleranzen verfügen. Die etwa ein Quadratmeter großen Module mit einem Gewicht von unter 20 Kilogramm können von einer Person verarbeitet werden.

In die Energiegewinnung an der Fassade gewährte Dr. Thomas Loewenstein, DAW, einen Einblick. Die Fassade werde bisher kaum dazu genutzt. Dabei seien in Städten in der Regel nicht nur die Fassadenflächen im Vergleich zu den Dachflächen wesentlich größer. Im Winter, wenn besonders viel Energie benötigt werde, seien die Energieerträge an der Fassade sogar höher als auf dem Dach, was der tiefer stehenden Sonne zu verdanken sei. Da die gewonnene Energie in der Energieeinsparverordnung auf den Primärenergiebedarf angerechnet werden könne, führe dies zu einer Reduzierung der Dämmstoffdicke und damit zum Wohnraumgewinn. Bislang sprach lediglich der ästhetische Anspruch an der Fassade gegen die solare Nutzung. Die architektonische Integration in die Fassade müsse daher vorangetrieben werden.

Lärm reduzieren

Schallharte Fassaden, wie sie immer häufiger zum Einsatz kommen, tragen zur Lärmbelästigung in Städten bei. Um dem entgegenzuwirken, müsse der Reflexionspegel gesenkt werden, etwa durch absorbierende Flächen. „Drei Dezibel weniger sind gefühlt eine Halbierung der Lärmbelästigung,“ so Prof. Dr.-Ing. Holger Techen. Techen und sein Team testeten verschiedene Fassaden-module aus Kunststein, Textil, Metall oder Lamellen. Fazit: Es gibt nicht die eine Lösung, die Wirksamkeit einzelner Maßnahmen hängt maßgeblich vom jeweiligen Standort ab. „Wenn man die richtigen Module am richtigen Standort einsetzt, kann man erhebliche lärmmindernde Effekte erzielen. Die Integration derartiger Module in ein WDVS müsse die Aufgabe für die Zukunft sein.

Hanffassade

Robert Schwemmer von der DAW-Tochter Naporo in Österreich und, wie Franz Xaver Neuer ihn vorstellte „der Mit-Erfinder der Hanffassade“, referierte über die Vorteile derselben. Hinsichtlich der Öko-Bilanz etwa stellt Hanf andere Dämmstoffe problemlos in den Schatten: Für die Herstellung der Dämmplatten ist nur sehr wenig Energie notwendig, dagegen bindet Hanf während seines Wachstums CO2. Auch in puncto Farbgestaltung auf WDVS bietet Hanf deutliche Vorteile gegenüber beispielsweise EPS, da eine Hanfdämmung ohne Risiko dunkel beschichtet werden kann.

Der entscheidende Vorteil einer Hanfdämmung liege aber, so Schwemmer, in ihrer Weichheit und Nachgiebigkeit, was ihr hervorragende Schallschutzwerte beschere. Insbesondere auf Massivholzwänden, die ja bekanntlich über einen sehr schlechten Schallschutzwert verfügen, könne eine Hanfdämmung diesen signifikant verbessern.

Hardy Rüdiger, Bautechnik DAW, knüpfte an das Thema Schwemmers an und betonte noch einmal, dass ein WDVS nicht nur die Wärmedämmung, sondern auch die Schallübertragung beeinflussen könne. Dübel und ein erhöhter Kleberauftrag etwa machten das System steifer und verschlechterten damit das Schalldämmmaß. Dennoch führe selbst das schallschutztechnisch beste WDVS nicht zum Erfolg, wenn andere Bauelemente wie Fenster, Türen oder Rollladenkästen nicht ähnlich gute Werte aufwiesen.

Fassadengestaltung

Erstmals an einem Werkstofftag stand 2018 ein gestalterisches Thema auf der Tagesordnung. Die Referenten Margit Vollmert, Leiterin des Caparol FarbDesignStudios, und Professor Markus Schlegel von der HAWK Hildesheim, zeigten anschaulich auf, weshalb die Gestaltung in Zukunft immer wichtiger werde. „Man kann nicht nicht kommunizieren“, zitierte Vollmert den Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick: „Auch Fassaden sagen uns immer irgendetwas.“ Farben können der Orientierung dienen oder auf die Nutzung des Gebäudes hinweisen. Auch sollten bei der Farbwahl der Kontext und die Regionalität beachtet werden. Hierfür seien zahlreiche Farbrecherchen durchgeführt worden: „Wir haben heute alle Möglichkeiten und sollten die richtigen Farben finden, die hinsichtlich Funktionalität und Umgebung passen – sie wirken in Zeiten der Globalisierung identitätsstiftend.“ Prof. Schlegel forderte außerdem die Etablierung des Putzes als wertiges Material in der Gestaltung: „Der Putz hat ein Imageproblem und sollte neu aufgestellt werden.“

www.caparol.de/download-werkstofftag



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