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Lernen in Krisenzeiten

Berufsschulen
Lernen in Krisenzeiten

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Foto: Susanne Wierse
Lernen und Lehren erfolgt seit Wochen per Fernunterricht. Die Digitalisierung des Unterrichts, jahrelang nur für Fernschulen relevant, ist jetzt ein Megathema.

Autorin: Susanne Wierse

Wir haben uns in Fach- und Berufsschulen umgehört, wie das alles so klappt mit dem digitalen Lernen. Denn die aktuelle Situation betrifft natürlich auch die Auszubildenden, Fach- und Meisterschüler sowie deren Lehrer an den Berufs- und Fachschulen des Malerhandwerks. Beim Wiedereinstieg in den Präsenzunterricht werden Lehrer und Schüler dann mit Hygieneanforderungen zu kämpfen haben. Eins ist schon jetzt klar: Online- und Schulunterricht für kleine Gruppen und die dazugehörigen Korrekturen bedeuten einen riesigen organisatorischen Aufwand.

Wie funktioniert die Doppelbelastung?

Gregor Botzet, Koordinator für Farbtechnik an der Ferdinand Braun Schule, Fulda: „Seit dem 28. April unterrichten wir in den Vollzeitschulformen Fachschule, Fachoberschule, Berufliches Gymnasium vorwiegend die Prüfungsfächer. Die Unterrichtsfächer, die nicht unterrichtet werden, werden mit Online-Angeboten versehen . Alle Schüler(innen) der 1. und 2. Ausbildungsgänge erhalten digitalen Unterricht. Die Fachkolleg(-inn)en haben jede Woche einen enormen Mehraufwand.“

Überraschend ist, dass die befragten Schulen bei der Ausstattung mit Hard- und Software ganz gut aufgestellt sind und viele Fachschüler auch in der Vergangenheit schon mit eigenen Tablets und Notebooks im Unterricht gearbeitet haben. Schwieriger gestaltet es sich an den Berufsschulen. „Hier reduziert sich das Angebot schnell auf ein Smartphone. Damit kann man trotz vieler guter Apps nur improvisierend lernen.“, berichtet Thomas Mönkemeyer, Abteilungsleiter Fachschule Farbtechnik/ FOS Gestaltung an der Gsechs Hamburg. Das bestätigt auch Sascha Kober, Lehrer im Berufsfeld Farbe und Gestaltung an der Phillip-Matthäus-Hahn-Schule in Nürtingen. „Es gibt Schüler, die zu Hause keinen Drucker haben, oder gar keinen PC. Sie dürfen die Aufgaben handschriftlich bearbeiten und mit dem Smartphone als Foto schicken.“

Wie wird kommuniziert?

Manche Schulen verfügten bereits über eine Schulcloud mit Zugriff auf Schultauschordner, manche richteten eigene Server zum Datenaustausch ein. Aus der Badischen Malerfachschule Lahr berichtet Thomas Wulff: „Jeder Lehrer und Schüler hat einen E-Mail-Account, über den gemeinsam kommuniziert werden kann. Wir verfügen in unserem Schulnetz über eine digitale Austauschplattform, auf der die Lehrkräfte Arbeitspakete zur Verfügung stellen. Die Arbeitspakete können von den Berufsschülerinnen und -schülern dort abgerufen und bearbeitet werden. Wichtige Basis dabei ist der enge Kontakt zu den Schülern, der von allen Lehrern gehalten wird.

Wird am Lehrplan festgehalten?

Ja. Das bekräftigt auch Verena Schmid, Co-Koordinatorin der Akademie für Betriebsmanagement, Schule für Farbe und Gestaltung Stuttgart. „Wir wollen den Schülern das Wissen vermitteln, welches sie später brauchen, um einen eigenen Betrieb zu führen oder für eine höhere Führungsposition. Als Unternehmer(in) muss man flexibel auf verschiedene Situationen reagieren können, kommunizieren und für neue Medien aufgeschlossen sein.“ Auch an der Ferdinand-Braun-Schule in Fulda wird am Lehrplan festgehalten. Alle Lehrer einer Klasse senden bis zum Vorabend des regulären Schultages die Aufgabensätze an den Klassenlehrer. Dieser stellt dann ein Tagespensum zusammen und versendet es per Mail. Rückmeldungen werden direkt an die jeweiligen Lehrer der Unterrichtsfächer gesendet. Gregor Botzet: „Entwürfe für Gestaltungen können zum Teil online bearbeitet werden. Manches muss praktisch gezeigt und erklärt werden. In der Fachschule ist dies eher möglich, weil ein höheres Fachwissen vorhanden ist, weshalb die Transferleistung erbracht werden kann.“ Thomas Mönkemeyer stellt fest: „In diesen Tagen musste schon improvisiert werden. Vor allem im Bereich der Fachpraxis war ja kein Unterricht mehr möglich.“

Praktischer Unterricht gestaltete sich natürlich schwierig bis unmöglich. In der Stuttgarter Schule für Farbe und Gestaltung sendeten Schüler kleine Videosequenzen an den Werkstattlehrer und zeigten ihre Gestaltungskonzepte und die technische Durchführung. So konnte ein Austausch von Tipps und Verbesserungsvorschlägen stattfinden. Aber trotz diesem Weg fehlten hier den Lehrern und Schülern der Unterricht und die Seminare vor Ort. Durch die Lockerungsmaßnahmen wird das ein oder andere wieder möglich. So berichtet Gregor Botzet, dass „mit entsprechenden Abstands- und Hygienemaßnahmen Praxisunterricht wieder für Abschlussklassen möglich ist, allerdings nur mit Mundschutz, weil ein permanenter dauerhafter Mindestabstand von 1,50 m nicht gewährleistet werden kann.“

Wie motiviert sind die Schüler?

Thomas Mönkemeyer: „Derzeit stehen Meister- und Farbtechnikerprüfungen in der Fachschule an. Da erklärt sich die Motivation von alleine. Auch die regelmäßigen Begegnungen am Bildschirm haben motiviert, gemeinsam fortzuschreiten.“

Das bestätigt Sascha Kober: „Bei den Abschlussklassen und den Schularten, die auf einen höheren Bildungsabschluss abzielen, ist eine spezielle Motivation nicht erforderlich. Im Berufsschulbereich ist diese Motivation sehr unterschiedlich. Trotzdem scheint die Mehrzahl unserer Schüler begriffen zu haben, dass die Onlineunterstützung für die weitere Ausbildung wertvoll ist.“ Und wie wird mit Schülern verfahren, die virtuelles schwänzen? Da hilft bei allen wohl nur Nachhaken und Nachtelefonieren. Wobei gerade bei den Auszubildenden immer die Mithilfe des Betriebes wichtig ist, der die jungen Leute für den Berufsschultag freistellen muss.

Wie kommen die Schüler mit dieser Art des Lernens zurecht?

Thomas Mönkemeyer: „Leistungsstärkere Schüler haben sich arrangiert. Einige Schwächeren hingegen haben deutlich gelitten. Ihnen fehlte das Lehrpersonal als Ansprechpartner. Man muss aber auch sagen, dass gerade stillere Personen durchaus ihre Chance erkannt haben und aufgeblüht sind.“

Auch Sascha Kober bestätigt: „Schwächere Schüler haben damit schon ihre Probleme. Die gestellten Aufgaben müssen sehr nah am Fachbuch und mit Seitenzahlen versehen sein, wo man die Inhalte findet. Über die individuellen Rückmeldungen kann man jedoch auf den Einzelnen besser eingehen. Das bedeutet für uns Lehrer aber einen erhöhten Arbeitsaufwand, wenn man seine Arbeit gut machen möchte.

Verena Schmid hat die Erfahrung gemacht, dass es wichtig ist, „dass man als Lehrer die Schüler nicht mit Aufgaben überfrachtet, sondern mit Maß und Ziel Übungen bereitstellt. Bei der Einführung in ein neues Thema fehlt der persönliche und direkte Kontakt im Klassenraum ganz besonders. Aber das ist per Videokonferenzschaltung machbar. Wir haben ein virtuelles Klassenzimmer eingerichtet, eine digitale Plantafel, die wir mit aktuellen Terminen, Informationen und Unterrichtsunterlagen bestücken. Damit erreichen wir eine Struktur, die in dieser ungewöhnlichen Zeit vor allem für die Schüler wichtig ist.“

Thomas Wulff von der Badische Malerfachschule Lahr hat ähnliche Erfahrungen gemacht: „Sicher gibt es Berufsschüler die weniger technikaffin sind und mit Anfangsschwierigkeiten zu kämpfen haben. Berufsschüler, die nie gelernt haben eigenständig zu lernen. Es gibt aber auch Signale von Schüler, die gut zurechtkommen. Die von mir betreuten Schüler, meist Meisterschüler, erhalten meine Lernangebote zu den üblichen Unterrichtszeiten direkt per E-Mail. Das Arbeitspaket frage ich nach einigen Tagen mittels Wissenscheck ab.“

Dass bei der digitalen Vermittlung des Lehrstoffs Schwachstellen entstehen, empfinden alle befragten Lehrer so. Thomas Mönkemeyer: „Es geht ja gar nicht um Vermittlung. Lernen dient dem Kompetenzaufbau und ist ein originär sozialer Prozess. Vom handwerklichen Können ganz zu schweigen. Das kann man rein digital nicht aufbauen.“

Für Verena Schmid stellt „der Fernunterricht sowohl die Schüler als auch die Lehrer vor neue Herausforderungen, die aber von beiden Seiten sehr motiviert angenommen werden. Ob per Moodle, Videokonferenzen, YouTube oder per E-Mail und Telefon: Es wird alles unternommen, damit den Schülern kein Nachteil entsteht.“

Für alle Lehrer steht fest, dass Online-Trainings und digitale Kommunikationsformen zukünftig mehr in den Blickpunkt rücken, aber Grenzen hat. Thomas Wulff: „Lokale Präsenz an den Schulen bietet aber nach wie vor die beste Möglichkeit, voneinander zu lernen und die Schüler auf dem jeweiligen Stand und in der individuellen Situation abzuholen.“

Mehr Stimmen aus der Branche


Sascha Kober

Bei den Berufsschülern ist die technische Ausstattung sehr unterschiedlich.


Gregor Botzet

Bei den Fach- und Meisterschülern funktioniert selbstorganisiertes Lernen sehr gut.


Thomas Mönkemeyer

Es stehen Meister- und Farbtechnikerprüfungen an. Da erklärt sich die Motivation von alleine.


Verena Schmid

Durch die Krise wird allen bewusst, wie wichtig Digitalisierung heutzutage ist.


Thomas Wulf

Lokale Präsenz ist nach wie vor die beste Möglichkeit, Schüler auf dem jeweiligen Stand abzuholen.

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