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Sol-Silikatfarbe für die Frauenfriedenskirche Frankfurt

Sol-Silikatfarbe
Erfüllt mit Kunst und Farbe

Sol-Silikatfarbe in der Kirche: Als der Künstler Tobias Kammerer 2017 die Frauenfriedenskirche in Frankfurt vorfand, war sie trist und dunkel, die Farbfassung zu 98 Prozent grau. Aufgrund der historischen Bedeutung und der Entstehungszeit des Bauwerkes war ihm schnell klar, dass dies nicht die Ursprungsfassung von 1929 sein konnte. Heute erstrahlt das Gotteshaus wieder in kräftigen Farben.

Autor I Fotos: Tobias Kammerer M.A.

Die 1920er-Jahre waren die Wiege der Moderne. Nie gab es eine Zeit, in der man so kühn und konsequent modern gedacht hat. So entstand in Frankfurt diese hervorragende Architektur vom Stuttgarter Architekten Hans Herkommer, der einen großen kubischen Raum vorgibt, der monumental in seiner Gestik dasteht. Der Geist der Moderne und des 1919 in Dessau gegründeten Bauhauses weht durch den Raum.

Wie es früher einmal war

Die Befunde der Erstfassung ergaben erstaunliche Farbergebnisse. So hat wohl eines der außergewöhnlichsten Sakralbauprojekte der 1920er-Jahre in voller Farbenpracht gestanden. Im Archiv fand man ein Schriftstück vom Oktober 1928 über einen Vertrag zwischen der Pfarrgemeinde und dem Maler. In diesem Schriftstück ist die Rede von einem zweimaligen Silikatfarbenanstrich mit Keimscher Mineralfarbe. So entschied man sich auch heute wieder für Farben des Herstellers Keim, nun jedoch fiel die Wahl auf eine Sol-Silikatfarbe. Dieses Mal wurde ein genaues Register mit einer speziellen Nummer für jede Farbe einschließlich ihrer Rezeptur erstellt, sodass kommende Generationen problemlos Zugriff auf die Farbtöne haben.

Der heutige Leitstil der Gegenwartsarchitektur war damals voller Kunst und Gestaltung. Gemälde, Tapisserien, Wandfresken, Reliefs und Skulpturen waren ein Selbstverständnis im Zusammenspiel mit der Architektur.

Das Kolorit der inneren Raumschale

Auf der schwarz gestrichenen Decke bilden sich drei Ringe in Grün, Rot und Ultramarinblau aus. Zylindrisch gehen sie nach unten, die Kante ist in Gold gefasst. Über den orange gehaltenen Seitenwänden wirkt dieser Farbklang prächtig. Die Farbigkeit zieht sich wohltuend im Deckenspiegel des Langhauses weiter: Die Dachpfetten sind rot gestrichen, mit lindgrüner Unterkante. Die Verkleidung der Orgel ist wiederum in Gelb gehalten. Die Taufkapelle strahlt durch ein sanftes Dunkelrot eine verklärte Mystik aus. In der Krypta wird man von Ruth Schaumanns Pieta geradezu ergriffen. In ihren leeren Augen erkennt man etwas von der Aussichtslosigkeit der Situation. Auch hier wird die Szene aus der Passion Christi gefärbt durch starkes Rot und Grün, akzentuiert durch blaue Beistriche.

Neue Prinzipalstücke und Gewänder

Angesichts dieses Architekturguts höchsten Ranges war für Tobias Kammerer klar, dass man nicht mit einem belanglosen und durchschnittlichen Entwurf für die Herzstücke des Sakralraumes, dem Altar, Ambo und den Sedilien, reagieren kann. Von den genialen Architekturen eines Le Corbusier kann man lernen, dass man auf klare geometrische Bauten überraschend überzeugend mit freien amorphen Formen reagieren kann. Dies beweist etwa die geschwungene Dachform seiner Kirche Notre Dame du Haut in Ronchamp, Frankreich. Diesen gewaltigen Ideen folgend entwarf Kammerer zunächst, als Kontrast zu dem riesenhaften kubischen Raum, eine Eiform, die schräg aufgeschnitten war. Sie etabliert sich im Zentrum der enormen Räumlichkeit, selbstständig und doch reiht sie sich in das Große und Ganze harmonisch ein. Gold lag als Farbigkeit für die Prinzipalstücke auf der Hand, und durch einen teilpolierten Bronzeguss konnten die Formen so realisiert werden.

Ein weiteres besonderes Ereignis war, dass die alten Messgewänder aus den 1920er-Jahren aus konservatorischen Gründen nicht mehr zu tragen waren, und der Sakralkünstler vier neue Kaseln (ärmellose, liturgische Gewänder der Priester) mit Stola entwerfen sollte. Die neuen Kaseln stehen im Dialog zu der Fülle an Farben im Kirchenraum und ein genaues Abwägen und Einpassen war erforderlich. Nach etlichen Farbproben und Anpassungen entstanden schließlich vier prächtige Priestergewänder aus Seide.

Mehr Mut zur Sol-Silikatfarbe

Im Nachgang erweist sich Frauenfrieden als ein Beweis für den Lehrsatz, dass man vor 100 Jahren die Moderne sehr farbig anging. Man eroberte sachliche strenge Formen, gab ihnen aber die stärksten Farben, die man damals zur Verfügung hatte.

Wenn also der Stil des Bauhauses die Leitkultur für unsere Architektur darstellt, dann sollte man auch erkennen, dass diese stets in Farbe gedacht war. Diese Erkenntnis ging doch weitestgehend verloren, Frauenfrieden ist ein Zeugnis dieser Verbundenheit zur Farbigkeit.


PraxisPlus

Frauenfrieden Frankfurt

Die 1920er -Jahre, die Erbauungszeit der Frauenfriedenskirche, standen unter dem Zeichen des verlorenen ersten Weltkrieges. In Frankfurt-Bockenheim entstand eine nationale Gedenkstätte für Kriegsgefallene und das Gebet um den Weltfrieden. Viele Witwen der im Krieg gefallenen Männer spendeten hierfür ihr Geld. So war die Freude groß, als man die fulminante Architektur am 5. Mai 1929 einweihen konnte. Das Patrozinium Frauenfrieden weist auf das Schicksal und das Opfer von betroffenen Frauen und Familien hin. Mehr über die Kirche, ihre Entstehung und Architektur erfahren Sie auf der Website des Freundeskreises Frauenfrieden:

www.frauenfrieden.de

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