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Alte Sanierungs- und Restaurationstechniken lernen

Denkmalcamp
Blick in die Vergangenheit

Zwanzig junge Maler- und Stuckateurazubis erlernen im Denkmalcamp der Handwerkerschule in Rumänien traditionelle Restaurationstechniken. Das Sanierungsobjekt ist eine alte Kirchenburg mit anliegendem Pfarrhaus aus dem späten Mittelalter. Von historischen Techniken und einer fernen Kultur.

Autorin I Fotos: Amelie Hauser

Holperige Schotterstraßen und schmale Feldwege führen ins siebenbürgische Martinsdorf. Ab und an kreuzt ein Pferdekarren den Weg. Nach einer eineinhalbstündigen Fahrt vom Flughafen taucht die alte Kirchenburg vor uns auf. Zwanzig Auszubildende des Maler- und Stuckateurhandwerks aus Deutschland, Österreich und der Schweiz verbringen hier ihre Zeit, um sich im Denkmalcamp in Graumalerei, im Treppenschnitt und im Denkmalschutz weiterzubilden.

Rumänien macht‘s möglich

Um alte Sanierungs- und Restaurationstechniken zu vermitteln, scheint der Standort um die alte Kirchenburg in Martinsdorf wie geschaffen. Das hat auch rechtliche Gründe wie der „Malernationaltrainer“ Matthias List erklärt: „Bei den Malereien, die wir hier freilegen, bräuchte man in Deutschland ein Diplom mit Auszeichnung, um überhaupt Hand anlegen zu dürfen.“ Lehrlinge können sich hier in der Praxis ausprobieren, was ihnen in Deutschland durch den Denkmalschutz verwehrt ist. Die Lehrenden in Martinsdorf können die alten Handwerkstechniken direkt an der historischen Bausubstanz vermitteln, die sonst nur in der Theorie besprochen werden könnten.

Denkmalcamp für Handwerker

Die Lehrlinge teilen sich in drei Gruppen auf. Sie beschäftigen sich wahlweise mit der Graumalerei, dem Treppenschnitt oder der Sanierung im alten Pfarrhaus. Schicht für Schicht werden die alten Putz- und Leimfarbschichten abgetragen, um zu schauen, was darunterliegt. An manchen Stellen gleicht das einer echten Schatzsuche. Die Teilnehmenden bereiten unter Anleitung von Kirchenmalerin Bettina von Boch und Farb- und Lacktechniker Lukas Keller die Flächen vor, damit sie anschließend mit einer Kalkfarbe gestrichen werden können. Stuckateur-Auszubildende Caroline Müller aus Baden-Württemberg berichtet: „Ich wollte hierher, um in meinem Beruf die Sanierung historischer Bauwerke – denkmalgerecht und ohne Schäden zu verursachen – ausführen zu können.“ Denn den Blick über den Tellerrand gibt es hier in jeglicher Hinsicht gratis: Im Mehrbettenschlafsaal oder in der Hängematte übernachten die Teilnehmer, mit dem Brunnenwasser muss streng gehaushaltet werden, das Internet ist schnell überlastet. Für viele ist das eine harte Probe. „Wenn man hier ankommt, ist das schon ein kleiner Kulturschock“, erklärt Jonathan Krämer, Malerazubi aus Schorndorf, „der war aber schnell vergessen, da ich nicht erwartet hatte, dass man hier wirklich so viel in der Praxis am Objekt ausprobieren kann.“

In der Ruhe liegt die Kraft

Eine große Herausforderung für die Teilnehmerinnen ist auch, sich in Ruhe auf eine Sache zu konzentrieren. „Im Maleralltag hat man keine Zeit, sich hinzusetzen, Gegenstände anzugucken und zu überlegen, wo das Licht herkommt“, betont Matthias List, der im Camp die Graumalerei lehrt. Das bestätigen auch die Denkmalcamp-Teilnehmer: „Wer hier ankommt, muss erstmal fünf Gänge zurückschalten“, sagt Caroline Müller, „denn die Arbeit im Camp erfordert viel Fingerspitzengefühl und ist höchst filigran.“ Von morgens neun Uhr bis zum gemeinsamen Mittagessen und im zweiten Block bis 17/18 Uhr müssen die Teilnehmerinnen sich vollends konzentrieren. „Auf der Baustelle sagt der Chef oft ‚Mach mal schnell fertig‘. Und genau darum geht es hier nicht“, betont Fachlehrer Lukas Keller und lacht.

Den Teamgeist fördern

Die Stipendiaten der Sto-Stiftung sind in diesem Jahr zwischen 16 und 35 Jahre alt. Stuckateure und Malerinnen arbeiten eng zusammen. Malerazubi Jonathan Krämer schätzt die Vielfalt der Teilnehmer: „Es ist interessant, dass Teilnehmerinnen aus Österreich und der Schweiz da sind. Denn die Ausbildungen sehen doch je Land verschieden aus.“ Gruppenausflüge in die siebenbürgische Hauptstadt Sibiu, ins Freilichtmuseum oder benachbarte Kirchenburgen fördern, dass die Gruppe zusammenwächst. Abends sitzen alle gemeinsam am Lagerfeuer zusammen. Till Stahlbusch, Vorsitzender der Sto-Stiftung, zieht ein positives Fazit: „Dieses Projekt lebt davon, dass verschiedene Gewerke unter einem Dach zusammenarbeiten. Die herausfordernde Umgebung befeuert das Gruppengefühl umso mehr, sodass viele Kontakte auch nach dem Denkmalcamp noch bestehen blieben.“

Weitere Fotos:
www.malerblatt.de


Wer organisiert was?

Gefördert durch die Sto-Stiftung mit ihrem Vorsitzenden Till Stahlbusch, wird das Projekt betreut von

  • Michael Doll (Handwerkerschule Martinsdorf Siebenbürgen e. V.) und seiner Frau Elise als Projektmanagerin und guten Seele des Camps
  • Gregor Botzet (Stiftungsrat Handwerk der Sto-Stiftung und Fachlehrer der Ferdinand-Braun-Schule in Fulda)
  • Kirchenmalermeisterin Bettina von Boch
  • Farb- und Lacktechniker Lukas Keller (Fachlehrer und ehemaliger Sto-Stiftungs-Stipendiat)
  • Farb- und Lacktechniker „Nationaltrainer“ Matthias List
  • Kirchenmaler Günther Federl von der HWK Mittelfranken

www.handwerkerschule.eu

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