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Grau ist eine heitere Farbe

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Grau ist eine heitere Farbe

Die sachlichen Betonschulbauten der strengen Moderne aus den 1960er- und 70er-Jahren werden heute oft als überholt empfunden. Nicht nur gebäudetechnisch und energetisch, sondern vor allem auch ästhetisch. Wie sich das ganz schnell ändern kann, ohne den charaktergebenden Betonfarbenbereich zu verlassen, zeigt die taktvolle Neugestaltung des Rotteck-Gymnasiums in Freiburg.

Marco Bock, Brillux

Die Midlife-Krise kommt zwischen 40 und 50: Da geht es Gebäuden keinen Deut anders als ihren menschlichen Nutzern. Besonders viele Schulgebäude, die während des Baubooms der 1960er- und 70er-Jahre entstanden sind, suchen jetzt eine neue Identität. Denn was vor einem halben Jahrhundert in nüchterner Betonbauweise durch seine Klarheit und Funktionalität begeisterte, wirkt heute ernüchternd schroff und wenig einladend. Das liegt zum einen am Zahn der Zeit, der auch am Jahrhundertbaustoff nagt, an unvermeidlichen Gebrauchs- und Witterungsspuren sowie an rein technischen Gebäudeaspekten: Die Energieeffizienz, der Schall- und Brandschutz folgen heute anderen Standards als gestern. Zudem verlangen veränderte Schulkonzepte neue räumliche Lösungen. Und auch der Einfluss, den eine ästhetische und motivierend gestaltete Gebäudesituation auf die Lernbereitschaft der Schüler hat, wird jetzt mit anderen Augen gesehen.
Gründliche Aufwertung
Genau vor solch einer komplexen Sanierungssituation standen die Verantwortlichen beim Rotteck-Gymnasium in Freiburg. Der verschachtelte Sichtbetonbau von 1970 sollte in jeder Hinsicht verjüngt und nachhaltig an die veränderten Bedürfnisse angepasst werden. Die 21 Millionen Euro Gesamtsanierungskosten lassen das Ausmaß der vielfältigen Baumaßnahmen erahnen, die in drei Bauabschnitten realisiert wurden. Das Gebäude wurde energetisch ertüchtigt, seine Bauschäden ausgebessert, der Brand- und Schallschutz optimiert, das Raumangebot verändert und die gesamte Außen- und Innenraumwirkung aufgewertet. Dass der Charakter des ursprünglichen Baukörpers dabei absolut ablesbar geblieben ist, jedoch an positiver Ausstrahlung enorm gewonnen hat, ist dem Oberflächenkonzept der Planer zu verdanken. Böwer Eith Murken Architekten aus Freiburg entwickelten eine Farb- und Materialgestaltung, die die prägende Betonstruktur und Grau als Farbigkeit zunächst akzeptiert. Die stimmungsvolle Wende gelang mit der Feinabstimmung, die an den Stellschrauben Licht, Farbton und Kalt-Warm-Kontrast vorgenommen wurde. Das Ergebnis verblüfft: Betonsichtflächen in Weiß und Grau entfalten heute in Freiburg eine heitere Atmosphäre, die zuvor keiner für möglich gehalten hätte.
Fast gleich – doch anders
Schon von außen ist der ästhetische Quantensprung unübersehbar: Die unansehnliche Betonfassade wurde mit dem Brillux WDV-System Qju von den Fachbetrieben TBS GmbH und Veeser GmbH & Co. KG aus Freiburg gedämmt. Zum Materialwechsel – von Beton zu Putz – kommt hier ein Farbwechsel: Das neue, sanft abgetönte Weiß, kontrastiert von den dunklen Holz-Aluminium-Fenstern, wirkt licht, offen und einladend. Die Nuance zitiert zudem den Farbton, der typisch ist für den Architekturstil der klassischen Moderne.
Die gezielten, kleinen Eingriffe am bestehenden Farbkonzept entfalten ihr gesamtes Potenzial erst recht im Inneren. Hier wurde der Sichtbeton gereinigt, weiß grundiert und grau lasiert. Der helle Untergrund leuchtet nun ebenso durch die Schlussbeschichtung wie die Betonstruktur, die hier bewusst erhalten wurde. Mehr noch: Dort, wo neue Wände entstanden oder ausgebessert werden mussten, haben die Maler der Malerwerkstätten Heinrich Schmid aus Freiburg den Sichtbetoncharakter nachgestellt. Eine spezielle, zusammen mit Brillux kreierte Spachtelmasse wurde dort mit einer Bretterverschalung in dieselbe Oberflächenstruktur wie der Sichtbeton gebracht und anschließend ebenfalls grau mit Creativ Viviato 72 lasiert. „Der Übergang zwischen Bestand und neuen Flächen ist praktisch nicht zu erkennen“, freut sich Sascha Kuberg, der das Heinrich-Schmid-Team leitete. Die gelungene Beschichtung erforderte ungewöhnliche Arbeitsweisen. „Eine Herausforderung war der Erstauftrag“, erinnert sich Sascha Kuberg: „Die Spachtelmasse bleibt bei Temperaturen von 30 bis 35 Grad Celsius, die während der Umbauphase herrschten, nur eine kurze Zeit lang offen.“ Angesichts der drei Meter hohen Räume mussten die Maler daher im Dreierteam arbeiten, um ein perfektes Ergebnis zu garantieren. Zwei Mitarbeiter standen übereinander auf einem Rollgerüst, ein dritter Kollege schob das Gerüst langsam weiter, sodass kontinuierlich nach vorne gestrichen werden konnte. Dem lichten, eleganten Grau der Räume haben die Planer mit ebenso wohlgesetzten neuen Details eine warme, herzliche Note beigefügt. In den Klassenzimmern ersetzt geöltes Industrieparkett die alten Bodenbeläge. Auch Teile der Treppenuntersichten wurden mit dunklem Holz verschalt, was ebenso anheimelnd wirkt. Die neuen weißen Akustikpaneele an den Decken, die gegen die düsteren dunkelgrauen, alten Metallelemente ausgetauscht wurden, holen mehr Licht und Wohlbehagen in die Bildungseinrichtung.
Mit Takt- und Feingefühl
Die optisch harte, düstere Ausstrahlung des Rotteck-Gymnasiums ist Geschichte. Heute ist die Schule eine gebaute freundliche Einladung, sich hier zum Lernen und Leben zu treffen. Lehrer, Eltern und Schüler zeigen sich begeistert davon, wie viel Veränderung allein durch die neue Oberflächengestaltung mit ihren feinen Korrekturen erreicht wurde. Die Freiburger Schulsanierung macht vor, wie Bestandsbauten ihre Raumstruktur und ihren charakteristischen Baustil beibehalten und sich doch eindrucksvoll erneuern können – wenn das Farbkonzept wie hier mit Feingefühl stimmig in die Architektur eingetaktet wird.
Der Übergang zwischen Bestand und neuen Flächen ist praktisch nicht zu erkennen.

praxisplus

Standort: Rotteck-Gymnasium, Lessingstr. 16, Freiburg
Bauherr: Stadt Freiburg, Gebäudemanagement
Architekten: Böwer Eith Murken Architekten, Freiburg
Ausführende Malerbetriebe:
Innenarbeiten: Malerwerkstätten Heinrich Schmid GmbH + Co. KG, Freiburg
WDVS-Arbeiten: TBS GmbH, Freiburg und Veeser GmbH & Co. KG, Freiburg
Verwendete Produkte:
Brillux WDV-System Qju, Rausan KR K2 3516, Silcosil KR K2 3674, Acryl-Fassadenfarbe 100
Innenraum: Creativ Viviato 72, Super Latex ELF 3000, Latexfarbe ELF 992, Impredur Seidenmattlack 880
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