Auf der Überholspur

Werner Schledt

Der Medizin-Nobelpreisträger Thomas Südhof hat sich jetzt zu Erkrankungen durch Überlastung geäußert, die zunehmend Manager und Selbstständige treffen. Es wundere ihn gar nicht, dass „ständiges Leben auf der Überholspur“ und dauernde Erreichbarkeit durch die Smartphones zu chronischem Stress führe, der schließlich das Gehirn verändere. Für Gefährdete hatte er auch gleich ein paar Tipps: Ab 20.00 Uhr alle elektronischen Geräte ausschalten, Mails auflaufen lassen, nacheinander abarbeiten und Pausen einlegen. In denen könne man am besten abschalten, wenn man sich ablenke. Egal, ob Ball oder Buch: Während man sich aufs Lesen, Musizieren oder aufs Tennismatch konzentriere, lenke man seine Aufmerksamkeit von der Arbeit ab. Das sei quasi eine erzwungene Meditation, mit der man sich vom Tagesstress abkopple. Vielleicht ein Vorsatz fürs neue Jahr: Immer mal wieder runter von der Überholspur – rasten statt ausrasten.
Verraucht
Die Hysterie in zahlreichen Medien über „Brandgefährliche Fassadendämmung“ ist wohl verraucht. Auch hochkarätige Experten der Feuerwehr haben die noch vor Kurzem brandeilig erhobenen Forderungen nach einem Verbot von Poly-styrol jetzt als „völlig überzogen“ bezeichnet und u.a. darauf hingewiesen, dass bei bis zu 200.000 Bränden im Jahr gerade mal sechs gedämmte Fassaden betroffen sind. Fassadenbrände können lediglich entstehen, wenn z.B. ein direkt an der Hauswand stehender Kunststoff-Müllcontainer in Brand gerät. Der Münchner Branddirektor hat dazu in einem Interview festgestellt, dass die jetzt für größere Neubauten vorgeschriebenen Brandriegel selbst in diesen Fällen die Ausweitung zu einem großflächigen Brand verhindern. Wo Mülltonnen, Autos und Motorräder nicht unmittelbar vor der Fassade stehen, halte er deshalb auch eine Nachrüstung nicht für zwingend notwendig.
Kabinettstückchen
Wer Meister-BAföG in Anspruch genommen hat und die Prüfung erfolgreich abschließt, soll künftig 30 Prozent des Darlehens erlassen bekommen. Außerdem wird die Förderung der Lehrgangs- und Prüfungskosten deutlich erhöht. Ein entsprechender Gesetzentwurf wurde jetzt vom Bundeskabinett beschlossen. Bares von BAföG – ein erfreuliches Kabinettstückchen.
Schnee von gestern
„Wintermaler.de“ statt „Winter, oh je!“ könnte der Werbeslogan nach innen für die Teilnahme am Marketingkonzept des LIV Hessen heißen. Für die Kundenakquise bietet der Verband den teilnehmenden Mitgliedsbetrieben dafür auch wieder kostenlos ein Werbemittelpaket an. Kunden, die in den Wintermonaten einen Innungsbetrieb beauftragen, können einen Zuschuss von 500 Euro gewinnen. Im letzten Jahr haben 50 Firmen mitgemacht.
Diesmal erleichtert der LIV die Abwicklung durch zusätzlichen Service: Auf Wunsch versendet eine Agentur für die Betriebe die Werbemittel termingerecht an deren ausgesuchten Kundenkreis. Ein erfolgreiches Konzept gegen eine dünne Auftragsdecke in der kalten Jahreszeit. „Winter oh je“ – Schnee von gestern.
Aufs Tapet gebracht
Um der Anonymität und Tristesse einer großen Siedlung entgegenzuwirken, haben deren Bewohner, junge und alte, in diesem Sommer in Workshops alle möglichen Motive gemalt, die in einem Zusammenhang mit ihrem Quartier stehen. Die Entwürfe wurden jetzt auf Tapeten gedruckt und auf die oberen Bereiche der Aufzugstürme geklebt. Keine schlechte Idee – weithin sichtbar.
Truck on the roads
Weil die Betriebe der Metall- und Elektroindustrie dringend Lehrlinge brauchen, hat die Branche jetzt für eine bundesweite Nachwuchsaktion zwölf Millionen Euro investiert. Mit doppelstöckigen Trucks, gespickt mit Hochtechnologie, Experimentierstationen und typischen Arbeitsplätzen, werden die Schulen angefahren, um Schülerinnen und Schüler von Klasse 7 an für die Berufe der Branche zu begeistern. Die Lehrer können in dem Truck außerdem Material für Unterrichtseinheiten abrufen. Die Metaller sprechen von einer neuen Dimension der Nachwuchswerbung. Aber von der Poleposition gestartet ist das Maler- und Lackiererhandwerk.Vor Jahren mit einer Roadshow, bei der sich junge Moderatoren mit Szenarios und Wettbewerben aus der Formel I als Aufhänger an die Siebtklässler wandten. Im Truck verbargen sich eine Boxengasse mit Gokart, Quiz und eine Riesen-Carrera-Rennbahn, mit der die Klassen gegeneinander antraten. Die überaus erfolgreiche Maßnahme der Hessen hat damals schon einige Hunderttausend Euro gekostet, wurde aber, weil es eine absolut neue Idee war, vom Wirtschaftsministerium großzügig bezuschusst. Sie hätte, wie jetzt die Aktion der Metallbranche, ebenfalls bundesweit durchgeführt werden können. Das Equipment war ja da. Alle fanden die Roadshow gut – aber die Durchführung selbst zu teuer.
Das ist ein Hammer
„Das ist ein Hammer, das ein Metallbohrer, das ein Heizkörperpinsel.“ So klingt Deutschunterricht für Flüchtlinge im Betrieb. Weil für deren Integration die Arbeitsstelle ein ganz wichtiger Platz ist, hat die Stadt Frankfurt jetzt mit der Handwerkskammer ein Projekt „Sprachförderung im Betrieb“ gestartet. Das Programm wird durch Leserspenden einer Tageszeitung unterstützt.
Ausgesucht und ausgebucht
Gut angefangen haben Malerlehrlinge der Innung Rhein-Main ihre Ausbildung: mit zwei Starter-Wochen im Rahmen der Ausbildungsoffensive. Auf dem Programm des Ausbildungstrainers standen z.B. Verhalten gegenüber Kunden und Kollegen, Werkzeugkunde und natürlich auch praktisches Arbeiten. Die Ausbildungsbetriebe bekamen mit der CD über den Ablauf auch eine Bewertung ihrer Azubis durch den Trainer. Das Programm war gut ausgesucht und ausgebucht.
Teambildung
Freiwillig hinter Schloss und Riegel, wer macht das schon? Die Auszubildenden der Deutschen Flugsicherung z.B., aber auch Mitarbeiter der Deutschen Bank, der Telekom oder von BMW. Sie trainieren Teamfähigkeit in sogenannten Live Escape Games. Da werden sie in einen Raum gesperrt, in dem irgendwo der Türschlüssel versteckt ist. Wenn sie wieder raus wollen, müssen sie mit Köpfchen versteckte Gegenstände und Hinweise orten und daraus gemeinsam Schlüsse ziehen, um innerhalb einer Stunde den Schlüssel zu finden und sich zu befreien. Auch wenn sie es nicht schaffen, haben sie es doch gemeinsam versucht und stehen auch für einen Misserfolg als Team. Das „Teambuilding“, ein Mittelding zwischen Teamtraining und Event für einen Betriebsausflug, kann auch von Handwerksbetrieben genutzt werden. Die kommen mit der ganzen Belegschaft. Schon als Team.
Armin Angert, Malermeister und meisterlicher Maler – Arbeiten von ihm wurden auch im Malerblatt schon mehrfach vorgestellt – wollte im Museum eines der Gemälde fotografieren. Die Aufsicht verbot es aber, was ihn erstaunte. Da nahm er Papier und Bleistift und zeichnete das Bild naturgetreu ab. Jetzt staunte die Aufsicht.
Geschenkt
Weihnachtsfeiern kann man als Event-Pakete kaufen. Aber während Zauberer und Alleinunterhalter schon länger „nadeln“, sind heuer teamgeistfördernde Überraschungen in. Im aktuellen Angebot findet sich beispielsweise eine „X-mas Domino Challenge“, mit dem die Belegschaft gemeinsam ein Domino-Bild – mit weihnachtlichem Motiv, versteht sich – zusammenlegt, ebenso wie eine „Lebkuchen-Kreativwerkstatt“. Geschenkt.
Aber bevor’s, wie alle Jahre wieder, mit Nikolausmützen zu Glühwein und Bockbier auf den Weihnachtsmarkt geht, kann man sich ja mal was anderes überlegen. Sonst wird am Ende die betriebliche Weihnacht zur betrüblichen Weinnacht.

praxisplus
Relevantes für die Branche entdecken, Anstöße geben, manche Dinge auf die Schippe nehmen – genau das macht Werner Schledt in seiner Kolumne „Unverdünnt aufgetragen“. Der Autor war jahrzehntelang Betriebsberater und Verbandsgeschäftsführer im hessischen Maler- und Lackiererhandwerk.
Werner Schledt
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