Werner Schledt
Werner Schledt

Aus dem Blätterwald

Werner Schledt

Im Sommerloch sind Themen rar, aber findige Journalisten werden trotzdem fündig. Diesmal hat sich eine überregionale Zeitung die Ausbildung aufs Korn genommen. Weil ahnungslose Leser von Einzelfällen, wie den dort geschilderten, aufs Ganze schließen, tut die Überschrift „Drei Jahre in der Ausbildungshölle“ schon weh. Nach breiterer Recherche kriegte in einem anderen Artikel die Ausbildung die Note „mangelhaft“. Jugendliche würden vielerorts nicht nur schlecht, sondern auch unter unwürdigen Bedingungen ausgebildet, hieß es da. Vor allem in Kleinbetrieben müssten sie regelmäßig unbezahlte Überstunden machen und manche Betriebe verweigerten sogar grundsätzlich den Berufsschulbesuch. Immerhin wurde in dem Artikel, der auch den Kammern in dieser Sache Untätigkeit vorwarf, angeprangert, dass die Politik in einigen Berufen die Lehre ohne Qualifikationsnachweis der Ausbilder eingeführt habe. Natürlich wurden auch Branchen genannt, in denen es besonders schlimm zugehe. Wir gehörten nicht dazu. Natürlich.

Das liest man gerne

Das liest man gerne: Entgegen aller Unkenrufe sind die meisten Deutschen in ihrem Beruf zufrieden. Einer aktuellen Umfrage zufolge sogar 75 Prozent. Spaß mache, so die Befragten, eigene Ergebnisse zu produzieren und zu sehen. (Bei der Beurteilung wurden auch immer wieder das Betriebsklima sowie flexible Arbeitszeiten als wichtig genannt). Arbeiten mit täglich unterschiedlichen Erlebnissen und am Ende sichtbaren Ergebnissen – das bietet unser Beruf wie nur wenige.

Farblose Documenta?

Gute, das heißt gültige Bilder oder Arbeiten von handwerklicher Virtuosität und harmonischer Farbigkeit, gibt es auf der Documenta auch diesmal kaum zu sehen. Die Anliegen, fast ausnahmslos politisch, werden überwiegend schwarz-weiß dargestellt – wobei die Weißen oft die Bösen sind. Trotzdem ist die Ausstellung nicht farblos, jedenfalls nicht im übertragenen Sinn. Die Idee zum Beispiel, auf früher von Joseph Beuys im Rahmen eines Beitrags „Stadtverwaldung“ gepflanzte Eichen Äste und Zweige aus Griechenland aufzupfropfen, bildet die Flüchtlingsproblematik treffend ab: Da denkt man an die vielfältigen Chancen, die sich ergeben, wenn sich Fremdes übertragen lässt, einwächst und schließlich sogar Wurzeln schlägt ebenso, wie an das Risiko des Scheiterns, falls die andersartigen Pflanzen nicht zur Bereicherung beitragen, weil sie sich mit dem einheimischen Gehölz nicht verbinden und wieder abgestoßen werden. Kein herkömmliches, aber ein facettenreiches und interessantes Bild.

Nicht zum alten Eisen

Wer sagt denn, dass die Arbeitnehmer immer früher in Rente gehen wollen? In Betrieben, die ihren rentenberechtigten Mitarbeitern Weiterbeschäftigung anboten, haben in 2015 acht von zehn Senioren weitergearbeitet. Die meisten sicher nicht, weil sie’s brauchten, sondern weil sie gebraucht werden und nicht vorzeitig rosten wollen.

Was unternehmen?

Das Vertrauen von uns Deutschen in den Staat ist groß und zeigt sich nicht zuletzt auch darin, dass ein Drittel der Studenten eine Verbeamtung oder Anstellung im Staatsdienst anstrebt. Das ist andererseits einer der Gründe dafür, dass es zu wenige Neugründungen und Betriebsübernahmen gibt und Unternehmen und Unternehmer schon in den Schulbüchern kaum eine Rolle spielen. Dass man in der Schule erfährt, dass Selbstständigkeit eine überlegenswerte Alternative zur Anstellung ist, kommt höchst selten vor. Freilich gibt es da und dort in eher elitären Einrichtungen Schülerfirmen und unter denen sogar Wettbewerbe mit erstaunlich kreativen Ergebnissen. Deshalb empfehlen Experten die Gründung von mehr solcher Schülerfirmen und Unternehmensplanspielen -– die auch gefördert werden können. Warum solche Modelle mit Partnerschulen nicht auch für Handwerksberufe? Es gibt sie ja, die unternehmerischen Talente. Um sie zu entdecken und zu fördern, muss man freilich was unternehmen.

Gute alte Zeiten

Goethe hatte es gut: „Ich ging soeben unsere Bücher durch, und bei der Leichtigkeit, wie sich der Zustand unseres Vermögens übersehen lässt, bewundere ich aufs neue die großen Vorteile, welche die doppelte Buchführung dem Kaufmanne gewährt…“ schrieb er begeistert. Mit der Buchhaltung – oft der einfachen – zum Steuerbevollmächtigten und von dem zum Finanzamt. Das war’s für viele noch vor wenigen Jahrzehnten. Inzwischen belasten immer mehr Nachweise, Auflagen, Statistiken, Berichte auch die Handwerksbetriebe enorm. Und es werden immer mehr. Steuererklärung auf dem Bierdeckel? Von wegen.

Chillen statt jobben

Neben dem anhaltenden Lehrlingsmangel gab es in diesem Jahr in einigen Branchen auch einen eklatanten Mangel an Schülern, die sich in den Ferien was dazuverdienen wollen. Trotz attraktiver Angebote, gut zehn Euro Stundenlohn und sogar Radiowerbung einzelner Firmen, können es sich viele Kids wohl leisten zu chillen, statt mal zwei, drei Wochen zu jobben. Die temporären Stellen besetzen konnten neben der Autoindustrie – alleine Mercedes beschäftigte annähernd 20.000 Ferienjobber zu Löhnen weit über dem gesetzlichen Mindestlohn – aber auch Firmen, die kontinuierlich mit Schulen und Kitas kooperieren und deshalb regional bekannt sind. Solche Kooperationen täten auch uns gut. Weniger für Aushilfen, sondern mehr für die Ausbildung. Da haben auch wir noch Plätze frei.

Wie abgesprochen

Jetzt interessiert sich auch das Kartellamt für einige Autohersteller, denen man Preisabsprachen vorwirft. Solche Vereinbarungen könnten eine Lawine von Klagen der Zulieferer und Käufer nach sich ziehen. Mir fiel zu den aktuellen Vorgängen wieder der vor Jahren in einer Wirtschaftszeitung erschienene Artikel ein, der das Biostruktogramm, also die auf vier Gruppen ziemlich gleichmäßig verteilte, unterschiedliche Art und Weise des Denkens und Handelns beschrieb und dessen damalige Nutzung am Beispiel der Werbung von seinerzeit drei großen Mineralölgesellschaften aufzeigte: „BP“ umwarb nur die stark vom Stammhirn geprägte, gefühlsbetonte Zielgruppe mit Bildern grüner Landschaften und romantischer Burgen und Schlösser. „ARAL“ sprach die sogenannten Blauen, die sich primär von kühler Vernunft leiten lassen an, und argumentierte entsprechend mit Analysen und Oktanwerten. „ESSO“ schließlich bewarb die „Roten“, die spontanen Entscheider und Zupacker, folgerichtig mit dem Zuruf: „Pack den Tiger in den Tank!“ Das funktionierte wie abgesprochen.

P.S: Aufgrund des erwähnten Aufsatzes haben wir uns seinerzeit beim LIV Hessen mit dem Biostruktogramm, einem Ergebnis der Hirnforschung, beschäftigt, zunächst unsere eigenen Struktogramme analysieren lassen und die Methode bei der Mitarbeiterführung und Kundenbetreuung bis heute erfolgreich eingesetzt. Aber davon habe ich schon früher berichtet.

Achtung Baustelle

Achtung: Das Thema Wärmedämmung wird zur Langzeitbaustelle. Die kriegen wir so schnell nicht geräumt. Der Stau ist unvermeidlich.


praxis plus

Relevantes für die Branche entdecken, Anstöße geben, manche Dinge auf die Schippe nehmen – genau das macht Werner Schledt in seiner Kolumne „Unverdünnt aufgetragen“. Der Autor war jahrzehntelang Betriebsberater und
Verbandsgeschäftsführer im hessischen Maler- und Lackiererhandwerk.

Werner Schledt

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