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Bezug auf die Vergangenheit

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Bezug auf die Vergangenheit

Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Vertreibung der Sudetendeutschen entstanden auch in Bayern sogenannte Vertriebenenstädte, wie das heutige Neugablonz, einem Ortsteil von Kaufbeuren. Die alten, nicht mehr zeitgemäßen Wohnungen wurden durch ein genossenschaftliches Wohnquartier ersetzt, dass sich in Architektur, Farbgebung und kleinen Details auf die böhmische Vergangenheit und die Umgebung bezieht.

Eine Besonderheit des sogenannten Iser-Quartiers ist der Höhenunterschied von sieben bis acht Meter auf dem gesamten Gelände. „Wir wollten die Schwierigkeit nicht als solche erscheinen lassen“, so Architekt Marco Sedat und erklärt, dass sich hier die Form des Punkthauses auszahle, denn jedes Haus habe sein eigenes Konzept und sein eigenes Grundstück, sodass der Höhenverzug gut aufgenommen werden konnte und dieser gar nicht auffalle.

„Trotz des topographischen Höhenunterschieds haben wir eine ober- und unterirdische Barrierefreiheit schaffen können“, erklärt der Architekt.

Mit der Realisierung dieser Punktbauten mit Flachdach ist inmitten von Zeilenbauten und Reihenhäusern eine andere Art von Städtebau entstanden. Ein Punkthaus ist ein Bauwerk, das sich um einen innenliegenden Treppenhauskern entwickelt. Die Nutzflächen, wie Flure, Hallen, Büros oder Wohnungen, liegen ringförmig um den Kern. Wie konnten sich die kompakten massigen Einzelkörper einfügen ohne hervorzustechen? Es musste ein Bezug zur alten Bebauung gefunden werden.

Putzfassaden

Die Verantwortlichen entschieden sich deshalb für eine Putzfassade, die bereits die Fassade der Vorgängerbauten charakterisierte. Gleichzeitig gestalteten die Handwerker sie auch in der gleichen Technik: Sie trugen fein strukturierten

Putz mit der Traufe von oben nach unten in leichten Wellen auf. „Wir haben hier bewusst an die Vergangenheit angeknüpft. Mit einer anderen Fassadenfarbgestaltung wäre das Iser-Quartier ein Fremdkörper in der Umgebung geworden. Generell sehen wir die Siedlung eher als Weiterbau denn als Neuanfang“, erklärt Architekt Marco Sedat. Neben der Fassadengestaltung mit Putz ist auch das durchdachte Farbkonzept ein Grund für die gute Integration der Siedlung in die Nachbarschaftsbebauung.

Farbkonzept

Das Farbkonzept stammt vom Schweizer Künstler Thomas Rutherfoord. Er erklärt: „Wenn ich für einen Ort ein Farbkonzept machen darf, möchte ich auch immer etwas über diesen Ort lernen, das ich vorher nicht wusste. So lernte ich zum Beispiel im Museum in Neugablonz viel über die Geschichte der Sudetendeutschen.“ – An den Fassaden der benachbarten Reihenhäuser, der sogenannten „Papageien-Siedlung“, tauchen immer mal wieder Gelb- und Beige- sowie starke Rottöne auf. Die Fassaden der Häuser des Iser-Quartiers sind in Grau-, Gelb-, Ocker- und Weißtönen gehalten, aber „auch diese Farben haben einen leichten Roteinschlag, so z. B. die weißen Faschen um die Fenster oder das rötliche Grau. Dies ist zwar nicht auf den ersten Blick sichtbar, aber trotzdem spürbar, sodass sich die Häuser sehr gut in die Umgebung einpassen“, erklärt Sedat und ergänzt: „Rutherfoord verzichtete bewusst auf eine fremde, kalte Farbpalette wie z. B. Blautöne, denn dadurch hätten sich die neuen Häusertypen zu einem Fremdkörper in der Umgebung entwickelt.“ Während das Farbkonzept der Fassaden auch wieder an die Vergangenheit anknüpft und Gegenwart und Vergangenheit miteinander verwebt und vorhandene Farben weiterentwickelt, nimmt die kühlere Farbgestaltung der Treppenhäuser und der Tiefgarage mit vier Blau- und Türkistönen Bezug zum Eisspeicher, sie stellt das Farbspektrum des Eises dar.

Letzter Schliff

Die massiven Bauten errichtet aus einem Einsteinmauerwerk bekamen nach Auftrag des Grundputzes, der Armierung und dem Oberputz den letzten Schliff an der Fassade mit einer Sol-Silikatfarbe auf 1.460 Quadratmeter. In den Tiefgaragen strichen die Verarbeiter 6.600 Quadratmeter Betondecken und -wände mit einer Lasur. Diese Beschichtung legt sich halbtransparent über die Betonoberfäche und kann so optische Mängel ausgleichen. In den Treppenhäusern kam Innostar auf 6.205 Quadratmetern zum Einsatz. Für die Decken und Wände der Wohnungen entschieden sich die Verantwortlichen für Innotop und ließen mit der Sol-Silikatfarbe 26.850 Quadratmeter streichen.

An der Fassade komplettiert im Eingangsbereich an jedem der acht Häuser in schwarzer Schrift der Name des Paten das Konzept. Um an die Geschichte der Stadt anzuknüpfen sind neben dem Otfried Preußler-Haus auch die übrigen sieben Häuser nach bekannten, aus der

Region Reichenberg in Nordböhmen stammenden Persönlichkeiten der älteren und jüngeren Geschichte benannt. So gibt es beispielsweise ein Ferdinand-Porsche-Haus und ein WinnieJakob-Haus.

Kleine Details mit großer Wirkung

In den Eingangsbereichen und Treppenhäusern der Gebäude sind gezeichnete Porträts der Hauspaten, die entsprechende Biografie und kleine Zeichnungen, die auf Leben und Wirken der Persönlichkeit Bezug nehmen, an die Wand gebracht. So finden sich auf den Feuerschutzklappen des Otfried-Preußler-Hauses neben dem Raben und dem Besen aus der Geschichte der kleinen Hexe auch der Hut des Räuberhotzenplotzes. Tanja Kapahnke vom Studio Süd erläutert: „Diese kleinen Details unterstützen die Bewohner zusätzlich dabei, sich mit den Häusern zu identifizieren.


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