Schön schlicht

Vom Grauenland ins Auenland. So wünschen sich die Deutschen ihr Heim.

Autor: Martin Mansel

Das tut gut. Endlich mal kein Geschrei. Kein hysterisches Herumgehampel. Keine Zappelknie gegenüber, wie in der S-Bahn. Endlich Zuhause, eine in einem beruhigenden Farbton gestrichene Wand, ein natürlich belassener Holz- oder Steinboden und darauf handwerklich hergestellte minimalistische Möbel, so fühlen sich viele Menschen wohl. Je wilder sich die Welt draußen dreht, desto mehr möchte man das eigene Heim als Ruhepol gestalten. Wie Stephan Grünewald vom Institut Rheingold es formuliert, draußen ist „Grauenland“ mit Trump, Dieselgate und Terror, drinnen das „Auenland“, ein friedlicher Ort, an dem man sich geborgen fühlt. Die Menschen haben Sehnsucht nach Bodenhaftung. Ein Beispiel dafür ist die Entwicklung bei der Wahl der Beleuchtung. Obwohl sparsames LED-Licht in nahezu alle Haushalte Einzug gehalten hat, steigt laut European Candle Association der Verbrauch echter Kerzen seit fünf Jahren spürbar an. Im Jahr 2016 hat jeder Bürger der Europäischen Union 1,45 kg Kerzen verbraucht, ein Plus von 6,2 Prozent. Aber auch LED-Technik entwickelt sich weiter. Hier geht die Entwicklung hin zu kabellosen und transportablen kleinen Akku-Leuchten, deren Lichtstimmung sich an die gewünschte Funktion anpassen lässt, ob als Funktionslicht im Büro oder Stimmungslicht im Wohnzimmer.

Billig geht

Billig ist laut Trendforschern übrigens Geschichte. Genau wie sich an der Wand der Trend zu Oberklasse-Farben weiter fortsetzt, erwartet der Möbelkäufer optisch hochwertigere und ansprechende Möbel. Es geht um haptische Qualität, um die Freude, welche die Berührung der Dinge auslösen kann. Der Kunde wünscht sich eine handwerklich akkurate Ausführung, gepaart mit zeitgemäßen technischen Lösungen. Weiterhin relevant bleiben Aspekte der Wohngesundheit. Hier zeigt sich die Sehnsucht nach dem vermeintlich Echtem, nach natürlichen Materialien: Seide, Leder, Wolle. Auch Linoleum kommt wieder, ob als Bodenbelag oder als Werkstoff für Tischplatten.

Digital bleibt

Im Gegensatz zu früheren Back to Nature-Trends wird Technik aber heute nicht ausgesperrt. Schließlich lag im Jahr 2017 laut ARD/ZDF-Onlinestudie die durchschnittliche tägliche Dauer der Internetnutzung bei 149 Minuten. Die Anzahl der Internetnutzer in Deutschland belief sich im gleichen Jahr auf 62,4 Millionen. Das zeigt, es geht doch gar nicht mehr ohne. Und für eine radikale Abkehr von der digitalen Welt gibt es keine Anzeichen. Auf der IMM Cologne in vergangenen Januar war „Smart Home“ ein großes Thema. Ob Haushaltsgerät oder Heizung, möglichst vieles wird vom Mobiltelefon gesteuert. Aber irgendwann muss dann auch wieder gut sein mit dem digitalen Dauerfeuer. Dann hat man es gerne gemütlich, zumindest zwei Drittel der Deutschen laut Studie.

Mit Hygge fing es an. Jetzt wird entrümpelt und ausgemistet. Keine vollgestopften großen Wohnungen, die in den Ballungsräumen sowieso niemand mehr bezahlen kann, sondern wenige qualitativ hochwertige Stücke, an denen man lange Freude haben kann, im kleinen Apartment. Der nicht mehr geliebte Rest wird über Portale wie Shpok oder Ebay verhökert.

Individualisierung

Ein anhaltender Trend ist Individualisierung. Nie war die Auswahl größer. So wie bald jeder sein speziell auf ihn konfektioniertes Auto fahren kann, so kann er oder sie das gewünschte Möbel konfigurieren. Weg von der Massenware, hin zu vermeintlicher Individualität. Das gilt ebenso für Textilien. Neben Technik, Stoffe werden immer funktionaler, ist auch hier handwerkliches Können gefragt und traditionelle Muster kehren zurück. Auf dem Münchener Stofffrühling feierte zum Beispiel Glencheck ein Revival. Plissee soll ebenfalls wieder in Mode kommen. Leder wird mit individuellen Gebrauchsspuren zum Unikat. Viele Dinge sollen künftig ein zweites Leben erhalten. Wiederverwertung und Recycling, einst Nischenthema bei Anbietern von Outdoormode, hält künftig stärker in die Möbel- und Textilherstellung Einzug. So werden beispielsweise alte große Esstische wiedergeboren als, keine große Überraschung, Esstisch.

(Quellen: IMM Cologne, Ursula Geismann, Trendanalystin des Verbandes der Deutschen Möbelindustrie)

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