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Schinkelgrüne Geländer an Schloss Stolzenfels

Schloss Stolzenfels
Historisches Grün

Wie grün ist Schinkelgrün? Gusseiserne Geländer und Treppen auf Schloss Stolzenfels am Rhein geben neue Antworten auf diese Frage

Autor: | Fotos: Wolfgang Conrad

Bauzeittypisch für die ausgehende erste Hälfte des 19. Jahrhunderts offenbaren sich die gusseisernen Treppen und Geländeranlagen an Schloss Stolzenfels bei Koblenz. Die beiden parallel angeordneten Freitreppen mit Geländern am Ausgang vom kleinen Rittersaal zum Kapellendach sowie die großen Geländeranlagen mit den gedrillten Stäben in den Schlosshöfen stellten den Fortschritt und die moderne Produktionstechnik der Preußisch Königlichen Eisengießereien dar. Außerdem tragen sie zur visuellen Gliederung der Schlossbereiche bei.

Farbbefunde

Ihre im satten Dunkelgrün gestaltete farbliche Dominanz betont die Barrierefunktion. Interessante Farbbefunde bei der Sanierung führten zur Wiederkehr der Schinkelgrünen Gusseisengestaltung. Sie ermöglichten, das ursprüngliche ästhetische Erscheinungsbild des Schlosses zu überliefern.

Bei den Restaurierungsmaßnahmen an den gusseisernen Treppen wurden 2012 bei der Abnahme der Altkonservierungen großflächig gut erhaltene und sicher verwertbare grüne Farbschichten direkt auf der Eisenoberfläche gefunden. Um Gewissheit zu erhalten, wurden weitere gusseiserne Objekte untersucht, die ihre grüne Farbhistorie bis heute erhalten haben. Um photolytische Veränderungen der einzelnen Farbschichten auszuschließen, wurden hauptsächlich die Rückseiten bzw. Bruchstellen der Farbschollen zum Farbtonvergleich herangezogen.

Schinkelgrün

Die Untersuchungen an den Wendeltreppen in der Schlosskapelle und den Geländersäulen an Treppen im Wohnturmbereich bestätigten die bauzeitlich analogen Grünfassungen. Übereinstimmung herrschte nicht nur beim Farbton (Abgleich mit NCS-Farbmuster). Durch mikroanalytische Untersuchungen bestätigte sich die selben Grünausmischung unter Verwendung der Pigmente Berliner Blau – auch Preußisch Blau genannt – mit Chromgelb. Solch dunkelgrün gefasster Eisenkunstguss war seinerzeit über Berlin hinaus ein preußisches Markenzeichen. Er wurde oft als Schinkelgrün betitelt, ohne sich auf einen bestimmten Farbtonwert zu beziehen. Aus Karl Friedrich Schinkels Schaffensperiode sind allgemein die dunkelgrünen gusseisernen Gartenstühle und viele dunkelgrüne Grabmale mit vergoldeten Schriftzügen bekannt. Als historische Quelle hierfür findet sich beispielsweise eine Abbildung des von Schinkel gestalteten gusseisernen Baldachins für das Grabmal des Schwedenkönigs Gustav/Adolf in Lützen, erbaut 1837. Da er sich im gleichen Zeitraum (seit 1835) mit der Planung des Schlossaufbaus beschäftigte hatte, drängte sich eine Farbanalogie zu den etwa zeitgleichen Stolzenfelser Gusseisenerzeugnissen auf.

Der genaue Abgleich mit der Erstfassung eines Schinkelstuhls gelang unter Mitwirkung der Stiftung Stadtmuseum Berlin. Bei der Demontage und Remontage eines originalen Gartenstuhls (um 1840 aus dem Potsdamer Palais des Prinzen Karl) konnten Farbsplitter gesichert werden. Diese wurden analog zu den Stolzenfelser Proben untersucht. Das Dunkelgrün der gusseisernen Teilobjekte auf Schloss Stolzenfels stimmt mit dem des Schinkelstuhls nicht nur im direkten Farbtonvergleich überein. Auch in der mikroanalytisch ermittelten Farbausmischung, fanden sich Pigmenten Berliner Blau und Chromgelb wieder.

Farbwertzuordnung

Der an den Geländern eindeutige Farbbefund mit der Markierung NCS S 8010-G10Y (nach RAL-Farbkarte ungefähr wie Tannengrün 6009) bestätigte die schon 2010 ausgeführte erste dunkelgrüne Farbrekonstruktion. Sie wurde am Stolzenfelser gusseisernen Schalenbrunnen im Pergola-Garten durchgeführt und ging auf eine Befunduntersuchung eines Restauratorenkollegen von 2005 zurück.

Damit wird eine bedeutsame kunsthistorische Aussage nach Berlin zurückreflektiert, in der erstmals eine genaue Farbwertzuordnung zum Schinkelgrün postuliert wird. Es mag verwundern, dass die ermittelte Farbfassung direkt auf der Eisenoberfläche liegt. Aber die Stolzenfelser Befunde korrelieren mit der bauzeitlichen Farbhistorie eines weiteren Schinkelstuhls sowie mit der gefundenen vergleichbaren Applikationspraxis am Potsdamer Posttor (Schmiedeeisen von 1838).

Natürlich ist die beschriebene spezifische Farbwertzuordnung eine ehrgeizige Projektion. Aber selbst, wenn wir heute einen historischen Farbaufstrich in einem Schinkelschen Schreibtisch finden würden, wäre auch das nur das gegenwärtig visuell erkennbare und beurteilbare Zeugnis seines überlieferten Grüns.

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