Technik & Werkstoffe

Kein Fall von „nobler Blässe“

Ein hoher Bindemittelanteil und sehr gute lichtbe-ständige Pigmente sorgen in hochwertigen Fassadenbeschichtungen dafür, dass leuchtende Farben nicht schon nach kurzer Zeit wie „graue Mäuse“ aussehen.

Benedikt Müller-Wortmann, CD-Color

Oft sehen Fassadenflächen, die neu beschichtet und mit intensiven Farbtönen gestaltet wurden, schnell wieder recht „alt“ aus. Die Farben sind verblasst und haben an Intensität verloren. Ursache dafür sind UV-Strahlen, die – ähnlich wie beim Menschen – Einfluss auf die „Haut“ des (Bau-)Körpers nehmen. Da Fassaden bei intensiver Sonneneinstrahlung nicht mit einer Sonnencreme geschützt werden können, kommt es um so mehr auf die richtige Rezeptur der Fassadenbeschichtung an, damit sie der UV-Belastung und anderen widrigen Umwelteinflüssen möglichst lange standhält. Eine Orientierungshilfe bietet hier das BFS-Merkblatt Nr. 26 mit seinen Farbbeständigkeitscodes. Die Hauptfakto-ren für die Beständigkeit eines Fassadenbeschichtungssystems sind – neben dem richtigen Beschichtungsaufbau – die geeignete Art und Menge an Bindemittel – das Merkblatt unterscheidet hier nach Klasse A, B und C – sowie die richtigen Pigmente (Gruppe 1–3 gem. BFS-Merkblatt). Pigmente sind unlösliche Farbteilchen, die im trockenen Film des Bindemittels eingebunden sind. Man unterscheidet organische und anorganische Pigmente. Die meisten anorganischen Pigmente reagieren nicht mit Sauerstoff; sie sind deshalb sehr resistent gegen Alterung und können ihren Farbton praktisch unbegrenzt lange halten. Vom Farbton her erscheinen sie jedoch häufig etwas „verhangen“. Organische Pigmente dagegen sind sehr farbstark und brillant; allerdings haben sie meist ein geringeres Deckvermögen und sie sind deutlich weniger wetter- und UV-beständig. Deshalb neigen sie zum Verblassen.
Fehlgriff mit Folgen
Welche Folgen die Auswahl des falschen Beschichtungssystems haben kann, veranschaulichen die rechts stehenden Abbildungen. Oben links ist eine Fassade zu sehen, die mit einer Außendispersion auf Acrylatbasis beschichtet wurde. Das rechte Bild zeigt dieselbe Fassade nur wenige Monate später nach einer intensiven Witterungsbelastung. Deutlich ist zu erkennen, wie verblichen der Farbton bereits ist. Eine Prüfung vor Ort ergab zudem, dass der Anstrichfilm stark kreidete. Bei der Analyse der Beschichtung wurde festgestellt, dass hier eine bindemittelarme Außendispersion mit eingeschränkt lichtstabilen organischen Pigmenten eingesetzt worden war.
Doch nicht nur die Pigmente sind in diesem Fall ursächlich für die deutliche Farbveränderung. Eine ebenso wichtige Rolle spielt die Menge an Bindemittel. Grundsätzlich wird die Beschichtung an einer Fassade im Laufe der Jahre durch Umwelteinflüsse wie Regen, Wind, hohe Temperaturen und UV-Strahlung geschwächt und teilweise sogar abgetragen. Je nach Standort des Objektes kann der Abtrag dabei mehrere Mikrometer (µm) im Jahr ausmachen. An vielen Fassaden zeigt sich dann nach einiger Zeit die sogenannte Kreidung. Der Test mit der Handfläche ist eine einfache Prüfung, die jeder am Objekt durchführen kann. Die Kreidung tritt dann auf, wenn sich das Bindemittel aufgrund fotochemischer Aktivität durch die Wechselwirkung mit Titandioxid abgebaut hat und die Pigmente freiliegen. Das ist nicht nur unansehnlich, auch der Schutz für die Fassade wird damit deutlich reduziert. Nur Beschichtungen mit hohem Bindemittelanteil haben genügend Reserven, um diesem Abbau lange zu widerstehen.
Das richtige Zusammenspiel von Pigmentart, Pigmentqualität und Bindemittelanteil ist also entscheidend für ein Fassadensystem, das einen sicheren Schutz bei langjähriger intensiver Farbwirkung gewährleisten soll. Eine einfache Faustformel ist hier hilfreich:
hoher Bindemittelanteil + sehr gut lichtbeständige anorganische Pigmente = höchste Beständigkeit (A1)
Geringer Bindemittelanteil + eingeschränkt lichtbeständige (an)organische Pigmente = geringe Beständigkeit (C3) Die Kombination 1 erfüllt den Wunsch nach langer Schutzdauer mit intensiver Farbwirkung; die Alternative 2 hingegen birgt das Risiko einer kurzfristig zu erneuernden und kostenintensiven Überarbeitung – dann mit einem hoffentlich geeigneten System.
Tests im Zeitraffer
Um dem Verarbeiter Sicherheit bei der Auswahl von Beschichtungsstoffen zu geben, sollte der Hersteller entsprechend der Kategorisierung im BFS-Merkblatt Nr. 26 eine Aussage über die Eingruppierung seines Produktes treffen. Solche Aussagen und Empfehlungen basieren zum einen auf Langzeittests bei extremen klimatischen Bedingungen. Da man jedoch meist nicht so lange warten kann, bis ein Ergebnis vorliegt, gibt es auch spezielle Schnellverfahren. Diese „Bewitterungssimulationen“ sollen die Lebensdauer oder die Beständigkeit eines Beschichtungsstoffes möglichst genau bestimmen.
Bei den Prüfungen, wie sie etwa im anwendungstechnischen Labor der CD-Color GmbH & Co. KG in Herdecke durchgeführt werden, macht man sich zum Beispiel künstliches, hochkonzentriertes UV-Licht zunutze, um damit unterschiedliche Farbsysteme im trockenen Film zu „beschießen“. Auf dem Foto in der unteren Reihe links sieht man das Ergebnis eines solchen Tests. Hier wurde eine Reinacrylatfarbe mit wenig lichtbeständigen, organischen Pigmenten rezeptiert und künstlich mit UV-Licht belastet. Die rechte Abbildung zeigt den Einsatz einer Reinacrylatfarbe mit hohem Bindemittelanteil und sehr hochwertigen und lichtbeständigen, anorganischen Pigmenten. In beiden Fällen wurde die rechte Seite abgedeckt und die linke Seite voll bestrahlt. Das linke Bild zeigt deutlich das Verblassen des Prüfuntergrundes und die sogenannte Kreidung. Rechts ist zu erkennen, dass auch nach intensivem Beschuss mit UV-Licht keine sichtbaren Oberflächenveränderungen festzustellen sind. Diese Beschichtung ist damit in die Klasse/Gruppe A1 des BFS-Merkblattes Nr. 26 einzuordnen, denn sie erfüllt die Kriterien „hoher Bindemittelanteil“, „sehr gute anorganische Pigmente“ und (speziell für Fassadenbeschichtungen) „kaum sichtbare Kreidung“.
Beratungskompetenz gefordert
Der Trend zu mehr Farbe an der Fassade hält an, wie viele schöne Beispiele zeigen. Ist dabei ein spezieller, als kritisch geltender Farbton gewünscht, empfiehlt es sich für den Verarbeiter, ein höherwertiges Beschichtungsmaterial mit hohem Bindemittelanteil vorzuschlagen und auch entsprechend zu verargumentieren. Der Hinweis darauf, dass der gewünschte kräftige Rotton sonst schnell zum keuschen Rosa mutieren könnte, lässt fast jeden Auftraggeber oder Planer die Mehrkosten leicht verschmerzen.

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