Wasserlack

Streicheln erlaubt

Wasserlacke sind längst Standard geworden. Inzwischen sind sogar wasserbasierte Lacke für besondere Anwendungsgebiete erhältlich. So sind nicht nur Lacke mit besonders hoher Kratz- und Schmutzresistenz auf dem Markt, sondern auch Whiteboardlacke auf Wasserbasis und ein Überzugslack, der Oberflächen „softer“ macht.

Text und Fotos: Susanne Sachsenmaier-Wahl

Wasserlacke sind aus der Welt der Farben nicht mehr wegzudenken. Auch wenn viele Maler anfangs skeptisch waren, so haben die Hersteller bei den Wasserlacken ihre Hausaufgaben gemacht und können heute anwenderfreundliche und äußerst robuste Materialien anbieten, die – aufgrund ihrer Geruchsneutralität – auch sensible Näschen nicht überstrapazieren.

Innovationen getestet

Da die Marketingabteilungen der Hersteller aber gerne auch mal mehr versprechen als das Produkt dann tatsächlich bietet, habe ich mich wieder einmal selbst in die weiße Arbeitskleidung geworfen und ein paar der Wasserlack-Innovationen getestet. Dieses Mal war ich im Hause Brillux in Münster zu Gast. Dort empfingen mich Sebastian Frerick aus der Forschung & Entwicklung, Johannes Ruhe aus der Anwendungstechnik und, da die Marketing-Aussagen ja auf ihre Richtigkeit hin getestet werden sollten, Michael Hilgert aus dem Brillux-Produktmanagement. Gemeinsam widmete ich mich mit den Herren einen Nachmittag lang folgenden Produkten: dem 2K-Aqua Seidenmattlack 2388, der laut Herstelleraussagen über eine besondere mechanische und chemische Belastbarkeit verfügen soll sowie
der Office-Beschichtung „2K-Aqua-Whiteboard 2384“. Letztere soll aufgrund der einfachen Verarbeitung auch auf größeren Flächen einsetzbar sein. Das galt es auszuprobieren. Und last but not least nahm ich ein absolutes Novum in der Bautenlack-Szene unter die Lupe bzw. unter die Fingerkuppen: den „Softfeel“-Überzugslack, der Untergründen eine strapazierfähige Oberfläche mit samtweicher Haptik und softmatter Ausstrahlung verleiht.

Wasserlack: Robust und kaum zu riechen

Es gibt Anwendungsbereiche, die an die Widerstandsfähigkeit eines Lackes extreme Anforderungen stellen. Man denke nur an stark frequentierte Bereiche in öffentlichen Gebäuden, Schulen und Kindergärten oder an Umgebungen mit besonderer Beanspruchung durch Chemikalien oder Desinfektionsmittel wie Krankenhäuser, Arztpraxen oder Pflegeheime. Bislang schlossen sich besonders hohe Widerstandsfähigkeit und ein Minimum an Geruchsentwicklung, ein Maximum an Umweltverträglichkeit aus. Mag man Brillux glauben, dann schließt der neue wasserbasierte 2K-Aqua Seidenmattlack 2388 exakt diese Lücke. Um dies herauszufinden, stehe ich also im Brillux-Labor. Vor mir liegt eine vorbereitete Platte, die auf der einen Hälfte mit dem neuen 2K-Seidenmattlack auf wässriger PU-Basis, auf der anderen mit einem konventionellen 1K-Acryllack beschichtet ist. Sebastian Frerick träufelt nun auf beide Seiten verschiedene Flüssigkeiten, die in der Regel alles andere als leicht zu entfernen sind. Neben Kaffee und Rotwein auch so gemeine Substanzen wie Hautcreme, Desinfektionsmittel, Aceton und Stempelfarbe. Und um es den Lacken nicht zu leicht zu machen, lassen wir die Tropfen erst mal ordentlich einwirken.

Die Wartezeit nutzen wir aber nicht etwa, um eine der beiden ersten aufgeträufelten Flüssigkeiten zu genießen, sondern um die Lackherstellung im Kleinformat nachzustellen. Gemeinsam mit Sebastian Frerick stehe ich kurz darauf an der Waage und am Dissolver und darf meinen eigenen Lack herstellen. Na ja, Sebastian Frerick muss mir natürlich sehr viel Hilfestellung leisten, denn als Malermeisterin und Redakteurin hat man mit derlei Dingen eher weniger Erfahrung. Und die schier unendlich scheinende Liste an „Zutaten“, die von Entschäumern, Verdickern und Ähnlichem nur so wimmelt, macht es nicht gerade einfacher. Am Ende kommt aber doch ein brauchbarer Lack heraus, der zunächst farblos ist, dem ich dann aber an der Farbmischanlage einen farbigen Stempel aufdrücken darf: ich entscheide mich für ein sattes Dunkelrot. Was ich von meiner Exkursion in die Lackherstellung mitnehmen kann? Zum einen, dass selbige eine höchst diffizile Geschichte ist und ein Lack ein echtes High Tech-Produkt. Zum anderen die Tatsache, dass der Lack tatsächlich nahezu geruchsneutral ist.

Mit einem Wisch …

Meine Sinne sind also nicht vernebelt, als ich gemeinsam mit den Herren zur Testplatte zurückkehre, um zu sehen, welche Spuren die aufgebrachten Substanzen hinterlassen haben. Und, auch wenn ich natürlich erwartet habe, dass der neue Lack besser abschneidet, bin ich nun doch sehr erstaunt. Mit nichts weiter als einem trockenen Tuch lassen sich sämtliche Testsubstanzen auf dem 2K-Seidenmattlack nach gut einer Stunde quasi rückstandsfrei entfernen. Auf der Vergleichsfläche dagegen zeichnen sich noch deutliche Umrisse oder Schatten ab.

Okay, Schmutzresistenz hat der Lack bewiesen, aber wie sieht es mit der mechanischen Belastbarkeit aus? Kann das wasserbasierte Produkt hier auch punkten? Nach der Bearbeitung mit verschiedenen harten Gegenständen, wie Schlüsseln, Münzen, Fingernägeln und Co., geht schließlich auch dieser Punkt klar an den neuen Lack.

Nun will ich natürlich noch wissen, wie sich das Produkt verarbeiten lässt. Deshalb nimmt mich Anwendungstechniker Johannes Ruhe „an die Hand“. Er stellt mir Lackwanne, Pinsel und Schaumstoffrolle zur Verfügung und begleitet mich zu einer vorbereiteten Platte. Ein wenig nervös bin ich natürlich, als ich den Pinsel in den Lack tauche. Schließlich sind drei fachkundige Augenpaare auf mich gerichtet – und meine handwerklichen Fertigkeiten doch etwas eingerostet. Doch bereits nach den ersten paar Pinselstrichen entspanne ich mich, denn der Lack lässt sich geschmeidig aufbringen und verschlichten. Noch wesentlich besser lässt er sich mit der Rolle applizieren, hier dürfte sogar ein gänzlich Ungeübter kaum Probleme haben, sofern er das Material nicht zu dünn aufträgt. Voraussetzung hierfür ist natürlich das passende Applikationswerkzeug, wie Johannes Ruhe betont. Brillux gibt hier konkrete Werkzeugempfehlungen, mit denen das Material umfangreich getestet wurde. Für größere Flächen kann außerdem das AirCoat-Spritzverfahren zum Einsatz kommen.

Auch großflächig einsetzbar

Wo ich schon einmal in der Anwendungstechnik bin, bietet es sich natürlich an, noch weitere Produkte zu testen. Als nächstes wenden wir uns der 2K-Whiteboardfarbe zu. Auch bei diesem Produkt handelt es sich um eine wasserbasierte, 2K-PU-Acrylbeschichtung, die, so Brillux, besonders geruchsarm und leicht zu reinigen ist. Außerdem, betont Michael Hilgert, verfüge das Produkt für eine Funktionsbeschichtung über einen sehr guten Verlauf, sodass auch große Wandflächen bequem per Mikrofaserwalze beschichtet werden können. Selbige halte ich auch schon in den Händen und tauche sie in den Lack. Das Material lässt sich angenehm rollen, vergleichbar etwa mit einer Latexfarbe. Auch am Geruch kann ich nichts bemängeln. Was mich aber am meisten fasziniert, ist, dass die Oberfläche der Beschichtung nach kurzem Ablüften eine relativ glatte, geschlossene Oberfläche aufweist. Schon jetzt kann man sich sehr gut vorstellen, dass sich die Whiteboardfarbe im trockenen Zustand leicht reinigen lässt.

Der Aufbau macht´s

Aber Vermutungen sind natürlich nicht genug. Deshalb ziehen wir weiter, nämlich in einen Schulungsraum, in dem Praxisseminare angeboten werden. In diesem Raum wurde eine mehrere Quadratmeter große Wandfläche komplett mit der Whiteboardfarbe beschichtet. Ich staune nicht schlecht, wie gut die Fläche selbst in dieser Größe aussieht. Ansätze sind nicht zu erkennen und die Oberfläche glatt glänzend. Johannes Ruhe erläutert mir den Aufbau, der zu diesem nahezu perfekten Ergebnis führt: auf den vorbereiteten Untergrund wird ein Wandvlies aufgebracht. Wer die Wand gleichzeitig als „Pinnwand“ nutzen möchte, kann anstelle eines normalen Vlieses auch ein Magnetvlies einsetzen. Bei Streiflichteinfall sollte die Wand anschließend mit Latexplastik abgeport werden. Danach wird mit 2K-Aqua Epoxi-Primer 2373 grundiert. Nach einem Zwischenschliff erfolgen dann zwei Aufträge mit der Whiteboardfarbe.

Der richtige Stift ist Pflicht

Schön sieht die Wand also aus – aber bleibt das auch so, nachdem sie beschrieben wurde? „Wenn man den richtigen Stift benutzt, schon“, schmunzelt Michael Hilgert und drückt mir sogleich den für die Beschriftung empfohlenen Whiteboard-Marker in die Hand. „Für andere Stifte übernehmen wir keine Gewähr“, erklärt er weiter. „Wenn also jemand auf die Idee kommen sollte, einen Permanentmarker einzusetzen, dann hat er halt Pech.“ Meine Kritzeleien mit dem Whiteboard-Marker kann ich dagegen völlig problemlos mit einem Tuch wieder entfernen. Und falls die Farbe des Stifts mal sehr lange eingewirkt hat und sich nicht mehr mit dem trockenen Tuch abwischen lassen sollte, weiß Johannes Ruhe auch hier Abhilfe: „Dann hilft ein bisschen Wasser mit Spülmittel.“

Wasserlack zum Streicheln

Jetzt steht endlich das Highlight meines Besuchs an: ich darf den neuen „Streichellack“ testen. „Softeel“, wie Brillux das Produkt nennt, ist ein Überzugslack, der Flächen eine samtweiche Haptik und eine softmatte Optik verleihen soll. Nach der Idee zur Entwicklung des Lackes gefragt, antwortet Sebastian Frerick: „Wir tasten uns durchs Leben.“ Alltagsgegenstände, wie etwa Handys, wiesen heute eine bestimmte Haptik auf, die als hochwertig angesehen werde. Und eben diese edle Haptik wollte man auch auf Bautenlacke übertragen. Gelungen ist das durch ein ausgewogenes Berg-Tal-Gefüge und eine Hart-Weich-Segmentstruktur an der Lackoberfläche. Diese regen das Nervensystem im Millisekundentakt an und verleihen dem Gegenstand damit ein gutes Gefühl. Elastizität, Rauigkeit und Temperatur werden wahrgenommen und vermitteln eine hochwertige, samtweiche Haptik. Das erfahre ich von den Herren, und während meine Fingerkuppen über die Oberfläche tasten, kann ich das auch gleich bestätigen: ich habe das gute Gefühl und freue mich, dass Berühren hier endlich mal erwünscht ist, was bei vielen beschichteten Flächen ja leider nicht der Fall ist. Durch den transparenten Überzug und die Vernetzung des PU-Bindemittels mit dem Aktivator entsteht außerdem eine beständige, nicht aufpolierbare Oberfläche, lässt mich Sebastian Frerick wissen. Um den Lack auch für stark beanspruchte Flächen tauglich zu machen, habe man sich für einen zweikomponentigen Hydro-PU-Lack entschieden. Allerdings mit einer Besonderheit: Der Lack wird bei Bestellung bereits in der jeweiligen Brillux-Niederlassung mit dem Aktivator gemischt und besitzt dann eine Topfzeit von vier Wochen. Wann diese endet, zeigt eine Datumsangabe auf dem Dosendeckel. Verkompliziert das die Planung des Malers nicht, will ich wissen. „Nein,“ sagt Johannes Ruhe, „Brillux liefert das Produkt umgehend.“ Und Michael Hilgert fügt hinzu: „So ein Spezialprodukt wird auch eher objektbezogen geordert und steht daher selten auf Vorrat im Lager.“

Vielfältige Einsatzgebiete

Die Verarbeitung des Überzugslackes ist unspektakulär. Mit der Schaumstoffrolle lässt er sich wie ein normaler Klarlack verarbeiten. Ich bin mit dem Ergebnis meines Praxiseinsatzes sehr zufrieden, was wohl eher für das Produkt spricht, als für mich. Einsatzbereiche für den „Schmuselack“ gibt es ausreichend:
Türen und Zargen, Verkleidungen und Einbauschränke im Laden- und Messebau, im Hotelgewerbe oder im privaten Wohnbereich erhalten durch den Lack ein exklusives Erscheinungsbild. Lediglich für Küchenfronten kann Sebastian Frerick das Produkt nicht empfehlen. Denn Fette und Scheuermittel können selbst äußerst robusten Lacken zu schaffen machen.

Weitere Informationen:
bit.ly/2roi9Mb (Softfeel)

bit.ly/2Pp77zL (Whiteboard)

bit.ly/2E6ryj1
(2K-Aqua Seidenmattlack 2388)