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Halbes Jahrhundert Leitmesse

Wandbeläge
Halbes Jahrhundert Leitmesse

Die aktuellen Tapetenkollektionen verleihen Sehnsüchten Ausdruck – nach Natur und Exotik, nach Ruhe und Geborgenheit, nach fernen Welten und vergangenen Epochen, nach Glamour, Eleganz und Extravaganz. Mit den neuen Wandbekleidungen kann sich jeder seine individuelle heile Welt schaffen.

Autorin: Bärbel Bosch

Die 50. Ausgabe der Heimtextil lieferte Impulse für den Start der neuen Einrichtungssaison. Nachhaltigkeit avancierte dabei zum alles überstrahlenden Top-Thema. 63.000 Besucher informierten sich bei den 2.952 Austellern auf der weltweit führenden Fachmesse für Wohn- und Objekttextilien über die großen Themen der internationalen Branche. Der einmalig frühe Termin sorgte für einen Besucherrückgang. 2019 waren es noch 67.216 Besucher (inkl. Preview Day) und 3.012 Aussteller (Zählung FKM, Gesellschaft zur Freiwilligen Kontrolle von Messe- und Ausstellungszahlen, Berlin). „Die Branche steht momentan vor immensen Herausforderungen. Das bekamen einige Beteiligte auf der Heimtextil zu spüren. Neben des frühen Termins liegen die Gründe für den Dämpfer bei den Besucherzahlen vor allem bei der starken Konsolidierung der Fachgeschäfte beziehungsweise bei der Entwicklung vom stationären Handel in Richtung E-Commerce. Auch konjunkturell ist der Trend abgeschwächt“, erklärt Detlef Braun, Geschäftsführer der Messe Frankfurt. „Dazu passt, dass ganze 34 Prozent unserer Aussteller die aktuelle Branchenkonjunktur als schlecht bewerten, im Vergleich zu gerade mal 18 Prozent im Jahr zuvor.“

Abwärtstrend?

Besonders in der Tapetenhalle war der Ausstellerrückgang bemerkbar. Viele freie Flächen waren zu sehen. Zeigten auf der Branchenschau 2019 noch 155 Wandbekleidungsfirmen ihre Neuheiten, sind es in diesem Jahr nur noch 126. Es fehlt etwa A.S. Création, Deutschlands einziger börsennotierter Tapetenhersteller. Man wolle seine Kommunikation direkt zum Endverbraucher deutlich ausbauen, begründete das Unternehmen die Entscheidung.

Trotz Kaufkraft sinken die Umsätze der Tapetenbranche weiter. Nach einer Schätzung des Deutschen Tapeten-Instituts sanken die Erlöse 2019 auf rund 260 Millionen Euro. Ein Jahr zuvor waren es 271 Millionen und 2017 noch 290 Millionen Euro. Der Geschäftsführer des Deutschen Tapeten-Instituts, Karsten Brandt, führt die Lage der Branche auch auf das gesunkene Interesse vieler Verbraucher an Inneneinrichtung zurück. Niedrige Arbeitslosigkeit und hohe Einkommen führten dazu, dass die Menschen aus ihren Häusern „nach draußen schweifen“, sagte Karsten Brandt und weiter: Ginge es den Leuten wirtschaftlich schlechter, zöge es sie eher in die eigenen vier Wände. „Als wir Wirtschaftskrise hatten, hatten wir eine bessere Konjunktur“, sagte auch Ullrich Eitel, Geschäftsführer der Marburger Tapetenfabrik. Der Messestand auf der Heimtextil ist verziert mit in Tapete eingelassenen LED-Leuchten. Die leuchtende Wandbekleidung ist Eitel zufolge „ein Nischenprodukt, mit dem wir aber unsere Kompetenz und Innovation nach vorne bringen“. Auch im Ausland geht das Interesse an Tapete „Made in Germany“ zurück. Nach Angaben des Kölner Instituts für Handelsforschung (IFH) liegen die Exporte der Hersteller derzeit fünf bis sechs Prozent unter den Werten des Vorjahres. Bei der Marburger Tapetenfabrik macht das Auslandsgeschäft rund 60 Prozent des Umsatzes aus.

Der heimische Markt hat Brandt zufolge auch ein strukturelles Problem. Zwischen Baumärkten und hochwertigen Raumausstattern gebe es immer weniger Spezialgeschäfte für Tapeten. Der Trend bei Neubauwohnungen tue sein Übriges: „Große Glasflächen, kein Textil, keine Farbe, kein Muster.“ Wachstumschancen sieht das Deutsche Tapeten-Institut bei spezialisierten Anbietern für hochwertige Produkte oder beim digitalen Druck mit individuell gestaltbaren Tapeten. Auch neue Techniken, wie die Marburger Tapetenfabrik sie vorführe, seien ein guter Weg. Die Tapete als „Lifestyle-Produkt“ könne man gut über Instagram oder Dekorationsgeschäfte vertreiben, sagt Karsten Brandt. Um dem Tief entgegenzuwirken hat sich die Branche mit dem „Aktionsforum Tapete“ zusammengeschlossen. Zulieferer, Industrie, Handel und Handwerk wollen an einem Strang ziehen. 40 Branchenteilnehmer haben die Marketingkampagne „Deutschland tapeziert“ auf den Weg gebracht hat. Ziel ist es, Lust auf Tapete zu machen und über die Vorteile des trendigen Wandbelags zu informieren.

„Die Heimtextil ist Trendshow, Marktbarometer und Branchentreff – und dabei als Plattform durch nichts zu ersetzen. Wir begrüßen, dass sich die Messe in den letzten Jahren kontinuierlich weiterentwickelt hat und neue Angebote und Konzepte bietet. Der deutliche Rückgang bei den Fachbesucherzahlen und in der Tapetenhalle auch bei den Ausstellern sorgt allerdings für Diskussionen – wie kann die Messe wieder attraktiver werden? Wir hatten auf der Messe viele ermutigende Gespräche zu „Deutschland tapeziert“ und konnten auch neue Partner gewinnen. Nun liegt es auch an den Partnern, ihre Werbemöglichkeiten während der Tapetenwochen auszuschöpfen und gemeinsam der Tapete wieder die verdiente Aufmerksamkeit beim Verbraucher zu verleihen“, Ulrike Reich, Aktionsforum Tapete c/o Deutsches Tapeten-Institut GmbH, Marketing und PR.

Recht düster sieht Arma Radomski, Geschäftsführer Berlintapete, die Zukunft der traditionellen Tapetenverlage. „Die digitale Revolution hat längst die Tapetenindustrie erreicht, die Auswirkungen sind am Beispiel der Reduzierung der Tapetenhersteller zu sehen. Die Zeit der monolithischen Tapetenverlage ist vorbei, die Tapetenindustrie hat es nicht verstanden, den neuen digitalen Möglichkeiten der Individualisierung zu begegnen. Dass die Produktindividualisierung längst auch die Tapetenindustrie erreicht hat, kann ich als Geschäftsführer anhand von unzähligen Projekten dokumentieren. Es findet ein technologischer Paradigmenwechsel in der Tapetenbranche statt. Ob eine gemeinsame Kampagne der heutigen Marktgrößen den Verbraucher zum Tapezieren bringt, scheint mir eher zweifelhaft.“

Tapeten-Trends

Im Amazonas und Australien brennen die Wälder, unsere Meere ertrinken in Plastikmüll, die Prophezeiungen für unsere Zukunft sehen düster aus. Vielleicht laden gerade deswegen die aktuellen Wandbekleidungen zum Träumen ein. Auch in diesem Jahr gibt es unzählige Dschungelmotive zu sehen. Tiere wie Tiger, Tukane, Papageien sowie Affen begrüßen einen. Karpfen schwimmen riesig an der Wand entlang (A.S. Création, Erismann, Komar, Rasch). Desweitern glimmert, schimmert und glänzt es, oder zarte asiatische Motive verzaubern den Betrachter. So manche Kollektion erinnert mit Ihren Motiven, Mustern und Farben an vergangene prunkvolle Zeiten. Demgegenüber stehen Tapeten aus Naturmaterialien. „Die zunehmende Urbanisierung und Entwurzelung des Menschen bedarf einer zeitgerechten Antwort mit neuen, natürlichen Raumkonzepten: Organoide Naturoberflächen“, sagt dazu Christoph Egger, Gründer & Geschäftsführer von Organoid). Herauszuheben sind kunstvoll handgefertigte Tapeten wie die von Welter, Marburg (Horus), Grandeco und Omexco.

Mit „Where I belong“ gibt die Heimtextil das Motto für die neue Trendsaison 20/21 vor. Identität ist das allgegenwärtige Thema bei der diesjährigen Trendprognose und die Messe präsentiert hierzu verschiedene Trendwelten wie etwa „Maximum Glam“, welche Glamour mit der Faszination Technik verbindet, expressiv, exzentrisch, surreal und unterstrichen von einer grellen Farbpalette wie Blattgrün, Violett, Petrol, Neonpink. Die Muster sind von der Popkultur inspiriert. „Pure Spiritual“ vereint Natur und Mystik. Im Mittelpunkt stehen Materialien, die Spuren, organischen Strukturen und Unregelmäßigkeiten der Natur zeigen. Die Farbtöne dieses Trendthemas entstammen der Erde. „Heritage Lux“ zelebriert hingegen Geschichte und Tradition, Interesse für das Vergangene und Sehnsucht nach Magischem. Es ist die Liebe zu Luxus und Pracht, Dekoration und Verschönerung. Ihr Interesse an früheren Epochen führt zu einer Farbpalette aus sattem Blutrot, dunklem Rost, sinnlichem Saphir und schillerndem Perlmutt.

Das Leitthema der Messe lässt erkennen, dass es nicht das eine, passende Konzept für alle geben kann. Dies unterstreichen auch die Tapetentrends, die das Deutsche Tapeten-Institut sowie der Tapetenhersteller Erismann vorstellen

Willkommen im Dschungel: Farbenfrohe Kollektionen verwandeln unsere Räume in exotische Urwälder und lassen uns in eine andere Welt eintauchen. Papageien, tropische Blätter, kräftige Farben und ethnische Muster zieren die neuen, jungen Tapeten. Wer es nicht ganz so wild mag, findet filigrane, gleichmäßige Muster, zum Beispiel in warmen Rottönen. Mystisch stellt sich der Trend mit orientalisch anmutender Flora in leichten Pastellfarben oder noch reduzierter in Schwarz-Weiß-Optik dar. So holt man sich schnell und einfach indonesisches Inselleben, Amazonas-Stimmung oder Japan-Flair nach Hause.

Klassisch, modern, elegant: Tapeten mit konstruktiven, gegensätzlichen Formen oder in edlen Tönen wie Rosé oder Anthrazit mit ein wenig Gold wirken modern und elegant. Ein Hauch von Retro bringen große, dynamische Motive. In harmonischen, dunklen und metallischen Farbverläufen sorgen sie für Glamour in den eigenen vier Wänden.

Außergewöhnlich

Künstlerische Formen und Motive kommen heute nicht als Gemälde, sondern als Tapete an die Wand. Patinierte Strukturen mit effektvollen Matt- und Glanzflächen sowie optische und haptische Extravaganz sorgen für echte Wow-Erlebnisse. Tapetenunikate mit oxidierter Eisenoberfläche, Wandgemälde oder extravagante Raubtiermotive mit edlen Applikationen beindrucken.

Natürlich

Je kälter sich die Welt draußen zeigt, desto größer ist unser Bedürfnis nach Harmonie und einer verlässlichen Basis. Tapeten mit dezenten Mustern oder in zurückhaltenden Farben sind ein Muss für jeden, der sich zurückziehen und zu Hause ankommen will. Dabei lässt sich das Thema Harmonie ganz individuell interpretieren. Für den einen sind es klare, geografische Muster in dezenten Grautönen, die den puristischen Interieur-Stil unterstreichen. Für den anderen bringen filigrane Blumendekore in frischen Grüntönen die nötige Leichtigkeit und Unbeschwertheit in den Alltag. Denn je mehr wir uns von der Natur entfremden, desto größer ist das Verlangen, sie sich nach Hause zu holen. Es besteht der Wunsch nach Entschleunigung, mehr Natürlichkeit, Bewusstsein und Klarheit. In diesem neuen Lifestyle spielen Handarbeit und ehrliche Materialien eine wichtige Rolle.

Die neuen Designs verleihen unseren Sehnsüchten Ausdruck und lassen in ihrer Zusammensetzung viel Raum für Individualität und Kreativität: Natur, ferne Welten, vergangene Epochen – mit Tapeten erschaffen wir unsere eigene heile Welt. Erd-, Sand- und Naturtönen, bleiben angesagt, hinzu kommen spannende Blau-Grün-Kombinationen.

Rück- und Vorschau

„50 Ausgaben im Laufe von fünf Jahrzehnten sind im schnelllebigen, weltweiten Messewesen ein selten erlebtes Phänomen und bedeuten eine schiere Ewigkeit“, sagt Detlef Braun. „Wie kaum eine andere Messe steht die Heimtextil für Produktvielfalt, internationale Größe und unangefochtene Marktführerschaft im textilen Sektor. Als Design-Schau erfindet sie sich immer wieder neu, präsentiert heute wie damals den State of the Art in Sachen Wohntrends und macht die Einrichtungsthemen von morgen erlebbar.“

Adrian Smaza, Leiter Vertrieb und Marketing Deutschland, Österreich, Schweiz der nmc Deutschland GmbH hebt den Stellenwert der Messe hervor: „Seit 50 Jahren ist die Heimtextil die Trendmesse für dekorative Produkte und Heimtextilen. Gerne sind wir als Aussteller ein Teil dieser traditionsreichen Messe. Denn wir schätzen den persönlichen Kundenkontakt trotz digitalem Zeitalter. Für die Zukunft hoffen wir auf gute Ideen, um das Interesse der Besucher für die Heimtextil wieder zu steigern.“

Dietmar Böttger, Geschäftsleitung Vertrieb bei der PUFAS Werk KG bleibt der Heimtextil treu: „Für uns bietet die Heimtextil gleich zum Jahresbeginn die Möglichkeit, unser aktuelles Produktprogramm zu präsentieren und uns mit Kunden und Interessenten über neue Trends auszutauschen. Die Heimtextil ist seit Jahrzehnten ein fester Bestandteil unseres Messefahrplans und hat uns auch in ihrem 50-sten Jahr viele interessante Kontakte gebracht. Wir werden auch im kommenden Jahr gern wieder als Aussteller dabei sein.“

Der Geschäftsführer Marketing/Vertrieb Erismann, Dietmar Everding, sagt zur Branchenstimmung: „Die Heimtextil ist und bleibt das wichtigste Forum Ihrer Art. Aufgrund der positiven Umsatzentwicklung im In- und Ausland war es folgerichtig, dass wir in diesem Jahr ausgestellt haben. Alle wichtigen Kunden haben uns besucht und unsere neuen Kollektionen sind sehr gut beurteilt worden. Allerdings muss man die rückläufige Besucher- und Ausstelleranzahl neu bewerten. Wir werden unsere erneute Teilnahme im nächsten Jahr davon abhängig machen, welche deutschen Wettbewerber teilnehmen werden. Ich glaube nicht, dass die Lösung darin besteht, dass jeder Hersteller zukünftig seine eigene Veranstaltung plant. Das ist sicher nicht im Interesse unserer Kunden.“

Constance Wingender, Kommunikation, Marburger Tapetenfabrik, lobt die Messe für ihr Engagement: „Die Verantwortlichen der Heimtextil sind für die Aussteller da und haben für alle Anliegen ein offenes Ohr. Das haben wir mehrfach erlebt und es freut uns, dass auf individuelle Belange konstruktiv und herzlich eingegangen wird. Daneben bietet die Heimtextil gleich zu Jahresbeginn Orientierung für die ganze Branche und ist damit als Wegweiser nicht zu unterschätzen.“

Fazit

Insgesamt war zu spüren, dass die Branche vorsichtig optimistisch ins neue Jahr startet. Ein Unternehmen allerdings war mehr als positiv gestimmt, Tobias Lex, Junior Manager Marketing & Communications, Komar, spezialisiert auf Digitaldrucktapeten, erklärt: „Wir wachsen mit der Heimtextil mit, dies ist für uns eine sehr wichtige Messe.“ Tatsächlich konnten Besucher der Heimtextil über die Jahre beobachten, dass der Messestand von Komar immer größer wurde. Das nächste Ziel erläutert Roland Fiala, Key Account Manager: „Wir wollen näher an den Maler – der Maler ist ein wahnsinniger Multiplakator.“

Die nächste Heimtextil findet vom 12. bis 15. Januar 2021 statt.

Weitere Informationen:
www.malerblatt.de


Aram Radomski, Geschäftsführer BerlinTapete

Das Ende der traditionellen Tapetenverlage wird kommen.

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