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Rückenwind für die Dämmung?

Betriebsführung
Rückenwind für die Dämmung?

Was leistet der Gebäudesektor zum Erreichen der Energiespar- und Klimaschutzziele und wie kann die Wärmedämmung ihre wichtige Rolle in diesem Prozess behaupten? Diese Fragen haben wir am vituellen Roundtable mit Experten diskutiert. In Teil bringen ihre Meinung zum Ausdruck: Ingeborg Esser, Hauptgeschäftsführerin GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen e. V. und Christian Stolte, Bereichsleiter Energieeffiziente Gebäude, dena.

Schaffen wir es, die Konjunktur – nicht zuletzt den Bausektor mit der wichtigen Sparte Sanierungen – wieder in Schwung zu bringen? Und: Stimmt der Kurs auf dem Weg zu den Klimazielen für 2030 und 2050? Bislang nicht. Unsere Gebäude sind für fast 40 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs verantwortlich sowie für rund ein Drittel aller CO2-Emissionen. Und dennoch tut sich in Sachen Sanierung viel zu wenig: Statt bei 3 Prozent liegt die Sanierungsquote des deutschen Gebäudebestands bei weit unter einem Prozent. Wenn das so bleibt, sind die genannten Klimaziele definitiv nicht zu schaffen. Diskutiert haben wir dieses komplexe Thema mit Ingeborg Esser, Hauptgeschäftsführerin GdW, Jan Bauer, Präsident des Bundesverband Farbe, Gestaltung, Bautenschutz, mit Christian Stolte, Bereichsleiter Energieeffiziente Gebäude, dena und mit dem Energiebrater Markus Grenz, Energieberater. Jan Bauer und Markus Grenz kommen in Teil 2 in Malerblatt 11-2020 zu Wort.

Mit welcher konkreten Erwartung hat der Gesetzgeber die Förderung der energetischen Gebäudesanierung erhöht und ihre steuerliche Absetzbarkeit eingeführt?

Christian Stolte: Mit dem im letzten Jahr beschlossenen Klimapaket und dem Klimaschutzprogramm soll die Erreichung der Klimaschutzziele bis 2030 sichergestellt werden. Dies geht nur mit deutlich weniger Energieverbrauch und mehr Energieeffizienz. Dafür wurden im Gebäudebereich zahlreiche Maßnahmen auf den Weg gebracht, ein Schwerpunkt liegt hier auf der sehr attraktiven Erhöhung der Förderung sowie der Einführung der steuerlichen Absetzbarkeit von Sanierungen als neue Fördersäule. So soll der Anreiz erhöht werden, zu investieren. Gleichzeitig will man möglichst viele Gebäudebesitzer erreichen.

Wie sind die bisherigen Rückmeldungen aus dem Markt, wie stark werden diese Maßnahmen angenommen und nachgefragt?

Christian Stolte: Die ersten Rückmeldungen sind sehr positiv, trotz der aktuellen Krise sind die Förderzahlen 2020 bislang deutlich nach oben gegangen. Die Zahl der Energieberatungen sowie der geförderten Maßnahmen zur Verbesserung der Energieeffizienz durch Dämmung, neue Fenster sowie den Einsatz erneuerbarer Energien hat sich stark erhöht. Die Resonanz der Steuerförderung wird man erst ab 2021 bewerten können, denn dann werden die Aufwendungen ja erst abgesetzt.

Kann der Gebäudesektor so seine Klimaziele für 2030 und 2050 erreichen und falls nicht: Was kann die derzeit unzureichende Sanierungsquote heben?

Die beschlossenen Maßnahmen sind ein Schritt in die richtige Richtung, werden aber alleine noch nicht ausreichen, um die Ziele zu erreichen. Dies zeigen auch jetzt schon die Prognosen der Ministerien. Daher werden wir weitere Aktivitäten brauchen, die wir auch im Politischen Maßnahmenpaket der Allianz für Gebäude-Energie-Effizienz (geea) aufgeführt haben, zum Beispiel im Bereich der Beratung und Information mit dem Ausbau der individuellen Sanierungsfahrpläne oder bei der Förderung innovativer Geschäftsmodelle mit der Stärkung der seriellen Sanierung.

Das neue Gebäudeenergiegesetz (GEG) legt einen deutlichen Schwerpunkt auf erneuerbare (elektrische) Energien und die Versorgung von Quartieren. Kommt das Thema „Energieeffizienz in Gebäuden“, früher ein Markenzeichen der dena, dabei nicht zu kurz?

Christian Stolte: Die dena setzt sich auf allen Ebenen für mehr Energieeffizienz ein und alle seriösen Studien zeigen auch: ohne Energieeffizienz ist an Zielerreichung nicht zu denken. Dafür brauchen wir aber auch alle weiteren Optionen im Gebäudebereich: neben mehr Energieeffizienz eben auch mehr Erneuerbare und mehr synthetische, „grüne“ Brennstoffe – alles gut verzahnt im integrierten Energiesystem. Und gleichzeitig müssen wir die Themen Wirtschaftlichkeit und Bezahlbarkeit im Blick behalten und neue Ansätze auf Quartiersebene entwickeln. Allerdings darf dies nicht auf Kosten der Energieeffizienz gehen. Das GEG setzt mit seinen Haupt- und Nebenanforderungen sowie den Nachrüstverpflichtungen auch weiterhin auf den kombinierten Ansatz aus Verbesserungen an der Gebäudehülle und den Einsatz effizienter und erneuerbarer Energietechnik.

Warum hat das Thema Dämmen in der Politik Ihrer Meinung nach einen so schweren Stand?

Christian Stolte: Politisch sehe ich durchaus das Bewusstsein, dass Effizienz und insbesondere die Dämmung energie- und klimapolitisch absolut notwendig zur Zielerreichung sind. Ich stelle aber gleichzeitig in den Diskussionen häufig fest, dass wir zu wenig über die Chancen der Dämmung sprechen, die bessere Behaglichkeit, den Schutz des Gebäudes, eine neue Optik, weniger Verbrauch. Wir sollten dies noch stärker in den Fokus unserer Kommunikation rücken und sachliche Information an die Politik und die Gebäudeeigentümer geben.

Wie sehen Sie die künftige Rolle des Sanierungshandwerks bei den Themen Klimaschutz, Energie und Wohnen?

Christian Stolte: Das Fachhandwerk wird weiterhin eine zentrale Rolle in der Sanierung spielen, angefangen bei der ersten Beratung und Information der Gebäudebesitzer bis hin zur Umsetzung. Ganz zentral wird das Thema der Qualitätssicherung sein und auch hier spielt das Fachhandwerk eine entscheidende Rolle. Wichtig wird auch sein, dass auch zukünftig ausreichend Fachkräfte zur Verfügung stehen, denn wir wollen ja noch mehr sanieren, um die notwendigen Klimaziele zu erreichen.

Ihr Verband bzw. Ihre Mitgliedsunternehmen stehen für rund sechs Millionen Wohnungen in Deutschland, das ist ein großer Teil des gesamten Wohnimmobilienbestands (42 Mio.) in unserem Land. Welchen Stellenwert hat dabei die energetische Sanierung in Relation zu Rück- und Neubau?

Ingeborg Esser: Seit 1990 wurden über 40 % der Wohnungen der Wohnungsunternehmen energetisch vollständig modernisiert und weitere 31 % energetisch teilmodernisiert. Etwa 10 % der bewirtschafteten Wohnungen wurden seit 1994 neu gebaut. Nach einem Minimum zwischen 2005 und 2012 steigen seitdem die Neubauzahlen wieder an.

Den Stellenwert von energetischer Modernisierung und Neubau kann man aber nicht in eine Reihenfolge bringen – beides ist unverzichtbar. Unverzichtbar ist außerdem die Modernisierung der Bestände in weiteren Bereichen: Einbau von Aufzügen, Verminderung von Barrieren in den Wohnungen, im Hauseingangsbereich und im Wohnumfeld, Modernisierung von Elektro- und Telekommunikationstechnik sowie von Küchen und Bädern, Anbau von Balkonen, Sicherheit durch Gegensprechanlagen und automatische Türöffner, Vorbereitung für E-Mobilität.

Die neue steuerliche Absetzbarkeit energetischer Sanierung gilt erst mal nur für Privatbesitzer von Gebäuden, nicht für die kommerzielle Wohnungswirtschaft. Mindert das Ihre Motivation für künftige Sanierungen?

Ingeborg Esser: Wohnungsunternehmen sind Bestandshalter und an einer langfristigen erfolgreichen Bewirtschaftung ihrer Bestände interessiert. Auch die Motivation für eine energetische Modernisierung liegt daher erst einmal in der Pflege und Bewirtschaftung der Bestände, nicht in den vorhandenen Fördermitteln. Bei einer energetischen Modernisierung kommen aber mehrere Punkte zusammen: hohe Investitionskosten, im Vergleich dazu geringe Energiekosteneinsparung und eine begrenzte Mietzahlungsfähigkeit der Haushalte mit kleinen und mittleren Einkommen. Deshalb entscheidet die Art der Förderung über den Umfang und die Tiefe einer Modernisierung. Zielführend wären direkte Zuschüsse oder eine Investitionszulage.

Die Klimaziele 2030 sind im Gebäudebereich kaum noch zu erreichen, auch für 2050 stimmt der Kurs angesichts unzureichender Sanierungsquote noch bei weitem nicht. Wie wollen die GdW-Mitglieder ihren großen Immobilienbestand in den nächsten 30 Jahren klimaneutral bekommen?

Ingeborg Esser: Mit den derzeitigen Rahmenbedingungen wird das tatsächlich nicht gehen. Nach wie vor fokussieren große Teile der Politik in Bund, Ländern und Kommunen auf höchste Effizienzstandards. Beispielsweise wird in München und Hamburg versucht, das Effizienzhaus 40 zum Standard zu machen. Wir verstehen zwar die zu Grunde liegenden Gedanken, sehen aber auch, dass wir so das Problem nicht lösen. Wir erzielen mit exponentiell steigenden Grenzkosten nur einen gering höheren Grenznutzen. Deshalb schlagen wir einen Systemwechsel vor: der Effizienzstandard für Neubau und Bestandsförderung sollte sich daran orientieren, dass ein Gebäude mit einem Niedertemperatursystem versorgt werden kann, sozusagen 2050ready, denn dann ist das Gebäude vorbereitet auf eine effiziente Versorgung mit erneuerbaren Energien. Wir müssen weiter so viel PV wie möglich auf die Gebäude und in die Quartiere bringen. Damit das gelingt, muss die Stromerzeugung aus lokalen erneuerbaren Anlagen eine Nebenleistung zur Vermietung werden. Und schließlich müssen alle Hebel in Bewegung gesetzt werden, um Gebäudeautomation und die Nutzung erneuerbarer Energien voranzutreiben, und Anlagen kostengünstiger und mit längerer Nutzungszeit herzustellen.

Wenn sich Ihre Unternehmen für die energetische Sanierung eines Wohngebäudes entscheiden, nach welchen Kriterien entscheiden sie die entsprechenden Maßnahmen (also nach Anlagentechnik, Steuerungstechnik, Dach- Fenster- oder Fassadensanierung)?

Ingeborg Esser: Die erste Frage ist: wieviel kann ich in das Gebäude investieren, ohne die Mieter zu überfordern? Und dann muss man schauen, welche Maßnahmen innerhalb des finanziellen Rahmens den besten Erfolg bringen. Grundsätzlich gehört neben der Wärmeerzeugung und der Steuerungstechnik auch die Prüfung einer Verbesserung der Wärmedämmung der Gebäudehülle dazu. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Dächer und oberste Geschossdecken wegen der Nachrüstpflichten aus der EnEV oft schon nachträglich gedämmt wurden und dass die PVC-Fenster der letzten 25 Jahre praktisch nicht kaputtzukriegen sind, ein Austausch wirtschaftlich daher oft nicht sinnvoll ist. Außerdem ist der Fassadenputz meist gut instandgehalten und nicht erneuerungsbedürftig. Das kann, besonders in der Kombination, eine nachträgliche Fassadendämmung erschweren. Verschiedene Modernisierungsvarianten werden dann über vollständige Finanzpläne miteinander und mit der Variante „reine Instandsetzung“ verglichen.

Was spricht aus Ihrer Sicht für eine Fassadendämmung mit WDVS und was steht dem entgegen?

Ingeborg Esser: Wir würden Fassadendämmung nicht auf das Wärmedämmverbundsystem reduzieren. Gerade in den Hochhäusern oder in bestimmten Regionen sind es auch Vorhangfassade oder Kerndämmung, die eingesetzt werden.

Die Entscheidung für eine nachträgliche Wärmedämmung ist komplex. Es muss beachtet werden, ob es sich um ein Baudenkmal oder ein Gebäude mit besonders zu erhaltender Bausubstanz handelt und welche Lösungen mit der lokalen Denkmalschutzbehörde machbar sind. Weiter ist das Zusammenspiel mit Fenstern, Fensterlaibungen und Dachüberstand zu beachten. Es muss geprüft werden, inwieweit kostenaufwändige Lösungen zu erwarten sind, z.B. viele Vor- und Rücksprünge, erhöhte Brandschutzanforderungen oder die Notwendigkeit die Balkone abzutrennen und neu ohne Wärmebrücken vor die Fassade zu stellen. „Schuhschachteln“ mit wenigen Geschossen sind hier klar im Vorteil. Nicht zuletzt spielt auch der Energieverbrauch eine Rolle und die Möglichkeit, die Wärmedämmung der Fassade in einer Gesamtmaßnahme ein wenig „gegenzufinanzieren“. Bei einem hohen gemessenen Verbrauch ist die Entscheidung für eine Wärmedämmung der Gebäudehülle einfacher, als bei einem geringen Verbrauch.

Was ist Ihre persönliche Prognose: Schaffen wir die Klimaziele, wenn ja wann, (oder werden die ambitionierten Ziele von der Politik irgendwann wieder kassiert)?

Ingeborg Esser:„Kassiert“ werden die Ziele sicher nicht. Es wurden völkerrechtliche Verträge geschlossen und der Klimawandel ist von Jahr zu Jahr sichtbarer. Mit dem derzeitigen „weiter so“ werden wir es aber definitiv nicht schaffen, das können weder Wohnungsunternehmen noch Mieter bezahlen, das will die Politik nicht bezahlen, und das ist durch die vorhandenen Ressourcen nicht abgedeckt. Wir können viel Geld ins System geben – 15 bis 36 Mrd. p.a. für die Wohngebäude, davon 6 bis 14 Mrd. für die vermieteten Wohnungen. Dann hängt es an den personellen Ressourcen für Planung und Ausführung. Wir können versuchen, die Ziele mit Ordnungsrecht zu schaffen. Ordnungsrecht kann aber mangelnde Wirtschaftlichkeit nicht beseitigen. Mehr Ordnungsrecht wird die Sanierungsrate nicht erhöhen. Unwirtschaftliche Maßnahmen kann man nicht verordnen!

Deshalb sollten die Rahmenbedingungen angepasst bzw. mit dem oben vorgeschlagenen Systemwechsel in die Wege geleitet werden. Mit dem Gebäudeenergiegesetz sind ja zarte Pflänzchen erkennbar für CO2 als Steuerungsindikator und Quartierslösungen. Dazu muss eine einfach umsetzbare Erzeugung und Nutzung lokaler regenerativer Energien kommen, die die echte Sektorenkopplung vorantreibt, für Mieterstrom, E-Mobilität und (wo sinnvoll) eine strombasierte Wärme und Warmwasserbereitung.

Weitere Informationen:
www.malerblatt.de

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