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Baustil: Klassizismus

Baugeschichte
Baustil: Klassizismus

Die Üppigkeit des Barocks hat ausgedient. Mit zurückhaltender Farbigkeit und gradliniger Klarheit hält der neue Baustil Klassizismus Einzug.

Die künstlerische Strömung, welche sich vor allem im Bereich der Architektur von 1780 bis 1850 in Europa und Nordamerika breit macht, bezeichnen wir heute als Klassizismus. Sie lehnt sich sehr entschieden an die klassische griechisch-römische Kunst an. Die Tendenz zur Klarheit und zur rationalen Grundhaltung macht sich bereits um 1760 in England infolge neuer industrieller Entwicklung, Energien und Baumaterialien breit. Der deutsche Gelehrte Winckelmann schreibt seine „Geschichte der Kunst des Altertums“, worin er die „edle Entfaltung und stille Größe“ des antiken Griechenland den „Verirrungen des Formensinns“ des Barock gegenüberstellt.
Schlösser und Kirchen sind nicht mehr, wie im Barock, die wichtigsten Bauaufgaben, vielmehr entstehen überall Museen, Bibliotheken, Pinakotheken, Theater und Galerien. Die Aufklärung leitet mit den Schlagwörtern „zurück zur Natur“ und „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ einen neuen Abschnitt der Zeitgeschichte ein.


Architektur

Die klassizistische Architektur lässt im Grundriss nur noch die Gerade, den rechten Winkel und bei Zentralbauten die Kreislinie gelten. Diese geometrische Ordnung führt im Aufriss zu glatten, großzügigen Flächen. Säulenordnungen sind rein konstruktiv bedingt, sie tragen tatsächlich Gebälk und dienen nicht nur zur Wandgliederung.
Ein besonderes Merkmal klassizistischer Architektur ist der griechische Portikus. Das Dekor setzt sich zusammen aus Girlanden, Urnen und Rosetten. Die Friese sind griechisch-klassisch ausgeführt, mit Perl- und Eierstab, Palmetten und Mäander. Wie die öffentlichen Repräsentationsbauten sind die Villen und bürgerlichen Wohnhäuser des Klassizismus von einer klaren, aber weniger monumentalen, bescheidenen Einfachheit.
Der Baumeister legt großen Wert auf die harmonische Proportion des Baukörpers und der Baukörper erhält durch regelmäßige Fensterreihung ein vornehm nobles Aussehen.


Farbigkeit

Das ausklingende Rokoko hatte bereits kräftige Farbkombinationen zugunsten blasser, zurückhaltender Farbwirkung vermieden. Im Klassizismus erfährt diese Entwicklung nun eine stärkere Ausprägung. Äußerung von Architekten lassen erkennen, dass eine „materialfremde Bearbeitung des Baumaterials als Beeinträchtigung des Bauwerks“ gesehen wird. Aus Bauvorschriften der Zeit von 1760 bis 1800 geht hervor, dass für das Stadtbild in der Regel ein heller Gebäudeanstrich, der sich zur besseren Lichtwirkung vom Sockel zum Gesims hin aufhellt, gefordert wird. Park- oder Gartenhäuser dürfen einen farbigeren Anstrich erhalten. Vereinzelt setzten Farbkombinationen wie Grau mit Rosa, Gelb oder Grün, Akzente in das einfarbige Stadtbild. Notizen aus der Zeitschrift „Der bürgerliche Baumeister“, Gotha 1790, legen zwölf Steinfarbtöne in 35 Kombinationen fest. Gliederungen sollen heller getönt werden als der Wandgrund, helle, blasse Farben sollen sanft auf das Auge wirken. Marmorierungen werden ganz abgelehnt, Statuen und Dekorationen erhalten einen weißen oder hellgrauen Anstrich.
Die Farbigkeit klassizistischer Architektur wird ab 1800 mehr und mehr bestimmt durch konsequentes zurschaustellen des Baumaterials, vor allem von hellfarbigem Naturstein und unverputztem Backstein. In die 20er-Jahre fällt der Polychromiestreit über die Farbigkeit antiker Architektur. Infolge von Beobachtungen an Ausgrabungen antiker Bauten auf Sizilien kommt es zu Streitereien über das Erscheinungsbild antiker Bauwerke. Auf der einen Seite steht die Gruppe derer, welche die Polychromie, d. h. die Vielfarbigkeit der antiken Tempel von Sizilien und Athen vertreten, auf der anderen Seite steht die Gruppe des sogenannten Materialstils. Dieser Materialstil setzt sich dann auch in der Verwendung von Natursteinen als Bruchstein- und Quadermauerwerk durch. Im Innenraum hingegen zeigt sich eine Farbenpracht, wie es sie in der Antike tatsächlich gegeben hat.


Natürlichkeit

K. F. Schinkel verwendet bei seinen Bauten anfangs noch Backstein oder Naturstein. Dieser ist, wie bei der Neuen Wache in Berlin, gleichmäßig mit einer lichten Ölfarbe zu überstreichen, damit die unregelmäßig gebrannten Steine ein einheitliches Aussehen bekommen. Später verwirft er den Anstrich jedoch ganz und arbeitet nur noch mit naturbelassenen Steinen.
Die natürliche rote Backsteinfarbe gilt als Farbgebung für die Architektur, horizontale Gliederungen durch dunkel glasierte Steine dienen der farblichen Auflockerung. Diese Verwendung unterschiedlicher Backsteinfarben regt auch andere klassizistische Architekten in ihrer Arbeit an.
Das Verputzen von Häusern wird von Schinkel abgelehnt, weil „der Putz von Kalk die schlechteste Arbeit sowie die beste Arbeit bedeckt und schon deshalb zur Vernachlässigung Gelegenheit gibt“. Schinkel lässt lediglich eine konservierende Öltränke von Backstein und Sandstein zu, außerdem gestattet er noch Backsteinimitationen in durchgefärbtem Zementmörtel, um keine Unregelmäßigkeit in der Farbigkeit der Gesamtfassade zu erhalten.
Neben diesen Natürlichkeitsbestrebungen ist auch noch der Putzbau mit Farbanstrich zu finden, dies sicherlich auch aus Kostengründen, weil eine exakte Natursteinverarbeitung einfach sehr teuer war.
In der Regel erhalten die Gebäude helle, steinfarbene Farbtöne, wobei eine Graubeimischung zur Dämpfung der Farbintensität immer eine beachtliche Rolle spielt, z.B. Grünlich-, Gelblich- oder Rötlichgrau. Gesundheitspolizeilich verboten werden Weißanstriche von Häusern wegen der Augenschädigung durch Blendung.
Zum Ausklang der Epoche des Klassizismus ist deutlich ein Rückgang in der Fassadenfarbigkeit zugunsten steingrauer Farben zu spüren.

Prof. Matthias Gröne, Hochschule Esslingen
Quelle: Malerblatt 05/2010
 


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