Gestaltungswettbewerb

Kreativ mit Lehm

Erstmals veranstaltete der Lehmspezialist Claytec einen Gestaltungswettbewerb, bei dem innovative Oberflächentechniken aus Lehm gefragt waren. Die Resonanz war sehr gut, die Ergebnisse erstklassig.

Autorin I Fotos: Susanne Sachsenmaier-Wahl

Lehmputze und -farben gelten als besonders umwelt- und gesundheitsverträglich. Von ihren optischen oder gar gestalterischen Eigenschaften wird dagegen nur selten gesprochen. Welches enorme gestalterische Potenzial Lehmbaustoffe bieten, das offenbarte ein Gestaltungswettbewerb, der im April in der Alten Ziegelei in Viersen, einer Produktionsstätte des Lehmspezialisten Claytec, stattfand.

Die Idee für einen Gestaltungswettbewerb hatte Hartwig Ballis, Architekt und bei Claytec Ansprechpartner für Planer, schon vor gut einem Jahr. Ausgeschrieben wurde er schließlich Anfang des Jahres. In der Zwischenzeit mussten Claytec-Inhaber Peter Breidenbach, Ulrich Röhlen, der „technische Kopf“ von Claytec, Hartwig Ballis und Claytec-Anwendungstechnikerin Iris Hartmann Veranstaltungsort und -termin sowie die Richtlinien für den Wettbewerb festgelegen und eine Jury zusammenstellen.

Zwei Tage mitten im Geschehen

Ich hatte das große Glück, als Vertreterin der Malerzunft bzw. der Malerfachpresse in die Jury berufen zu werden und damit dem Event live beiwohnen zu dürfen. Eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Als Malermeisterin genoss ich es nicht nur, einmal wieder intensiv „Baustellenluft“ zu schnuppern und den äußerst kollegialen Umgang der Teilnehmer untereinander zu beobachten, sondern war vor allem vom Ideenreichtum und den handwerklichen Fertigkeiten der Wettbewerbsfinalisten angetan. Und zu guter Letzt war ich einmal mehr vom Baumaterial Lehm tief beeindruckt: Wer heute noch denkt, dass Lehmputze und -farben nur etwas für überzeugte Öko-
freaks sind und für Brauntöne und Rustikalität stehen, der irrt gewaltig! Die Wettbewerbsarbeiten bewiesen eindrücklich, dass Oberflächen aus Lehmwerkstoffen auch in modernen Gebäuden einen angemessenen Platz finden und diese nicht nur aufgrund ihrer Inhaltsstoffe aufwerten können.

Zehn Teilnehmer im Finale

Häufig laufen die Premieren von Wettbewerben eher schleppend an. Trotz relativ überschaubarer Vorlaufzeit gingen bei Claytec bis zum Einsendeschluss Ende März Bewerbungen von 25 Teilnehmern ein, die sich teilweise gleich mit mehreren Oberflächentechniken beworben hatten. Ein erstes Indiz dafür, dass Lehmprodukte ein hohes Gestaltungspotenzial innehaben müssen. Im ersten Schritt wählte die Jury daraus die 10 besten Arbeiten aus, die dann im Finale auf großen Flächen umgesetzt wurden.

Die 10 Finalisten präsentierten der Jury am ersten Wettbewerbstag ihre eingereichten Arbeiten, erläuterten deren Herstellung und nannten geeignete Einsatzgebiete. Außerdem sollten die Teilnehmer die für die Erstellung ihrer Techniken benötigte Arbeitszeit abschätzen. Denn neben der Ästhetik und der Innovation der Oberflächengestaltung war ein weiteres Bewertungskriterium deren Umsetzbarkeit bzw. ein überschaubarer Aufwand. Peter Breidenbach betonte immer wieder, dass das Ziel des Wettbewerbs sei, umsetzbare und gleichzeitig bezahlbare Gestaltungstechniken mit Lehmprodukten zu entwickeln. Da die Jury während der gesamten Umsetzung anwesend war, konnte dieses Kriterium sehr gut beurteilt werden. Um einer Baustellensituation so nahe wie möglich zu kommen, wurden für den Wettbewerb nicht etwa Platten oder Stellwände bearbeitet. Statt dessen trugen die Teilnehmer die Oberflächentechniken direkt auf die Wände des ehemaligen Zieglerhauses auf, das derzeit zum Schulungszentrum von Claytec umgebaut wird. So befanden sich in den Flächen auch Steckdosen, Lichtschalter, Sicherungskästen oder Fensterleibungen. Da die meisten der Teilnehmer aber exzellente Handwerker sind, stellte das kein Problem dar.

Glanz, Struktur und Knitter-Look

Das Gestaltungsspektrum der Wettbewerbsarbeiten war extrem vielfältig. Florian Epple aus Waging am See präsentierte eine geglättete Lehmfeinputzfläche, auf die er in unterschiedlich breiten Streifen eine farblich leicht abweichende Lehmfarbe applizierte, Diese verpresste er anschließend, bis ein leichter Glanz entstand. Die Technik des selbständigen Malermeisters bestach durch ihr interessantes Spiel aus matten und glänzenden Flächen.

Mit schwerem Gerät – einer Putzspritzmaschine – rückte Thomas Glück seiner zugeteilten Wandfläche zu Leibe. Der Stuckateurmeister aus dem Schwarzwald, der sich in den letzten Jahren auf Lehm- und Kalkputze spezialisiert hat, zeigte eine grob strukturierte, partiell abgeglättete Oberfläche aus dickschichtig aufgetragenem Lehm-Strohputz mit archaischer Anmutung.

Der Niederländer Peter van Hemert hatte sich mit einer Variante des Besenzugs für das Wettbewerbsfinale qualifiziert. Er zog zwei Schichten Lehmfeinputz auf, die er zunächst glättete, ehe er sie mit einer Musterwalze linienförmig durchstrukturierte. Nach dem Antrocknen durchkämmte er die Fläche noch einmal mit einer Bürste. Auf diese Weise entstand eine sehr feine Struktur aus übereinander gelagerten horizontalen Linien. Je nach Wandausschnitt traten einmal die Spuren der Strukturwalze, dann wieder die der Bürste stärker in den Vordergrund, wodurch sich eine völlig neue Interpretation des klassischen Besenzugs ergab.

Michaela Huber aus dem bayerischen Fridolfing überraschte die Jury mit einer sehr dezenten Wandgestaltung. Sie drückte in eine noch nasse, geglättete, weiße Lehmfeinputzfläche zerknülltes Zeitungspapier mithilfe einer Moosgummirolle ein. Dieses hinterließ beim Abziehen filigrane richtungslose Spuren, die sich erst im Streiflicht abzeichneten. Die Technik der angehenden Malermeisterin ist nicht nur ohne großen Material- und Werkzeugaufwand ausführbar, sondern eignet sich auch sehr gut für die großflächige Anwendung – nicht zuletzt auch in modernen Gebäuden.

Streifen, Besenstrich und Ornamentik

Dass „Zerstörung“ durchaus optisch attraktiv sein kann, bewies der österreichische Baumeister Roland Klima. Er hatte zunächst eine Lehmfeinputzfläche gleichmäßig abgefilzt. Nachdem die Fläche angezogen war, riss der Österreicher die makellose Fläche mit der Spachtelkante partiell in horizontaler Richtung wieder auf, wodurch die Fläche zweierlei Rauigkeiten und dadurch eine natürliche Lebendigkeit erhielt. Klima bewies seine hohe handwerkliche Fertigkeit nicht nur dadurch, dass er den exakten Zeitpunkt für das Anrauen traf. Er stellte seine Professionalität auch dadurch unter Beweis, dass er dies leichthändig mit zwei Spachteln gleichzeitig schaffte.

Anna-Lisa Radlmaier aus Rosenheim studiert Innenarchitektur und hat für ihre Masterarbeit eine Oberflächengestaltung mit weißer Lehmfarbe entworfen. Auf einen mit dem Zahnspachtel strukturierten Unterputz trug sie Lehmfarbe auf, sodass die Rillen gefüllt wurden. Nach der Trocknung wurde die Fläche plan geschliffen, wodurch sich eine feine, stofflich anmutende Oberfläche aus matten, etwas raueren (Unterputz) und leicht glänzenden Linien (Lehmfarbe) ergab.

Fachfremd, zumindest was das handwerkliche Arbeiten anging, war auch der Berliner Designer Jens Schmidt. Sein selbst kreierter Lehmputz, dem er schwarze Zeichentusche und Messingfasern untermischte, wurde dennoch zu einem Eyecatcher. Dass dieser schließlich auch noch fachgerecht an die Wand kam, verdankte Schmidt nicht zuletzt dem routinierten Handwerker Peter van Hemert, der ihm kurzerhand einen Einführungskurs im Aufziehen von Putz gab.

Beeindruckend war die Wettbewerbsarbeit von Alexander Tschofen aus dem österreichischen Dafins. Der selbständige Maler bettete eine Vliestapete mit Strukturschaumornament in eine anthrazitfarbene Lehmfeinputzfläche ein. Nach dem Ansteifen des Putzes zog er diese wieder vorsichtig ab, wodurch eine geprägt anmutende Musterfläche entstand. Leichte Putzabrisse, die sich beim Abziehen der Tapete ergaben, sorgten dabei für den angesagten „Vintage-Look“,

Stephan Wahl aus Bad Berleburg erstellte in Viersen eine Wandfläche, die, wie er selbst sagte, eigentlich aus einem Verarbeitungsfehler entstanden war. Üblicherweise muss ein Putz für eine homogene Fläche immer dieselbe Konsistenz aufweisen. Wahl hatte ganz bewusst vorschriftsgemäß angerührten Lehmfeinputz mit einem, dem zuviel Wasser beigemischt wurde, auf einer Fläche kombiniert. Abwechselnd spachtelte er die beiden Materialien in diagonalen Streifen auf die Wand auf und glättete sie anschließend ab. Der Effekt erinnert, nicht zuletzt auch aufgrund des gewählten Grautons, an Beton.

Dass sich selbst schnöde Verpackungsmaterialien, wie etwa Luftpolsterfolie, zum Gestalten einer Wandfläche einsetzen lassen, zeigte die Wettbewerbsarbeit von Thomas Zimmermann aus dem baden-württembergischen Baiersbronn. Der Maler benutzte die Folie quasi als Stempel und strukturierte damit eine zweifarbige Lehmputzfläche.

Keine leichte Entscheidung

Aus diesem Potpourri hochwertiger Wandgestaltungen einen Sieger zu küren, fiel der Jury nicht leicht. Alle Arbeiten hätten einen Preis verdient gehabt, darüber waren sich die Juroren einig. Schließlich entschied man sich für die archaisch anmutende Wandgestaltung von Thomas Glück und vergab zwei gleichwertige zweite Plätze an Michaela Huber für ihre dezente „Knittertechnik“ und Florian Epple für das matt/glänzende Streifendesign. Einen Sonderpreis erhielt darüber hinaus der Designer Jens Schmidt für die außergewöhnliche Lehmputzvariation mit Messingfasern.

Doch auch für die anderen Teilnehmer dürfte der Wettbewerb nicht umsonst gewesen sein. Es wurden viele Ideen ausgetauscht, Know-how weitergegeben und neue Kontakte geknüpft. Eine rundum gelungene Veranstaltung für alle Beteiligten, der hoffentlich noch weitere dieser Art folgen.

Wer nun Lust an dem kreativen Umgang mit Lehmprodukten bekommen hat, darf sich auf die nächsten Malerblatt-Ausgaben freuen: Einige der Wettbewerbsarbeiten werden wir noch einmal im Detail vorstellen.

Weitere Fotos vom Wettbewerb:
www.malerblatt.de


PraxisPlus

Die Jury

  • Irmela Fromme, Lehmkunsthandwerkerin
  • Thomas Haider, Stuckateur-Innungsmeister
  • Achim Pilz, Fachjournalist
  • Wolfgang Raith, Diplom-Farbdesigner
  • Anja Schäfer, Architektin (Kreateam)
  • Hartwig Ballis, Innenarchitekt Claytec
  • Ulrich Röhlen, Architekt Claytec
  • Peter Breidenbach, Inhaber Claytec
  • Susanne Sachsenmaier-Wahl, Malermeisterin und Malerblatt-Redakteurin