Emissionsarm, lösemittel- und weichmacherfrei

Konservierungsmittelfreie Farben

Für viele Kunden steht der Gesundheitsaspekt bei der Innenfarben-Auswahl ganz oben auf der Kriterienliste. Dieser Anforderung kommen seit Jahren emissionsarme, lösemittel- und weichmacherfreie Produkte nach. Seit einiger Zeit drängen verstärkt konservierungsmittelfreie Farben auf den Markt. Was ist der Grund dafür und wann bzw. für wen macht deren Einsatz Sinn ?

Autorin: Susanne Sachsenmaier-Wahl

Konservierungsmittelhaltige Farben sind immer wieder in die Kritik geraten. Sind konservierungsmittelhaltige Farben grundsätzlich gefährlich? Oder stellen sie „nur“ für Allergiker ein Risiko dar? Gibt es Alternativen zu konservierungsmittelfreien Farben?Wie liegen diese Farben preislich? Das Malerblatt hat sich in der Farbenbranche umgesehen bzw. umgehört.

Für Beunruhigung sorgt das Biozid Isothiazolinon in Dispersionsfarben. Konservierungsmittel wie z. B. Isothiazolinone schützen wasserbasierte Farben und Lacke vor mikrobiellem Befall und damit vor dem Verderben. „Ohne Konservierungsmittel würde rund ein Drittel der Farben in kurzer Zeit im Eimer verderben, noch bevor sie den Verbraucher erreichen. Für die meisten wasserbasierten Farben ist daher die Konservierung die einzige sinnvolle Art, sie vor mikrobiellem Befall zu schützen.“ So ist auf der Homepage des Verbands der deutschen Lack- und Druckfarbenindustrie e.V. (VdL) zu lesen.

Eines vorweg: Isothiazolinone sind bei der Farbenherstellung nach wie vor zulässig, selbst Farben, die das Umweltzeichen Blauer Engel tragen, können unter Umständen noch Isothiazolinone beinhalten, etwa wenn diese (seiden) glänzend oder farbig pigmentiert sind. Isothiazolinone sind aber nicht nur in Farben und Lacken enthalten, sondern auch in Reinigungsmitteln und – ja Sie lesen richtig! – in einer Vielzahl von Kosmetika, beispielsweise in Seifen oder Shampoos. Dass die meisten Verbraucher mit diesen Produkten viel häufiger in Kontakt kommen als mit Wandfarben, sei nur am Rande erwähnt. Auf der Homepage des VdL ist gar zu lesen: „In Deutschland ist kein einziger Fall bekannt, in dem ein Verbraucher eine Sensibilisierung durch Farben oder Lacke entwickelt hat.“

Nichtsdestotrotz reagieren Menschen, die einmal eine Allergie auf Isothiazolinone entwickelt haben, bereits auf kleinste Mengen. Für diese Kundengruppe stellen eben auch die Konservierungsmittel in Farben ein Problem dar.

Doch lieber ohne?

Auch Allergiker müssen nicht auf einen Anstrich verzichten. Schon seit einigen Jahren werden konservierungsmittelfreie Wandfarben angeboten. Wolfgang Hoffmann, Markenbotschafter bei Caparol: „Das Thema konservierungsmittelfreie Innenfarben beschäftigt uns schon lange. Bereits 2001 wurde mit Caparol Sensitiv die weltweit erste emissionsminimierte und lösemittel- sowie konservierungsmittelfreie Innenwandfarbe in den Markt eingeführt.“ Welche Anforderungen muss eine Wandfarbe erfüllen, um als „konservierungsmittelfrei zu gelten? Hoffmann: „Als konservierungsmittelfrei gilt eine Farbe nur dann, wenn diese weniger als 2ppm Konservierungsmittel enthält. “ Rainer Troppmair, Leiter Entwicklung Bautenfarben bei Adler, ergänzt: „Ein Produkt, das mit dem H317 („Kann allergische Hautreaktionen verursachen“) oder EUH208 („Kann allergische Reaktionen hervorrufen“) gekennzeichnet ist, darf niemals als „biozidfrei/konservierungsmittelfrei“ deklariert werden, auch wenn andere Auslöser hierfür die Ursache sind.“ Für Kirstin Willers, Produktmanagerin Dispersionen bei Brillux, greifen diese Definitionen nicht weit genug: „Unserer Überzeugung nach sollten hier wirklich gar keine Konservierungsmittel eingesetzt werden. Unsere konservierungsmittelfreien Dispersionen kommen daher gänzlich ohne aus.“

Konservierungsmittelfreie Farben: pH-Wert und Betriebshygiene

Bezogen auf die „klassischen“ Konservierungsmittel ist die Aussage „konservierungsmittelfrei“ mit Einhaltung der Grenzwerte erfüllt. Dennoch müssen auch diese Farben vor dem mikrobiellen Befall geschützt werden. „Eine Möglichkeit hat Caparol bereits im Jahr 2002 zum Patent angemeldet“, lässt uns Wolfgang Hoffmann wissen. „Es beruht darauf, dass der pH-Wert der Farbe so hoch eingestellt wird, das sich dauerhaft keine Bakterien bilden können.“ Das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass es durch den hohen pH-Wert möglicherweise ebenfalls zu negativen gesundheitlichen Auswirkungen – wie Hautreizungen oder Augenschädigungen – kommen könne. Beim Fachhandwerker ist dies durch den sachgemäßen Umgang weniger zu befürchten. Wird die Farbe aber an den Heimwerker abgegeben, muss gegebenenfalls darauf hingewiesen werden.

Es gibt weitere bzw. zusätzliche Maßnahmen, Wandfarben ohne die Verwendung von Topfkonservierern zu formulieren, erklärt Thorsten Ehrhardt, Leiter Technik bei Meffert: „Beginnend mit der Selektion der eingesetzten Rohstoffe über spezielle Verfahrenstechnik und Betriebshygienemaßnahmen bis hin zur Abfüllung ist das ein ganzheitlicher Prozess.“ Troppmaier ergänzt, dass außerdem die ordnungsgemäße Lagerung sichergestellt sein müsse. Durch den Verzicht auf Konservierungsmittel gestaltet sich die Produktion dieser Farben in jedem Fall aufwendiger. Da keine Biozide die Farbe vor mikrobiellem Befall schützen, muss besonders sauber gearbeitet werden. Abfüllanlage, Verpackungsmaterial müssen geradezu steril sein. Nur so lässt sich gewährleisten, dass die Farbe unbefallen in den Eimer gelangt. Die zusätzlichen Maßnahmen hinsichtlich der Betriebshygiene schlagen sich auch in den Produktpreisen nieder. Troppmaier spricht von etwa 15 Prozent, die auf eine konservierungsmittelfreie Farbe vergleichbarer Qualität bei Adler addiert werden müssen. Thorsten Ehrhardt differenziert: „Aufgrund der hohen Anforderungen an die verwendeten Rohstoffe, der aufwendigeren Produktionsabläufe und des hohen Aufwands im Bereich der Betriebshygiene sind konservierungsmittelfreie Produkte deutlich teurer. Diese Kosten werden prozentual stärker bei Einstiegsqualitäten in die Preisgestaltung einfließen als bei hochwertigen Farben.“ Diessner hält den Preisunterschied nicht für das entscheidende Kriterium: „Je nach Preisstellung beim Händler sind unsere CleanAir Farben im Vergleich zu unseren herkömmlichen Produkten zwischen 25-50 Cent pro Quadratmeter teurer. Der Preis kann also nicht das Argument gegen konservierungsmittelfreie Farben sein. Der Handwerker sollte die Chance nutzen und sich mit der Beratung von seinen Wettbewerbern absetzen.“ Bei Caparol steht man Preisunterschieden offensichtlich skeptisch gegenüber, wie Wolfgang Hoffmann erläutert: „Eine Anpassung der Verkaufspreise wäre die logische Konsequenz. Aufgrund des hohen Wettbewerbs lässt sich dieser Mehrpreis nicht im Markt umsetzten. Unsere Farben sind preisgleich, was für den Maler eine weiteres Argument ist, derartige Farben zu verwenden: mehr Nutzen zum gleichen Preis.“

Nur noch konservierungsmittelfreie Farben?

Spätestens bei dieser Aussage muss man sich natürlich fragen, ob man dann nicht generell konservierungsmittelfreie Farben einsetzen sollte. André Protze, Produktmanager bei Diessner, vertitt eine eindeutige Meinung: „Der Anteil der Allergiker nimmt stetig zu. Da der Handwerker dem Kunden in der Beratung nicht ansieht, ob er auf die Konservierungsmittel in einem neu gestrichen Raum reagiert, sollte sicherheitshalber bei jeder Beratung hinterfragt werden, ob ein herkömmliches oder ein konservierungsmittelfreies Produkt angeboten werden soll. Man kann normale Innenfarben nicht verteufeln, aber schon den Hinweis auf diesen neuen Qualitätsstand geben.“ Auch Wolfgang Hoffmann empfiehlt dem Maler auf konservierungsmittelfreie Farben umzusteigen: „Emissionsminimierte, lösemittel- und konservierungsmittelfreie Farben kommen dem Kundenwunsch nach hoher Wohnqualität und Wohngesundheit entgegen. Die Produktnachfrage wird in der Zukunft steigen. Ich kann dem Maler nur empfehlen, in sensiblen Wohnbereichen grundsätzlich solche Produkte einzusetzen. Das ist ein Zusatznutzen und bringt Sicherheit. Konventionelle Farben werden sich aufgrund neuer Gesetzgebung verändern, denn ab Ende 2019 müssen diese dann gemäß CLP-Verordnung neu gekennzeichnet werden.“

Im Regelfall unbedenklich

Thorsten Ehrhardt steht der Diskussion offener gegenüber: „Allergien auf die in Farben eingesetzten Topfkonservierer treten bei Personen auf, die sensibilisiert sind, beispielsweise durch häufigen Kontakt mit Wasch- und Reinigungsmitteln oder Kosmetika. Der Großteil der Bevölkerung hat mit topfkonservierten Produkten keine Probleme und kann diese weiter nutzen.“ Ähnlich schätzt Rainer Troppmaier die Situation ein: „Auch konventionelle Wandfarben mit Konservierungsmitteln sind gesundheitlich im Regelfall unbedenklich, haben nach wie vor ihre Berechtigung. Die eingesetzten Konservierungsmittel dienen einer längeren Haltbarkeit und damit auch der Qualität und erhöhen dadurch letztendlich die Kundenzufriedenheit. Da die Konservierungsmittel aber z. T. ein allergieauslösendes Potenzial besitzen, ist es wichtig, dem Kunden Alternativen bieten zu können. Auf lange Sicht ist denkbar, dass Konservierungsmittel komplett wegfallen bzw. dass neue technische Alternativen entwickelt werden, um Produkte länger haltbar zu machen.“ Kirstin Willers grenzt die Einsatzgebiete konservierungsmittelfreier und -haltiger Farben noch deutlicher ab: „Da die Anzahl der Menschen, die auf Isothiazolinone allergisch sind, sehr gering ist, haben konventionelle Farben nach wie vor ihre Daseinsberechtigung. Jeder Kunde ohne diese Allergie bzw. Sensibilisierung kann „herkömmlich konservierte“ Produkte bedenkenlos einsetzen.“

Dass der Einsatz konservierungsmittelfreier Farben für Allergiker selbstverständlich sein sollte, darüber sind sich die Hersteller einig. „Wenn in der Vergangenheit schon allergische Reaktionen bei der Verwendung von Kosmetika, Wasch- und Reinigungsmitteln oder Farben aufgetreten sind, ist der Einsatz einer konservierungsmittelfreien Farbe die einzig richtige Entscheidung“, sagt Thorsten Ehrhardt. André Protze geht noch weiter: „Warum Schadstoffe in einen Raum eintragen, wenn es Produkte ohne diese Schadstoffe gibt? Die meisten unter uns verbringen den größten Teil des Tages im Innenraum. Ob am Arbeitsplatz, in der Wohnung oder unsere Kinder in Schulen und Kindertagesstätten. Aus unserer Sicht sollte der Kunde entscheiden, welche Produkte er an seinen Flächen verarbeitet haben möchte. “

Es sollte nicht verschwiegen werden, dass – trotz der strengen Hygienemaßnahmen bei der Produktion – konservierungsmittelfreie Farben eine wesentlich geringere Lagerstabilität im Vergleich zu konservierungsmittelhaltigen Farben aufweisen. Die Farben sind ungeöffnet etwa ein Drittel weniger lange haltbar. Wird die Farbe geöffnet, gelangen über die Raumluft sofort Bakterien in die Farbe. Ausgewaschene Pinsel oder gar Verdünnen der Farbe mit Wasser führen zu einem rapiden Haltbarkeitsabfall. Konservierungsmittelfreie Farbe sollte daher schnell verarbeitet werden. Die Lagerung von Resten ist fast nicht möglich.

Noch etwas sollte man wissen: Während inzwischen eine ganze Flut an konservierungsmittelfreien Weißqualitäten auf den Markt „geschwappt“ ist, sieht es bei den abgetönten Produkten noch ganz anders aus. Bei Caparol lassen sich derzeit nur Werkstönungen konservierungsmittelfrei herstellen. Von Rainer Troppmaier erfahren wir, dass auch Adler bei den Abtönpasten noch Entwicklungsbedarf hat: „Aus technischer Sicht müssen wir unsere Pigmentpasten in den Tönstationen mit Konservierungsmitteln versetzen, da es sonst zu massiven Problemen mit der Haltbarkeit bzw. der Hygiene kommen würde. Daher sind abgetönte Wandfarben nicht mehr frei von Konservierungsmitteln, der Konservierungsmittelanteil ist jedoch gering.“ Bei Diessner ist man schon einen Schritt weiter: „Mit unserem konservierungsmittelfreien Tönsystem bleiben die Produkte auch nach der Abtönung konservierungsmittelfrei. Das können wir werkseitig und an einigen Standorten im Großhandel gewährleisten. Wir arbeiten daran, die Dichte der Tönmaschinen im Handel zu erhöhen“, lässt uns André Protze wissen. Auch Brillux hält für die konservierungsmittelfreie Wandfarbe Vitalux 9000 bereits eine Lösung parat: „Vitalux 9000 ist auch nach dem Tönen (mit speziellen konservierungsmittelfreien Pasten) noch konservierungsmittelfrei, sogar in intensiven Farbtönen. Mit Vitamix 9018 können manuell Vitalux 9000 und sämtliche Silikat-Innenfarben von Brillux konservierungsmittelfrei abgetönt werden.“

Als eine „Allzweckwaffe“ eignen sich konservierungsmittelfreie Farben daher bislang wohl eher noch nicht. Müssen sie auch nicht unbedingt, wie Wolfgang Hoffmann zusammenfasst: „Aus unserer Sicht macht es Sinn, derartige Produkte in sensiblen Wohnbereichen einzusetzen. Bei der Garage oder Lagerhalle ist der Fokus ein anderer.“

Silikat als Alternative?

Bleibt noch die Frage, ob bei Allergikern statt konservierungsmittelfreier Dispersionsfarbe nicht einfach Silikatfarbe eingesetzt werden könnte. Kirstin Willers: „Hier spricht in der Tat nichts dagegen.“ Auch André Protze hat keine Einwände, ergänzt aber: „Vom Prinzip spricht nichts dagegen. Doch häufig ist der Aufwand in der Vorbereitung höher und das Ergebnis gerade bei Streiflichtflächen oder beim Ausbessern in der Fläche schlechter. Deshalb war es uns so wichtig, Rezepturen auf Dispersionsbasis zu finden.“ Diese Einschätzung unterstreicht auch Rainer Troppmaier: „Prinzipiell spricht nichts dagegen – jedoch kann man sich von „natürlichen“ Farben (Silikat-, Kalk-, Lehmfarben) nicht dieselbe Performance erwarten wie von modernen Dispersionsfarben. Hier geht es auch um die Verarbeitung, Oberflächenqualität und Dauerhaftigkeit (z. B. Reinigungsfähigkeit, Nassabriebbeständigkeit etc.).“ Auch Thorsten Ehrhardt bricht eine Lanze für die Dispersionsfarbe: „Die genannten Produktkategorien können eine Alternative sein, das universellste Produkt ist aber die klassische Dispersionsbeschichtung. Sie ist einfach und sicher in der Anwendung, erzielt Anstriche mit hoher Qualität und bietet ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis.“

Informationen des VdL zu Konservierungsmitteln gibt es hier:
https://bit.ly/2LjRAE3


Thorsten Ehrhardt, Leiter Technik bei Meffert

Der Großteil der Bevölkerung hat mit topfkonservierten Produkten keine Probleme und kann diese weiter nutzen.


Wolfgang Hoffmann, Caparol Markenbotschafter

Bereits 2001 wurde mit Caparol Sensitiv
die weltweit erste emissionsminimierte und
lösemittel- sowie konservierungsmittelfreie
Innenwandfarbe in den Markt eingeführt.


André Protze, Produktmanager bei Diessner

Die Frage ist doch: Warum Schadstoffe
in einen Raum eintragen, wenn es Produkte
ohne diese Schadstoffe gibt?


Rainer Troppmaier, Leiter Entwicklung Bautenfarben bei Adler

Man kann sich von „natürlichen“ Farben
(Silikat-, Kalk-, Lehmfarben)
nicht dieselbe Performance erhoffen wie
von modernen Dispersionsfarben.“


Kirstin Willers, Produktmanagerin Dispersionen bei Brillux

Unserer Überzeugung nach
sollten hier wirklich gar keine
Konservierungsmittel
eingesetzt werden: Unsere
konservierungsmittelfreien Dispersionen kommen daher gänzlich ohne aus.