Technik & Werkstoffe

Luxus oder Zwang?

Man sieht sie nicht, aber dennoch spielen sie eine entscheidende Rolle im Anstrichaufbau: Grundierungen sorgen für eine ausreichende Haftung, regulieren die Saugfähigkeit und verfestigen den Untergrund.

Alfred Lohmann, Caparol

Die Erkenntnis „Jede Beschichtung ist nur so gut wie ihre Grundierung“ galt jahrzehntelang. Heutzutage fragt sich jedoch so mancher, ob diese Basisarbeit, die auf den ersten Blick von keinem bemerkt wird, unbedingt notwendig ist. Auf Grund der angespannten Kostensituation ist es bisweilen auch verlockend, darauf zu verzichten.
Allgemeines zu Grundierungen
Der Markt enthält eine kaum überschaubare Anzahl von Grundierungen, bei der es problematisch ist, den Überblick zu behalten. Trotz des enormen Spektrums lassen sich die Werkstoffe grundsätzlich in vier Gruppen einteilen:
  • transparent-wasserverdünnbar
  • transparent-lösemittelverdünnbar
  • pigmentiert-wasserverdünnbar
  • pigmentiert-lösemittelverdünnbar
Grundierungen basieren immer auf dem Bindemittel der nachfolgenden Beschichtung – gelöst oder verteilt in Wasser oder einem Lösemittel. Deshalb gibt es im wässrigen Bereich für jede Beschichtungsart spezielle Grundierungen, z.B. auf Acryl-Dispersion, Wasserglas oder Siliconemulsion. Bei lösemittelhaltigen Grundierungen ist die Bindemittelbasis ein in organischem Lösemittel gelöstes Kunstharz (Polymerisatharz).
Acryl-Hydrosole gehören zu den hochwertigen Acryl-Dispersionen, weisen jedoch eine bis zu zehnmal feinteiligere Dispersion auf. Diese spezielle Grundierung kann in feinere Kapillare eindringen und dadurch den Untergrund tiefer festigen. Dabei stoßen Grundierungen jedoch bei einer Eindringtiefe von zirka einem bis drei Millimeter an ihre Grenzen. Untergründe, die darüber hinaus zu festigen sind, müssen bauseits erneuert werden.
Je nach Untergrundeigenschaft ist aus den vier Grundierarten das richtige Mittel auszuwählen. Bei saugenden, sandenden und porösen Untergründen wird transparent, bei dichten, glatten, festen sowie gering saugenden Untergründen pigmentiert gearbeitet.
Ob lösemittelhaltige oder wässrige Grundierungen eingesetzt werden, ist außerdem von den besonderen Eigenschaften des Untergrundes abhängig. Generell gilt, dass lösemittelhaltige Grundierungen heute nur noch bei extrem saugenden, sandenden oder sehr glatten Untergründen eingesetzt werden. Auf Grund der verwendeten Lösemittel sind gesundheitliche und ökologische Aspekte zu beachten.
Lösemittelhaltige Grundierungen benetzen den Untergrund jedoch besser als wässrige und dringen tiefer in den Untergrund ein. Deshalb werden gerade stark Wasser saugende, kreidende oder mehlende Untergründe heute noch immer lösemittelhaltig grundiert. Auf Grund der Kapillarkräfte zieht das kleinteilige Bindemittel bei wässrigen Produkten mit dem enthaltenen Wasser als Transportmittel in den Untergrund ein. Wird das Wasser jedoch bereits von der obersten Schicht aufgesaugt, kann auch das Bindemittel nicht in den Untergrund gelangen. Es liegt nun an der Oberfläche und bildet einen dichten, glänzenden Film. Dieser ermöglicht der nachfolgenden Beschichtung nur eine geringe Haftung, wodurch Anstrichschäden auftreten können. Bei lösemittelhaltigen Grundierungen ist das nicht der Fall. Sie dringen auch bei stark saugenden Untergründen ausreichend ein. Allgemein gilt: Grundierungen dürfen nach der Trocknung nie glänzend an der Oberfläche stehen bleiben.
Gesundheitliche Aspekte
Aus gesundheitlichen Aspekten muss beim Verwenden lösemittelhaltiger Grundierungen immer ausreichend gelüftet werden. So enthält eine durchschnittliche Grundierung etwa zehn Prozent Binde- und 90 Prozent Lösemittel. Bei einem Verbrauch von 200 ml/m² bedeutet das: In einem Raum von ca. 50 m² werden zehn Liter Tiefgrund eingesetzt. Die enthaltenen neun Liter Lösemittel müssen durch Lüften beseitigt werden. Um eine starke Geruchsbelästigung in Innenräumen bei lösemittelhaltigem Tiefgrund zu reduzieren, werden heute aromatenfreie Lösemittel verwendet. Hierbei verringert sich jedoch nicht die eingesetzte Menge an eingesetztem Lösemittel, so dass ebenfalls ausreichend gelüftet werden muss.
Bei einer Außenanwendung von lösemittelhaltigen Grundierungen kann es durch Diffusion auch zu Geruchsbelästigung in Innenräumen kommen. Daher ist je nach Wetterlage eine ausreichende Ablüftzeit einzuplanen. Andernfalls kann das im Untergrund „eingesperrte Lösemittel“ neben der Geruchsbelästigung auch zu Blasenbildungen auf der nachfolgenden Beschichtung führen. Grund hierfür ist der sich aufbauende Dampfdruck.
Einsatzgebiete
Transparente Grundierungen wirken festigend und regulieren die Saugfähigkeit eines Untergrundes. Eine Prüfung z.B. durch Benetzen der Oberfläche ist deshalb notwendig.
Pigmentierte Grundierungen wirken haftvermittelnd und egalisieren schwache bzw. nicht vorhandene Saugfähigkeit sowie Farbtonunterschiede. Gerade kaum saugende, dichte oder glatte Untergründe benötigen zur nachfolgenden Adhäsion der Beschichtung eine Haftvermittlung. Diese Produkte enthalten spezielle Bindemittel.
Die Methode, Dispersionsfarben unter Zusatz von z.B. zehn Prozent transparenter Grundierung anzuwenden, ist nicht geeignet. Weder eine ausreichende Haftung auf nicht saugenden Untergründen noch ein Eindringen in feine Kapillare wird dadurch möglich. Als gleichwertiger Ersatz für eine Grundierung ist diese Vorgehensweise nicht zu empfehlen. Lediglich auf matten, gering saugenden und tragfähigen Altbeschichtungen wird die Haftung der nachfolgenden Fassadenfarbe verbessert.
Grundieren im Innenbereich
Grundierungen helfen dem Verarbeiter, gleichmäßige Oberflächen zu erzielen. Gerade große zusammenhängende Deckenflächen mit seitlich einfallendem Licht lassen sich häufig nicht streifenfrei beschichten. Das liegt nicht an der eingesetzten Farbe, sondern am zu stark und ungleichmäßig saugenden Untergrund. Verarbeiter können noch so gleichmäßig und zügig rollen: Wenn der Untergrund unterschiedlich saugt, wird die Beschichtung im Ergebnis immer scheckig auftrocknen.
Liegt eine solche scheckige Fläche erst einmal vor, wird häufig der Fehler begangen, darauf eine weitere Schicht aufzutragen. Die Hoffnung trügt, hierdurch ein gleichmäßigeres Ergebnis zu erzielen. Zunächst ist ein gleichmäßig saugender Untergrund herzustellen. Denn Innenfarben setzen auf Grund ihres geringeren Bindemittelanteils das unterschiedliche Saugverhalten nicht herab, sondern verstärken es vielmehr. Der Untergrund entzieht dem nachfolgenden Anstrich Bindemittel. Dieses wird aber für das Einbinden und Benetzen von Pigmenten und Füllstoffen benötigt. Der Fachmann spricht hier vom so genannten „Aufbrenneffekt“. Pigmentierte Grundierungen schaffen hier Abhilfe. Auf Grund des hohen Bindemittelanteils wird das ungleichmäßige Saugverhalten egalisiert. Die leichte Saugfähigkeit der eingesetzten Füllstoffe in diesen Grundierungen ermöglicht eine gleichmäßige, geringfügig länger feucht stehende Beschichtung, wodurch der Verarbeiter ausreichend Zeit für eine Bearbeitung der Fläche erhält.
Gips- und Gipsfaserplatten
Dass Grundieren kein notwendiges Übel ist, wird auch in den von Gremien des Fachhandwerks erarbeiteten Merkblättern deutlich. Darin nimmt die Untergrundvorbereitung und damit auch die Grundierung breiten Raum ein. Gerade bei Gipskartonplatten, die neuerdings nur noch als Gipsplatten bezeichnet werden, wird dies ersichtlich.
Der Bundesausschuss Farbe und Sachwertschutz (BFS) hat sein Merkblatt Nr. 12 neu überarbeitet und herausgegeben. Neben der Anpassung an neue Begrifflichkeiten, Normen und den Spachtelanforderungen nach Q1 bis Q4 wurde auch der Grundierung ein hoher Stellenwert zugewiesen. Danach müssen alle noch nicht beschichteten Platten nach erfolgter Spachtelung grundiert werden. Erst hierdurch ist eine Angleichung der unterschiedlichen Saugfähigkeit von Plattenoberfläche und Verspachtelung gegeben. Ein Abzeichnen durch zu starkes Saugvermögen, eine unterschiedliche Walzenstruktur und ein unterschiedliches Deckvermögen auf den Spachtelstellen wird hiermit vermieden. Insbesondere bei Streiflicht sind solche Abzeichnungen immer wieder beanstandet worden.
Zudem weist das Merkblatt Nr. 6 des Bundesverbandes der Gipsindustrie e.V. darauf hin, dass es bei Eintrag von zu viel Feuchtigkeit in Gipsplatten zu feinen Haarrissen an den Plattenstößen kommen kann. Gerade eine pigmentierte, wässrige Grundierung erweist sich hier als vorteilhaft. Auf Grund der Rezeptur wird eine geringere Feuchtemenge eingebracht. Der Verarbeiter vermindert hierdurch die Gefahr der Haarrissbildung.
Die Praxis, der Grundbeschichtung auch hier transparente Grundierung zuzusetzen, ist als Grundierung zur Festigung oder Egalisierung völlig ungeeignet. Hierdurch wird zwar der Bindemittelanteil des ersten Anstriches geringfügig erhöht, eine ausreichende Bindemittelmenge zur Grundierung jedoch nicht erreicht. Im Merkblatt Nr. 6 wird eine solche Mischung deshalb nicht als Grundierung anerkannt. Lediglich eine Zugabe von bis zu fünf Prozent Dispersion in eine transparente, wässrige Grundierung als „Streichspur“ ist zulässig.
Die genannten Merkblätter stellen den derzeitigen Stand der Technik dar und führen bei Nichtbeachten zu berechtigten Mängelansprüchen der Auftraggeber. Somit ist der Verzicht auf eine Grundierung kein Kavaliersdelikt, sondern kann den Auftragnehmer teuer zu stehen kommen.
Spezielle Grundierungen
Farbige Beschichtungen gehören heute zur Standardausführung an Fassaden. Gerade Rot- und Orangetöne, aber auch grüne, blaue und andere intensive Farben zeigen häufig nur ein geringes Deckvermögen. Hierbei kann eine dem Farbton der Schlussbeschichtung angepasste Grundierung den Untergrund soweit abdecken, dass eine zweimalige Schlussbeschichtung eine gleichmäßige Fläche ergeben wird.
Gerade bei der Beschichtung von kalkreichen Strukturputzen bei Wärmedämm-Verbundsystemen wird auf Grund der Auftragssituation versucht, diese frühzeitig zu überarbeiten. Dabei ist zu beachten, dass Wartezeiten von mindestens 14 Tagen vor Aufbringen der Farbbeschichtung einzuhalten sind. Mineralische Putze enthalten Calciumhydroxid (wasserlöslichen Kalk). Auf Grund zu kurzer Trocknungsdauer oder feuchten Wetters kann es vorkommen, dass es noch nicht in wasserunlösliches Calciumcarbonat umgewandelt wurde. Wird der Putz dann beschichtet, wandert Calciumhydroxid bei der Austrocknung der wässrigen Fassadenfarbe an die Oberfläche und führt dort zu gräulich-weißen Ablagerungen. Um dies zu verhindern, besitzen hochwertige pigmentierte Grundierungen so genannte Kalkblocker. Sie vermindern die Gefahr von Kalkausblühungen deutlich. Bei Kunstharzputzen stellt sich dieses Problem nicht. Sie können nach der Trocknung überarbeitet werden.
Fazit
Grundierungen sind auch heute bei weitem kein Luxus der Anstrichtechnik. Nur eine richtig ausgewählte Grundierung gewährleistet eine gute Ausführung. Hierbei helfen die Technischen Merkblätter der Produkte bzw. die BFS-Merkblätter jedem Verarbeiter. Die im Verhältnis geringen Kosten für eine Grundierung machen sich für jeden Auftraggeber spätestens durch längere Überarbeitungsintervalle und sichere Folgeüberarbeitungen mehr als bezahlt. Qualitätsbewusste Handwerker werden dies vermitteln können.
Außerdem achten verantwortungsbewusste Verarbeiter gerade im Innenbereich auf gesundheitliche und ökologische Aspekte. Wie bei den hochwertigen Innenprodukten gehört auch bei Grundierungen im Innenbereich, wo immer möglich, der Einsatz von emissionsminimierten, lösemittel- und weichmacherfreien Produkten zur richtigen Wahl. Nur bei besonderen Untergrundanforderungen kann auf lösemittelhaltige Produkte nicht verzichtet werden. Verantwortungsvolles Lüften ist hier jedoch unabdingbar.

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Hochwertige Grundierungen im Innen- und Außenbereich gewährleisten optimale Ergebnisse.
Moderne transparente Acryl-Hydrosol-Grundierungen dringen tief in den Untergrund ein und verfestigen diesen optimal. Im Innenbereich sind emissionsminimierte, lösemittel- und weichmacherfreie Grundierungen vorzuziehen. Im Außenbereich verfestigt gerade das feinteilige Hydrosol-Bindemittel leicht sandende, saugende mineralische Untergründe optimal und gewährleistet dauerhafte Beschichtungen. „OptiGrund E.L.F.“ von Caparol vereint alle diese Anforderungen.
Eine neue Bindemittel-Zusammensetzung auf SolSilan-Technologie ermöglicht eine universelle, pigmentierte Grundierung für Dispersions-, Siliconharz-, Dispersions-Silikatfarben und Polymerisatharzfarben. „CapaGrund Universal“ von Caparol basiert auf dieser Technologie.
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Caparol
Tel.: (06154) 71-0/Fax: -1391

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