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Prägnante Optik

Fassadenfarben Werkstoffe
Prägnante Optik

Bei der professionellen Fassadengestaltung wird Architektur mit Farben interpretiert und aufgewertet – Wie gehen Diplomdesignerinnen und ein Farbgestalter dabei vor?

Autorin: Petra Neumann-Prystaj

Außer guten Ideen gehört viel Know-how dazu, für ein einzelnes Gebäude oder eine komplexe Wohnanlage ein passendes Farbkonzept zu entwickeln. Wobei der Auftraggeber, sei es nun eine Privatperson oder der Vertreter einer Wohnungsbaugesellschaft, dabei auch seine persönlichen Vorstellungen einbringen kann. Entscheidend für ein gutes Ergebnis sind ein gelungenes Gestaltungskonzept, und die Qualität der Beschichtung.

Das vor 45 Jahren gegründete Caparol FarbDesignStudio in Ober-Ramstadt stellt mit seinem zwanzigköpfigen Team etwa 1000 Entwürfe für Architekturobjekte in Deutschland und im nahen Ausland her. Mit über 20 Jahren Erfahrung sind die Diplomdesignerinnen Martina Lehmann und Petra Ruhnau versiert in der Konzeptentwicklung.

„Jedes Objekt verlangt eine individuelle Vorgehensweise“, erklären sie. Bevor der erste Entwurf entsteht, gehen die Designerinnen ähnlich vor wie der freie Farbgestalter Dipl-Des. Erik Pfeiffer in Offenbach: Sie informieren sich zuallererst über die Architektur und die Umgebung des Gebäudes. Idealerweise lassen sie die Atmosphäre des Ortes bei einer Besprechung mit dem Auftraggeber auf sich wirken. Wenn dies nicht möglich ist, werden ihnen von Außendienstkollegen Fotos oder Videos zur Verfügung gestellt. „Schon beim Sichten der Objektbilder entwickelt sich ein Gefühl für die Farbrichtung“, sagt Petra Ruhnau auf die Frage, woher ihr die Ideen zufliegen. Der Farbkontext – also der Gesamteindruck von Nachbarbebauung, Dächern, Gärten, Straßensituation, Verschattungen – ist für sie eine wichtige Information. Beispiele aus der Geschichte der Architektur und Farbklänge aus anderen Ländern dienen als Inspirationsquelle.

„Perplexes Staunen“

Der Diplom-Designer und Maler Erik Pfeiffer hat sein Label für Farbgestaltung bewusst „umgebungsfarbe.de“ genannt. „Doch der Moment der Umgebung darf nicht singulär gedacht werden“, erklärt er, „sondern setzt sich zusammen aus Wirklichkeiten. Ebenso auch digitalen Wirklichkeiten. Alles hat bei mir mit Bild zu tun.“ Pfeiffer dreht Musikvideos, zeigt seine Beamer-Produktionen auf Festivals und schickt seine Drohnen für Foto- und Videoaufnahmen los, um neue Abbildungsmöglichkeiten auszuprobieren. Bei seinen Experimenten sammelt er crossmediale Erfahrungen und lässt sie in seine Entwürfe einfließen. „Wenn der Ort und die Umgebungsfarbe geklärt sind, folgen Überlegungen, ob die Gestaltung Beiwerk ist oder ob beim Betrachter versucht werden darf, etwas in Gang zu setzen“, sagt Pfeiffer. Im besten Falle erreicht er mit dem Endergebnis ein „perplexes Staunen“.

Professioneller Gestaltungsprozess

Im Studio werden im nächsten Schritt Gestaltungsvorschläge unter Berücksichtigung der Nutzung entwickelt. Der Auftraggeber erwartet ein überzeugendes Ergebnis, das über die reine Sanierung hinausgeht. Die neue Fassadenoptik soll häufig prägnant sein, Emotionen wecken und eine hohe Akzeptanz erreichen. Generell sollte die Gestaltung zum Baujahr des Gebäudes, seinem Baustil und zur Nutzung passen sowie soziokulturell verträglich sein. Beispielsweise passt ein türkisblaues Haus sehr gut zu den Lichtbedingungen in Griechenland, während es im Schwarzwald als Fremdkörper auffällt.

„Wir gestalten jedes Objekt ganz individuell“, betonen die Designerinnen. Manchmal haben sie mit Auftraggebern zu tun, die selbst nicht so genau wissen, was sie wollen. Dann hilft meist eine kluge Fragetechnik weiter – oder die vom FarbDesignStudio entwickelten Gestaltungsmittel, zum Beispiel der Fächer Fassade A1 Concept mit Farbharmonien für verschiedene Stile.

Explosion am Modell

In Darmstadt verhalf Erik Pfeiffer drei Studierendenwohnheimen zu einem schwungvollen Erscheinungsbild. Als er den Auftrag für das Studierendenwohnheim „LAB“ in der Berliner Allee erhielt, war das Gebäude noch gar nicht fertiggestellt. Deshalb baute er es nach Architektenplänen in seinem Offenbacher Atelier maßstabsgetreu nach, ließ davor einen in Farben eingepackten Silvesterböller in Stücke fliegen und übertrug die Spritzer und Tropfen auf das LAB-Design. Die mit farbigen Klecksen besprenkelten Wände im Innenhof scheinen nun vor Wucht und Energie zu erzittern. In die Mitte, auf den Boden der Wohnanlage, platzierte er einen lilafarbenen Ruhepol, den virtuellen Ausgangspunkt der Explosion. Das Szenario entsprach den Vorstellungen des Auftraggebers Studierendenwerk, der im LAB einen vibrierenden Akzent setzen wollte. „Genau dort durfte so etwas entstehen“, sagt Pfeiffer. Bei einem Altenheim würde er ganz anders vorgehen.

Beim Studierendenwohnheim Karlshof überspielte er den Gemeinschaftsraum und die Außenanlage mit polygonalen Formen in dezenten Farben und brachte durch radiale Formenzerlegung und schneidende Kreisbogensegmente die Wände zum Tanzen. Ihm ist es sogar gelungen, die gewundenen Leitungsschächte – Technik pur – als mehrfarbige Schlangenkörper in sein Konzept einzubeziehen. Der Clou dabei liegt für ihn in der permanenten Erweiterbarkeit des Bildes. Denn Pfeiffer denkt über den Tag hinaus: Sollten Graffitiübergriffe geschehen, wird das Gesamtbild nach jedem dieser Übergriffe komplexer und diffiziler.

Geschwungene weiße Bögen sind beim Studierendenwohnheim „re_st“ in der Riedeselstraße das Leitmotiv. Sie ranken sich an den beiden Aufzugstürmen empor, von denen jeder sein eigenes, unverwechselbares Farbenspektrum hat. Dieses Spiel zwischen dem Kalt- und Warmfarbsystem ist auch für Pfeiffers großformatige Ölmalereien typisch. Die Schwere und Masse von Beton hebt er durch anmutige, an Blattwerk erinnernde Formen auf, die neben den massiven Spannungsbögen stehen.

Begehrte Mehrfamilienhäuser

Martina Lehmann stand vor der Aufgabe, schlichte, aus den fünfziger Jahren stammende US-Wohnkasernen auf dem Gelände der Darmstädter Lincoln-Siedlung in ansprechende Wohngebäude zu verwandeln. Jetzt unterscheiden sich die vorher uniformen Wohnblöcke durch grafische Akzente in verschiedenen Nuancen aus den Farbbereichen Rot, Gelb und Blau. Damit konnte Martina Lehmann eine lebendige, freundliche Wirkung erzielen und den Mietern gleichzeitig Orientierungshilfe geben.

Weitere Fotos:
www.malerblatt.de

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