Startseite » Aus- & Weiterbildung »

Grundgedanken zur Architekturfarbigkeit

Teil 2: Grundgedanken zur Architekturfarbigkeit
Farbe und Architektur

Für Gestaltungsaufgaben wie die Architekturfarbigkeit ist es unabdingbar, sich der eigenen Prägung bewusst zu werden und Vorstellungen für zukünftiges Gestalten zu entwickeln. – Teil 2 der Serie

Autor: Prof. Klaus Friesch

„Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche“. Diese auf den französischen Politiker Jean Jaures zurückgehende Aussage lässt sich auch auf die Farbgestaltung übertragen. Geprägt in einem politischen Streit zwischen konservativen Traditionalisten und fortschrittlichen Demokraten steht diese Aussage sinnbildlich für die Entwicklung der Baukultur und den Begriff der Moderne. Um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert führte dieses Denken zu einem in vielen Teilen neuen Verständnis des Schönheitsbegriffs.

Umgang mit der Geschichte der Architektur

Aus unserer Gegenwart heraus fühlen wir uns diesem Modernebegriff verbunden und haben dennoch die Aufgabe mit jahrhundertealte Bausubstanz verantwortlich umzugehen. So ist es für Gestaltungsaufgaben eigentlich unabdingbar, sich der eigenen Prägung durch den herrschenden Zeitgeist bewusst zu werden und zugleich durch den Blick zurück in die Vergangenheit, Vorstellungen für zukünftiges Gestalten zu entwickeln.

Der Architekturhistoriker Peter S. Smith hat die Beziehung zwischen Architektur und Ästhetik in einem einprägsamen Bild zusammengefasst. Er unterscheidet Ebenen ästhetischer Bedeutsamkeit. An der Oberfläche entstehen kleine Wellen in kurzer Folge, stete Veränderungen, die mit dem Begriff Mode(n) verknüpft wird. Unterhalb dieser Ebene liegen die Wellenbewegungen in größerer Dimension, die er mit den Stilepochen der Baugeschichte verbindet. Hier geht es um längere Zeiträume, in denen allgemein verbindliche gesellschaftliche Vorstellungen und auch Schönheitsbegriffe ihre Gültigkeit hatten.

Zuunterst liegen – wie im Ozean die Tiefenströmungen – fundamentale ästhetische Werte, die Kulturräume grundsätzlich prägen. Mit diesem Blick „hinter die Kulissen“ der vielfältigen Erscheinungen von Bauwerken lässt sich auch die Farbgestaltung von Architektur – die Architekturfarbigkeit – analysieren.

Möglichkeiten der Architekturfarbigkeit

Einerseits ergibt sich ein „moderner Blick“ auf die Farbigkeit in der Architektur. Dieser mündet in der Frage: Welche grundsätzlichen Möglichkeiten der Farbgebung bestehen bei einem Bauwerk? Meines Erachtens nach sind vier alternative Möglichkeiten im Umgang von Farbe mit einem dreidimensionalen Objekt möglich:

Applizierte Monochromie: Ein Bauwerk erhält unabhängig von den verwendeten Materialien und Bauteilen eine einheitliche monochrome Farbgebung. Farbe egalisiert damit Materialunterschiede und lässt so eine Großform in den Vordergrund rücken.

Materialmonochromie: Ein ähnlicher Effekt wird erzielt, wenn das farbliche Augenmerk auf die Materialeigenfarbigkeit gelenkt wird. Stahlbeton als modernes und vielfältig einsetzbares Baumaterial bietet sich für dieses Konzept besonders an. Die Stilrichtung des Brutalismus steht exemplarisch für dieses Konzept.

Farb- und Materialpolychromie: Architektur ist in erster Linie eine Baukonstruktion aus der intelligenten Kombination unterschiedlicher Bauteile und Materialien. Diese werden entsprechend ihre Fähigkeiten und Anforderungen ausgewählt. Dadurch ergibt sich zwangsläufig eine Mehrfarbigkeit aus Materialeigenfarben und – wo gewünscht oder als Schutz notwendig – auch aus applizierten Farben. Diese Methode führt zu einer Betonung der Form und Konstruktion. Außerdem ist sie die ökonomischste Art des Bauens und so ist es nicht verwunderlich, dass es sich hier um die gebräuchlichste Art der Architekturfarbigkeit handelt.

Dekoration: Eine echte Alternative ist das Verständnis von Oberfläche/Fassade als einem reinen Dekorationselement. Frei von den Formvorgaben und Materialwechseln aus der Architektur kann mit Materialien und Farben eine neue Schicht über ein Objekt gelegt werden.

Diese Herangehensweise der freien Assoziation bietet Chance und Gefahr zugleich, da sich die Erscheinung eines Gebäudes stark verändern kann.

 

210210_Skizzen_Grundprinzipien_Farbigkeit.jpg

Traditionelle Architekturfarbigkeit

Der „traditionelle Blick“ sieht ein Objekt und damit seine Farbigkeit im Kontext von Zeit und Raum. Bauformen und Farben haben sich aus regional verfügbaren Materialien entwickelt. Nur für aufwendige Bauvorhaben wurden Baustoffe unter großem Geldaufwand importiert. Die zeittypische Farbigkeit ist eng mit dem Stilepochenbegriff verwoben und äußert sich durch typische Formen, Materialien und Farben. Mit der zeitlichen Bezugnahme wird auch die Weiterentwicklung der Farbtechnik deutlich. Neuentwickelte Pigmente und Bindemittel sind auch immer zeittypische Erscheinungen.

Zu guter Letzt zeichnet sich eine sinnvolle Architekturfarbigkeit dadurch aus, dass sie zwischen den prinzipiellen Möglichkeiten und den konkreten Kontextbezügen eines Objektes eine Verbindung aufbaut, in Alternativen denkt und darauf aufbauend eine qualitativ hochwertige Lösung anbietet. Nicht alles was möglich ist, erscheint sinnvoll. Daher lohnt sich ein Blick auf Grundprinzipien der Farbigkeit in der Architektur, wie er in den kommenden Kapiteln erfolgt.

 

Anzeige
Malerblatt Wissenstipp
Anzeige
Aktuelle Ausgabe
Titelbild Malerblatt 11
Ausgabe
11.2021
ABO
Anzeige

Malerblatt Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Malerblatt-Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Medien GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum Malerblatt-Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des Malerblatt-Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de