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Mit Abstand betrachten!

Unverdünnt aufgetragen mit Werner Schledt
Mit Abstand betrachten!

Unverdünnt aufgetragen
Foto: Florian Kunde / Adobe Stock

„Es gibt auf der Welt keine größere Distanz als die zwischen gestern und heute!“ Dieses Zitat eines Anonymikers zu Beginn, in einer Phase, wo wir das, was zwischen gestern und heute alles geschehen ist, mit Abstand betrachten und so vielleicht daraus lernen können.

Aus anderem Blickwinkel

„Not ist eine großartige Schule“, sagt ein anderes Sprichwort. Dafür gab es zuletzt treffende Beispiele. Das einer älteren Dame, die ihr Hündchen vom ersten Stock eines Wohnhauses an langer Leine Gassi gehen lässt und hinterher vorsichtig wieder hochzieht, ist mit Abstand das witzigste. Apropos Abstand: Abstand nehmen heißt auch, Dinge aus einem anderen Blickwinkel sehen, z. B. dem von potenziellen Kunden, aber auch dem unserer Mitarbeiter – und auf deren aktuelle Bedürfnisse reagieren. Da gab es zuletzt mehr als nur die virtuellen Konferenzen.

Statt der Bratwurst in der Fankurve kann man sich beim Betrachten der Geisterspiele auch feine Gerichte aus Spitzenlokalen frei Haus servieren lassen und zum Spielverlauf trotzdem seinen Senf dazugeben: Mit einer App, in die man Beifall und Pfiffe dosiert eingibt, die dann kumuliert und als Geräuschkulisse ins Stadion übertragen werden können. Ja, Abstand gegen Ansteckung ist auch eine Gelegenheit, mal über Abstand für Anregungen nachzudenken.

Schnell reagiert

Das hat die kleine Änderungsschneiderei, die flugs modische Masken nähte, ebenso getan wie der große Heizungshersteller, der in kürzester Zeit eine Produktionsstraße auf die Herstellung von Beatmungsgeräten umstellte. Schnell reagiert hat auch eine Brennerei, die anstelle von Digestifs temporär Desinfektionsmittel auf den Markt brachte. Und hell begeistert hat der Gastronom, der das Wort „Parkrestaurant“ einfach wörtlich nahm: Er befestigte an allen Bänken Speisekarten, aus denen die Besucher per Handy bestellen konnten. Von der Schloss-Gaststätte angeliefert wurde per E-Servierwagen direkt an die Parkbank.

Standortwechsel als Methode

Gehört habe ich davon erstmals auf einem Seminar, bei dem der Referent uns empfahl, bei der Heimfahrt kurz einen Parkplatz anzufahren, vom Fahrersitz auf die Rückbank zu wechseln und dort auf ungewohntem Platz das Gehörte kurz zu überdenken und die Notizen ungestört noch einmal durchzusehen. War eine gute Anregung für Standortwechsel als Methode zur Ideenfindung und Problemlösung. Freilich, vielen kommen die besten Ideen beim Joggen oder spontan unter der Dusche, andere brauchen, um Abstand zu gewinnen, Ferien und Fernreisen. Aber man kann auch zuhause und trotzdem weit weg von den Problemen sein, mit dem Kopf spazieren gehen. Dazu gibt es spezielle Methoden, von denen ich einige bei REFA kennengelernt, angewandt und in Seminaren auch unterrichtet habe. Eine davon, der „Morphologische Kasten“, eignet sich speziell zur Lösung von Problemen, deren Struktur bekannt ist. Dabei betrachtet man mögliche Lösungsansätze vorurteilsfrei und distanziert – also mit Abstand. Es gibt Hinweise darauf, dass diese Methode auf Michelangelo zurückgeht, der sie sich für unterwegs zum rationellen Notieren von Gesichtspartien ausgedacht habe und der deshalb auch als eigentlicher Erfinder der Phantombilder gilt, dem bekanntesten Lehrbeispiel dafür. Nach diesem Prinzip entstand übrigens auch der „Baukasten“ für erfolgreiche Leistungslohnsysteme in unserem Handwerk.

Tappt man dagegen bei der Lösung eines Problems völlig im Dunkeln und sieht so gar keinen Ansatz, kann einem die „Synektik-Methode“ schon eher auf die Sprünge helfen. Bei dieser Kreativitätstechnik entfernt man sich auf eine vorgegebene Art vom Ausgangsproblem, je weiter, desto besser.

Man formuliert das Problem zunächst fachübergreifend, global und möglichst kurz. Mein Lehrbeispiel – in Zeiten der Pandemie als kleiner Ausflug ins Reich der Fantasie: Suchte man nach einer neuen Methode zum Abmachen von Tapeten, wäre „Schichten entfernen“ so ein Überbegriff. Dazu sucht man dann Analogien aus den unterschiedlichsten Bereichen, z. B. auch aus der Tier- oder Pflanzenwelt. In diesem Fall käme man vielleicht vom Kartoffelschälen über das Scheren von Schafen, bis zum Häuten der Schlangen und hätte sich so Schritt für Schritt vom Ausgangsproblem entfernt. Dann analysiert man die Analogien bis zu einer, von der man glaubt, sie habe am wenigsten mit dem Ausgangsproblem zu tun. An dem wären wir mit der Schlange wohl noch zu dicht dran. Tapeten, die sich leicht ablösen lassen, gibt’s ja schon. Also müssen neue Analogien her. Der Goldfasan z.B. streift sein prächtiges Kleid ab und darunter kommt ein neues hervor. Also könnte man auf die Idee kommen, einen Wandbelag zu entwickeln, der sich nach einer vorbestimmten Zeit nicht nur fast wie von selbst ablöst, sondern hinter dem sich bereits der nächste oder auch übernächste Wandbelag mit anderem Design verbirgt. Geht nicht, werden Sie vielleicht an dieser Stelle sagen, der Lösungsansatz schießt ja weit über das Ziel hinaus. Pustekuchen, analysieren Sie einfach eine andere Analogie, z.B den Löwenzahn: Nachdem er voll erblüht ist, mutiert er nach vorbestimmtem Zeitraum zur Pusteblume und entfernt sich selbst – wie weggeblasen. Vielleicht ist das ein neuer Lösungsansatz? „Geh‘ auf Abstand, indem du Vertrautes verfremdest und dich mit Fremdem vertraut machst“, ist das Erfolgsrezept dieser Methode. Sie führt vom Ausgangsproblem nur vermeintlich weit weg und durch die Betrachtung und Analyse der Analogien oft zu nahegelegenen Lösungen, auf die man ohne die methodisch herbeigeführte Distanz kaum gekommen wäre.

Vorsorge statt Fürsorge

Noch so ein Sprichwort, dessen Beherzigung zuletzt manchem geholfen hätte: „Spare in der Zeit, dann hast Du in der Not!“ Ist es nicht erschreckend zu lesen, dass so viele Normalverdiener schon mit der kurzzeitigen Einkommensminderung, z. B. bei Kurzarbeit, in „ein tiefes Loch“, so Politiker, Sozialverbände und Gewerkschaften, gefallen sind? In schwierigen Zeiten rächt sich, dass aus der mittleren Generation jeder zweite meint, „was aus dem Leben machen“ und konsumieren sei wichtiger als sparen. 40 Prozent dieser Gruppe setzt für das Alter auf eine Erbschaft, über die Hälfte sagt aber auch, dass ihnen die Sorge um die Finanzierung des Ruhestandes bisweilen den Schlaf raube. Vielleicht ist zum Thema „Notgroschen“ während der Krise ja da und dort „der Groschen gefallen.“

Recht zur Heimarbeit?

Klingt fortschrittlich. Die SPD hat das jetzt gefordert. Heimarbeit ist umweltfreundlich und kann kostensenkend sein. Ob aber bedacht wurde, dass sich dem kritisierten „Präsens-Wettbewerb“ am Arbeitsplatz nur entziehen kann, wer zu Hause auch den notwendigen Platz und die Ruhe hat? Wir Handwerker könnten ein solches Recht am Bau ohnehin nicht in Anspruch nehmen.

Und von den Angestellten werden nicht wenige die Nähe zu Kollegen der des häuslichen Arbeitsplatzes vorziehen. Mit dem Home-Office werden sich fraglos noch viele interessante Möglichkeiten eröffnen – für Betriebe und Beschäftigte. Das ist richtig. Aber ein einseitiges Recht? Das wäre schlecht.

Beständig ausbauen

Auch das könnte Bestand haben: Fortschrittliche Handwerkskammern haben schon länger für die Vorbereitung auf die Meisterprüfung digitale Angebote gemacht, andere erst in der Krise. Solche Lerneinheiten könnten bleiben und den Direktunterricht, nicht nur im kaufmännischen Teil, begleiten. Dies umso mehr, als die Vorbereitungskurse für die Handwerker vielfach nach vollen Arbeitstagen zu absolvieren und teils auch noch mit längeren Anfahrten verbunden sind. Beim digitalen Lernen nach Feierabend, allein oder in Konferenz mit Kollegen, kann man schon mal entspannt die Füße hochlegen.


PraxisPlus

Autor Werner Schledt war jahrzehntelang Betriebsberater und Verbandsgeschäftsführer im hessischen Maler- und Lackiererhandwerk.

Werner Schledt

Gangstraße 35 c

60388 Frankfurt/Main

werner@schledt.de

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