Technik & Werkstoffe

Spritzen statt rollen?

Produktions- und Lagerhallen, Baumärkte und Möbelhäuser – die meisten dieser Gebäude besitzen eine Metallfassade. Die Beschichtung der nicht selten mehrere 1000 Quadratmeter großen Flächen ist eine interessante Aufgabe für den Maler- und Lackierer. Was ist bei der Spritzlackierung dieser Großflächen zu beachten?

Bernhard Linck, Caparol

Dem Fachverarbeiter ist durchaus bewusst, wie wichtig die Auswahl des richtigen Beschichtungssystems für eine Metallfassade ist. Da die Fassaden vielfach in intensiven Farbtönen beschichtet sind, bedarf es farbtonstabiler Beschichtungen. Aber auch die Haftung auf den werkseitig Coil Coating-lackierten Blechen muss im Vorfeld geprüft werden.
Neben der Auswahl des Beschichtungssystems ist aber auch die Wahl der geeigneten Beschichtungstechnik bedeutsam. Die zum Teil riesigen Fassadenflächen sind auf den ersten Blick prädestiniert für die Spritzlackierung. Unbestreitbar ist das die rationellste Beschichtungsmethode. Aber es ist schon ein Unterschied, ob man ein Garagentor oder eine Fassadenfläche spritzlackieren will – und das über mehrere Gerüstlagen und einigermaßen ansatzfrei. Wenn es sich dann auch noch um einen Eisenglimmer-, Perlglanz- oder Metalliclack handelt, sollte man genau wissen worauf es ankommt.
Es überrascht immer wieder, in welcher Entfernung Fahrzeuge und andere Gegenstände durch Spritznebel verunreinigt werden können. Je höher die Fassade und je stärker der Wind, um so weiter wird der beim Spritzlackieren immer noch unvermeidbare Farbnebel getragen. Und dieser fällt auch nach 100 Metern nicht etwa als trockener Staub vom Himmel, sondern haftet auf lackierten Flächen derart hartnäckig, dass er nur durch aufwändiges Polieren wieder zu entfernen ist. Daher ist schon im Vorfeld eingehend zu prüfen, ob das Objektumfeld überhaupt eine Spritzlackierung zulässt. Nicht nur parkende Fahrzeuge können in Mitleidenschaft gezogen werden, sondern auch benachbarte Gebäudefassaden.
Die vorherrschende und zum Zeitpunkt der Beschichtung gegenwärtige Windrichtung ist zu berücksichtigen. Die in Deutschland vorherrschende Windrichtung ist Nordwest bis Südwest. Liegen gefährdete Flächen im Bereich der vorherrschenden Windrichtung wird das Risiko schnell unkalkulierbar groß. Auf jeden Fall müssen Windstärke und -richtung zum Zeitpunkt der Beschichtung laufend beobachtet werden, wenn man sich in einem kritischen Umfeld bewegt. Mit geeigneten Gerüstnetzen kann der Spritznebel zwar eingedämmt werden, völlige Sicherheit bieten sie aber nicht. Zudem schatten Gerüstnetze die Fassade ab, so dass etwaige Unregelmäßigkeiten in der Lackierung erst nach dem Abrüsten der Fassade sichtbar werden.
Der Aufwand der erforderlichen Abdeckmaßnahmen z.B. von Vordächern aus Glas, Reklameschildern, Beleuchtungen, Fenstern und ähnlichem muss abgewogen werden. Vorsicht ist auch bei Ansauganlagen für die Klima- und Lüftungstechnik geboten.
Rollen oder spritzen?
Kommt man zu dem Ergebnis, dass eine Spritzlackierung auf Grund des Umfeldes nicht möglich ist, bleibt nur der manuelle Auftrag mit der Rolle, obwohl dieser mehr Zeit in Anspruch nimmt. Problematisch wird es wiederum dann, wenn der Kunde einen Eisenglimmer-, Perlglanz- oder Metalliclack wünscht. Und das ist in den letzten Jahren immer häufiger der Fall. Besonders die Farbtöne RAL 9006 (Weißaluminium) und RAL 9007 (Graualuminium) sind fast schon Trendfarbtöne. Diese Lacke lassen sich großflächig nur im Spritzauftrag einigermaßen ansatz- und streifenfrei lackieren. Wenn das Umfeld der Fassade das Spritzen nicht zulässt, muss der Kunde davon überzeugt werden, dass eine materialgerechte Lackierung unter den gegebenen Verhältnissen nicht möglich ist. Oftmals ist aus einem Abstand von 50 Metern ohnehin nicht mehr zu erkennen, ob ein Metallic- oder Glimmerlack wie RAL 9007 aufgebracht wurde. Dann kann die Lackierung genau so gut mit einem unifarbenen Lack im Rollauftrag ausgeführt werden. Entscheidend ist der „betrachtungsübliche Abstand“ für das jeweilige Objekt. Dies muss dem Kunden jedoch dargelegt und ggf. bemustert werden.
Ideal für die Spritzlackierung einer Metallfassade ist eine fahrbare Scherenbühne. Auf der Arbeitsfläche ist genügend Platz, um nach beiden Seiten eine größere Fläche zu bearbeiten. Das Klettern über die Gerüstlagen entfällt, und es kann weitgehend ansatzfrei gearbeitet werden. Zudem wird die Fassade nicht abgeschattet. Das Ergebnis ist sofort ganzflächig zu sehen und zu überprüfen. Voraussetzung: Der Bereich unmittelbar vor der Fassade muss ungehindert befahrbar sein.
Die Teleskopbühne bietet in der Regel nur einen Arbeitskorb und damit eine eingeschränkte Bewegungsfreiheit, jedoch ansonsten die gleichen Vorteile wie die Scherenbühne. Vorteil: Hindernisse vor der Fassade wie Bewuchs, Vordächer und Anbauten können überbrückt werden. Das Rollgerüst unter Beachtung der gesetzlichen Vorschriften kann ebenfalls eine gute Lösung sein, wenn die Fassade umfahrbar ist. Vorteil auch hier: Keine Abschattung der Fassade. Das optische Ergebnis kann sofort überprüft werden. Oftmals bleibt aber nur das Errichten eines konventionellen Fassadengerüstes. Ein leistungsfähiger Stromanschluss, an dem ggf. auch mehrere Spritzgeräte gleichzeitig betrieben werden können, ist unbedingte Voraussetzung für ein störungsfreies Spritzen.
Welches Spritzverfahren?
In der Regel sind alle unifarbenen Lacke problemlos mit dem Airlessgerät verarbeitbar. Bei Glimmerfarben und Metalliclacken sieht die Sache schon anders aus. So können Glimmerfarben zwar meistens mit dem Airlessgerät verarbeitet werden – aber es gibt Ausnahmen. Metalliclacke sind in aller Regel nicht airlessspritzbar. Auch das Airlessspritzen mit Druckluftunterstützung wie z.B. Airmix oder Aircoat ergibt keine zufriedenstellenden Ergebnisse. Für die gleichmäßige, wolkenfreie Lackierung von Metalliclacken ist eine feine Zerstäubung des Lackes und ein dosierter, weicher Spritzstrahl erforderlich. Möglich ist das mit dem HVLP- Spritzen. HVLP bedeutet High Volume Low Pressure. Das Prinzip ist das des klassischen Hochdruckspritzens. Ein Kompressor erzeugt Druckluft, die den Lack aus der Pistole fördert und an der Düse einen feinteiligen Spritzstrahl formt. Heute arbeitet man allerdings nicht mehr mit Spritzdrücken von bis zu fünf bar, sondern mit einem auf ca. zwei bis drei bar reduzierten Druck (Low Pressure). Dafür muss der Kompressor eine größere Luftmenge (High Volume) liefern. Durch den geringeren Spritzdruck entsteht deutlich weniger Overspray bzw. Spritznebel. Natürlich kann man eine Großfläche nicht mit einer Spritzpistole mit Fließ- oder Druckbecher spritzen. Es ist ein größerer Behälter erforderlich wie z.B. ein Druckkessel, der ein 10 Liter-Gebinde aufnehmen kann. Schon in der Planungsphase ist zu berücksichtigen, welches Spritzverfahren angewendet werden muss. Die Angaben des Herstellers in den Technischen Produktinformationen und evtl. ergänzenden Informationen geben wichtige Hinweise.
Airless und HVLP-Spritzen
Das Airlessspritzen ist im Maler- und Lackiererhandwerk das gebräuchlichste Spritzverfahren. Die erforderlichen Daten wie Düsendurchmesser und Materialdruck können den technischen Produktinformationen entnommen werden. Es handelt sich dabei allerdings um Orientierungswerte, die je nach Gerätetyp abweichen können. Neben dem Düsendurchmesser ist auch der Spritzwinkel von Bedeutung. Er beschreibt die Breite des Spritzstrahls. Für die Metallfassade ist ein Spritzwinkel von 60 Grad am besten geeignet, da dieser eine angemessene Flächenleistung und einen nach den Seiten weich auslaufenden Spritzstrahl ermöglicht. Für die Verarbeitung der in der Regel recht grobteiligen Glimmerfarben sind Membranpumpengeräte nicht geeignet. Es sind leistungsfähigere Airlessgeräte mit Kolbenpumpe erforderlich.
Auf keinen Fall sollten Schläuche verwendet werden, mit denen vorher Dispersionslacke oder gar Fassadenfarben gespritzt wurden. Die Lacklösemittel lösen die in den Schläuchen immer noch anhaftenden Dispersionsreste an, was zum regelmäßigen Verstopfen der Düse führt. Für das Lackieren von lösemittelhaltigen Lacken sollte man daher immer separate Schläuche verwenden.
Beim Kesseldruckgerät wird ein Teil der Druckluft abgezweigt und von oben in den Kessel geleitet. Im Farbkessel wird so ein Überdruck erzeugt, der den Lack über ein Steigrohr und einen Schlauch zur Pistole fördert. Bei einem ausreichend großen Volumen kann das Lackgebinde direkt in den Kessel gestellt und nach dem Spritzen als leeres Gebinde wieder entnommen werden. Für die Reinigung kann wiederum ein Gefäß mit Verdünnung hineingestellt werden, um die Anlage durchzuspülen. Der Reinigungsaufwand ist damit sehr gering. Der Lack kann auch über Nacht in der Anlage verbleiben. Eine Reinigung am Ende eines jeden Arbeitstages ist also nicht erforderlich.
Für einen störungsfreien Betrieb ist ein Kompressor mit einer Luftansaugleistung von 500 Litern pro Minute erforderlich. Damit die für das HVLP-Spritzen benötigte Luftmenge zur Verfügung steht, ist vor allem die Abgabeleistung (Nennleistung) des Kompressors von Bedeutung. Diese muss, abhängig von Gerätetyp und Hersteller, mindestens 400 Liter pro Minute betragen. Am Druckluftanschluss der Spritzpistole soll bei abgezogenem Pistolenhebel ein dauerhafter Druck von 2,5 bar anliegen. Nur dann ist eine ausreichende Druckluftversorgung für ein störungsfreies, gleichmäßiges Spritzen gewährleistet. Der Kompressorkessel sollte ein Volumen von mindestens 50 Litern haben.
Zwischen Kompressor und Kesseldruckgerät ist ein funktionierender Öl- und Wasserfilter erforderlich, da der Kompressor Kondenswasser und Öldämpfe absondert, welche erhebliche Oberflächenstörungen in der Lackierung verursachen können. Besonders nach längerer Standzeit sammelt sich im Kompressorkessel Kondenswasser. Dieses sollte vor Arbeitsbeginn an dem dafür vorhandenen Ventil an der Unterseite des Kompressorkessels abgelassen werden. Bei feuchtwarmer Witterung kann ein mehrmaliges Entwässern am Tag erforderlich sein.
Die Druckluftschläuche müssen antistatisch und silikonfrei sein. Der Innendurchmesser der Schläuche sollte neun Millimeter betragen bei einer Länge von maximal 20 Metern. Jeder Meter Schlauchlänge reduziert den an der Pistole zur Verfügung stehenden Druck um ca. 0,1 bar. Besonders Schlauchkupplungen können den Druck erheblich reduzieren. Es ist daher sinnvoll, den Druck nicht am Manometer von Kompressor oder Farbkessel zu kontrollieren, sondern an einem Manometer an der Pistole. Modernere Spritzpistolen haben bereits ein Digitalmanometer im Pistolengriff.
Vor Beginn der Arbeiten ist die Witterung zu berücksichtigen. Das gilt besonders für die Taupunkttemperatur. Oberflächen- und Umlufttemperaturen von unter 5 Grad Celsius sind für die Beschichtung einer Metallfassade auf Grund der zu befürchtenden Kondensatbildung nicht geeignet. Aber auch Temperaturen von mehr als 25 Grad Celsius sind problematisch, da durch das schnelle Antrocknen des Lackes kaum noch eine gleichmäßige Fläche zu erzielen ist. Das Gleiche gilt bei starkem Wind.
Der Lack sollte nach Herstellerangabe verdünnt werden. Der Spritzstrahl wird auf einer Testfläche eingestellt. Wird die Pistole in einem Abstand von 20 bis 30 cm auf einen Punkt abgedrückt, muss das Spritzbild eine saubere, flache Ellipse ergeben.
Die richtige Spritztechnik
Begonnen wird mit dem Spritzen auf der obersten Gerüstlage mit einer zwei bis drei Meter breiten Fläche. Im ersten Schritt wird diese Fläche dünn angenebelt. Es wird also nur ein hauchdünner, aber vollflächiger Farbnebel aufgespritzt. Die dünne Farbschicht lässt den Untergrund noch durchscheinen und hat eine Apfelsinenschalenstruktur (auf Grund der dünnen Schicht noch keinen Verlauf). Diesen Farbfilm lässt man je nach Beschichtungsstoff und Witterung kurz ablüften bzw. antrocknen, so dass die Oberfläche nahezu klebefrei ist.
Im zweiten Schritt wird der Lack farbdeckend und so aufgespritzt, dass er verläuft. Die angenebelte dünne Farbschicht des ersten Spritzganges fungiert nun als Haftbrücke, da diese bei lösemittelhaltigen Lacken wieder leicht angelöst wird. Das ermöglicht eine höhere Nassschichtdicke, ohne dass der Lack anfängt zu laufen. Aber auch hier gilt, besonders bei Metalliclacken: nicht zu dick auflegen, da sonst die Alubronze ungleichmäßig ausgeschwemmt wird (Hammerschlageffekt). Bei wasserverdünnbaren Lacken wird nicht vorgespritzt, da auf Grund des geringen Lösemittelgehaltes kein Anlösen des aufgenebelten Farbfilms möglich ist.
Beim Spritzen von Metalliclacken kann die Fläche in einem direkt anschließenden dritten Arbeitsgang noch einmal diagonal angenebelt werden. Mit der Spritzpistole also noch einmal hauchdünn schräg über die Fläche fahren. Damit wird eine noch vorhandene Streifigkeit beseitigt.
Bis hierhin unterscheidet sich die Spritztechnik nicht vom Lackieren einer kleineren Fläche. Auf einer Tür oder einem Garagentor würde man genauso vorgehen. Es kommt nun darauf an, die so gespritzte Teilfläche über mehrere Gerüstlagen zu einer möglichst ansatzfreien Fläche zu verbinden. Das ist nur zu machen, wenn es gelingt, in Bahnen von etwa zwei bis drei Metern Breite von oben nach unten, nass in nass, zu spritzen.
Nachdem der Verarbeiter auf der obersten Gerüstlage wie beschrieben lackiert hat, übernimmt ein Kollege auf der darunter befindlichen Gerüstlage das Spritzgerät. Währenddessen wechselt der nun freie Verarbeiter auf die wiederum darunter befindliche Gerüstlage. Außerdem muss darauf geachtet werden, dass man nicht seitwärts in die bereits fertig gespritzte Fläche „hineinnebelt“. Das ist zu verhindern, indem man ein Brett in die Sicke des Trapezbleches stellt. So wird Bahn neben Bahn von oben nach unten gespritzt. Bei größeren Fassaden ist der Einsatz von mehreren Spritzgeräten sinnvoll. Gerade bei Glimmerfarben und Metalliclackierungen ist ein absolut wolken- und ansatzfreies Bild nicht zu erzielen. Trotz des Einsatzes von Spritzgeräten handelt es sich hier letztlich um eine handwerkliche Ausführung und nicht um eine Industriebeschichtung. Um späteren Ärger zu vermeiden, sollte man das dem Kunden von vornherein mitteilen.
Spritzerfahrung ist notwendig
Einen Metalliclack auf einer Fassade zu spritzen mit einer Mannschaft ohne hinreichende Erfahrung im Umgang mit Spritzgeräten wäre geradezu verwegen. Abhängig von der Größe der zu lackierenden Fassade sollten mindestens zwei, besser aber drei Mitarbeiter über Erfahrung verfügen. Zusätzlich ist ein vierter Mann erforderlich, der für den reibungslosen Ablauf am Boden sorgt – z.B. für die Materialversorgung der Spritzgeräte.

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